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Zu Besuch in einer der letzten Glockengießereien Deutschlands

Vom Aussterben bedroht?

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Brockscheid - Schiller setzte den Glockengießern mit seinem "Lied von der Glocke" ein Denkmal. Heute aber ist das Gewerbe hierzulande vom Aussterben bedroht. Ein Besuch bei einer der letzten Gießereien Deutschlands.

Wandermönche brachten die Glocken vor etwa 1.500 Jahren aus Asien mit, wo sie bereits seit sechstausend Jahren gefertigt und geläutet werden. Sie verbreiteten sie in Kirchen und Klöstern und entwickelten schließlich selbst ein Verfahren, um große klangstarke Glocken zu fertigen. Es war die Geburtsstunde des Glockengusses, ein Handwerk, das bis heute auf althergebrachte Weise ausgeübt wird und dessen Komplexität im Klang der Glocken wiederhallt.

Cornelia Mark-Maas ist die einzige Glockengießermeisterin Deutschlands - vielleicht sogar der ganzen Welt. Sie leitet ihren Betrieb, die Eifeler Glockengießerei in Brockscheid, bereits in der sechsten Generation. Seit 1840 steht die Gießerei an diesem Ort, die Anfänge der Eifeler Glockenbauer-Dynastie reichen jedoch sogar bis ins Jahr 1620 zurück. Damals gingen Glockengießer noch auf Wanