Verlagsleiter: Müssen uns auf andere als Kirchennahe fokussieren
Christliche oder kirchliche Verlage haben es auf dem Buchmarkt seit Jahren schwer und müssen nach Wegen suchen, wie sie ihre Inhalte an die Leser bringen. Das geht auch dem Vier-Türme-Verlag nicht anders, der zur Benediktinerabtei Münsterschwarzach gehört. Dort hat man sich nun etwas Besonderes ausgedacht, um für Aufmerksamkeit zu sorgen: eine eigene christliche Buchmesse. 13 religiöse und spirituelle Verlage werden kommende Woche bei den "Münsterschwarzacher Büchertagen" ihr aktuelles Programm vorstellen. Was sich die Abtei und der Vier-Türme-Verlag davon erhoffen, wie sie sonst auf die Entwicklungen auf dem Buchmarkt reagieren und sich für die künftige Herausforderungen aufstellen, erläutert Bruder Ansgar Stüfe. Der Benediktiner leitet den Verlag.
Frage: Bruder Ansgar, wie blicken Sie auf die aktuelle Lage des religiösen Buches auf dem Markt?
Br. Ansgar: Die Situation ist äußerst schwierig, weil mehrere Probleme zusammengekommen sind. Der Corona-Einbruch hat ja allen Buchläden geschadet, aber von Schließungen waren besonders viele christliche, katholische wie evangelische, betroffen. Auch bei den Sparzwängen in den Diözesen gibt es die Tendenz, beim Buchhandel Sparmaßnahmen zu ergreifen. Dadurch ist für uns ein großer Kreis unserer Zielgruppen nicht mehr erreichbar. Und dann kommt natürlich noch die allgemeine Krise der Kirche hinzu.
Frage: Wie reagieren Sie als kirchlicher Verlag auf diese Entwicklungen?
Br. Ansgar: Wir müssen uns fragen, wie wir unsere Themen voranbringen. Das bedeutet, dass wir das Thema Religion und Theologie nicht mehr explizit und direkt auf den Markt bringen, sondern im Rahmen von anderen Literaturformen: zum Beispiel Lebenshilfe im christlichen Sinne und Spiritualität. Das andere ist, wie das eigentlich auch Jesus selbst gemacht hat in seinen Gleichnissen, über kurze Erzählungen und Geschichten, fast belletristisch, den Menschen nahezubringen, was christliches Verhalten bedeutet. Und drittens wollen wir auch einen Beitrag zu allgemeinen Debatten leisten, indem wir uns an Büchern beteiligen, die zum Beispiel die Themen kulturelle Aneignung, Folgen der Corona-Pandemie und Umwelt aus christlicher Sicht betrachten. Das ist auch ein Weg, der Zukunft hat.
Frage: Was wird dann aus dem klassischen wissenschaftlich-theologischen Buch?
Br. Ansgar: Dieses Format wird wahrscheinlich mehr oder weniger vom Markt verschwinden. Das wird dann von Stiftungen abhängen, die solche Bücher finanzieren. Es gibt praktisch überhaupt keine theologischen Bücher mehr, die eine Auflagenhöhe von mehr als 500 oder 600 haben.
Frage: Wie würden Sie denn die Zielgruppe oder die Leserschaft Ihres Verlags beschreiben?
Br. Ansgar: Sie ist ausgesprochen heterogen. Ich würde sagen, ein Drittel ist noch ganz traditionell mit der Kirche verbunden. Ein Drittel ist kirchenkritisch. Und ein Drittel sind Menschen, die eigentlich nicht kirchlich gebunden sind, die aber geistlich auf der Suche sind, also nach einem Sinn in ihrem Leben. Wir als Benediktinerkloster sind nicht ganz so im Zentrum der Kirche und haben dadurch auch die Möglichkeit, mehr "Randgruppen" anzusprechen. Das merkt man auch an den Gästen in unserem Kloster.
Frage: Sie haben es ja bereits angesprochen: Um weiter eine Chance auf dem Buchmarkt zu haben, müssen Sie darauf achten, das Themenfeld zu erweitern, um neue Zielgruppen zu erschließen. Ich vermute, dass das bei traditionelleren Lesen eher für Naserümpfen sorgt.
Br. Ansgar: Es gibt schon Leute, die das kritisch sehen. Das hat aber noch keinen größeren Einbruch verursacht: Bisher ist es uns gelungen, dass uns die Kunden nicht weggelaufen sind. Aber diese Gruppe nimmt auch ab. Eine unserer theologischen Reihen, die vor Jahrzehnten ein großer Erfolg war, wird mittlerweile nur noch von wenigen gelesen. Deswegen müssen wir uns auf andere fokussieren. Wir sehen es schließlich als unseren Auftrag, Themen des christlichen Glaubens nicht nur denen nahezubringen, die ihn schon kennen. Das ist eine ganz große Aufgabe für die Zukunft, bei der wir erst am Beginn stehen. Die Crux dabei ist, dass die Abteilungen für "Religion" in den Buchhandlungen immer kleiner werden, teilweise nur noch wenige Regalfächer im großen Bereich der "Spiritualität". Obwohl es uns schon lange gibt, sind wir ein kleiner Verlag mit einer begrenzten Reichweite. Da gehen wir natürlich auch neben manchen großen Namen unter. Vielleicht trauen sich deshalb auch Buchhandlungen nicht, unsere Bücher ins Sortiment zu nehmen, weil sie denken, uns kennt niemand und das verkauft sich nicht – auch, wenn die Inhalte gut sind und viele ansprechen würden. Daran müssen wir intensiv arbeiten.
Frage: Ihre Arbeit ist oft sicher ein schmaler Grat: Einerseits muss man als Verlag Geld verdienen, andererseits sollte das Angebot eines kirchlichen Verlags auch nicht beliebig sein. Wie gehen Sie damit um?
Br. Ansgar: Das Kloster trägt den Verlag weiter, auch wenn wir keine Spitzenerträge erzeugen. Große Einnahmen kann man aber mit den Fachverlagen heutzutage nur noch selten machen. Was wir auch als eine unserer Aufgaben sehen – das haben wir auch in der "Verlagsgruppe Engagement", in der elf katholische Verlage vertreten sind, so besprochen – ist, dass die Bischöfe uns besser wahrnehmen. Ich habe das mal ausgerechnet: Auch wenn wir ein kleiner Verlag sind, haben wir vergangenes Jahr 270.000 Druckerzeugnisse verkauft. Wir erreichen also schon eine Menge Leute.
Frage: Sie haben ja mit Anselm Grün einen ganz großen Player im Bereich des religiösen Buchs, der eben besonders durch seine Bücher zum Thema Lebenshilfe und Spiritualität ein großes Publikum erreicht. Was machen Sie denn, wenn er irgendwann in näherer Zukunft mit dem Schreiben aufhören sollte?
Br. Ansgar: Wir hoffen natürlich, dass er uns noch lange erhalten bleibt. Aber natürlich bereiten wir uns darauf vor, indem wir neue Autoren vorstellen. Vor rund zehn Jahren waren noch 70 Prozent unserer Bücher von ihm, inzwischen sind es 40 Prozent. Wir haben jetzt auch ein paar jüngere Mitbrüder, die gut schreiben. Da hoffe ich natürlich, dass die nach und nach ein größeres Publikum bekommen. Unsere Aufgabe ist es, sie bekannt zu machen und dadurch neue Leser zu erschließen.
Frage: Nun veranstalten Sie im Kloster Münsterschwarzach erstmals eigene Büchertage, zu denen Sie ganz bewusst nur kirchliche Verlage eingeladen haben. Es gibt ja große Buchmessen, etwa in Frankfurt oder Leipzig. Lohnt sich ein Auftritt kirchlicher Verlage dort nicht mehr?
Br. Ansgar: Es ist schon ein sehr ausgesuchtes Publikum, das bei großen Buchmessen zu den Ständen der kirchlichen Verlage kommt. Schon vor Corona haben wir gemerkt, dass die christlich-spirituellen Verlage durch die Platzierungen in den Hallen in der Masse untergehen. Bei den Buchmessen 2021 und 2022 hat sich für uns ein Stand nicht mehr gelohnt.
Frage: Was erhoffen Sie sich dann von Ihrer eigenen Buchmesse?
Br. Ansgar: Wir hoffen, dass zum Beispiel an dem Samstag etwa 1.000 bis 2.000 Menschen zu uns kommen. Das wäre für alle Verlage eine Besucherzahl, die es für sie sonst auf keiner Messe gäbe. Das sind dann auch alles Menschen, die von vornherein interessiert sind.
Frage: Aber besteht da nicht vielleicht dann doch die Gefahr, wieder in der in dieser eigenen Sphäre, der eigenen Blase zu bleiben?
Br. Ansgar: Das ist richtig. Aber wir hoffen, dass wir allein durch das Ereignis über unsere Grenzen hinaus in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. So werden vielleicht auch Buchhändler animiert, auch unsere Bücher mal ins Regal zu stellen. Eine kirchliche Buchmesse ist eine völlig neue Idee; es hat noch nie eine stattgefunden. Allein aus dieser Neuigkeit heraus wollen wir eine gewisse Aufmerksamkeit erregen.
Frage: Wie sehen Sie denn Ihren Verlag grundsätzlich für die künftigen Herausforderungen aufgestellt?
Br. Ansgar: Da wir uns dem Ringen um die Zukunft bereits seit langem stellen, sehr gut. Wir haben auch keine allzu großen Verluste und sich geschäftlich relativ stabil. Dankbarerweise können wir auch sagen, dass wir ein Kloster sind, das Nachwuchs hat. Ich bin zuversichtlich, dass sich unter den jungen Mitbrüdern jemand für das Schreiben begeistern kann. Da haben wir auch schon den einen oder anderen in Aussicht. Was uns auch absichert: Viele unserer Autoren geben zum Beispiel auch Kurse in anderen Klöstern. Damit ist automatisch auch Werbung verbunden.
Die "Münsterschwarzacher Büchertage" finden vom 18. bis 21. Mai statt.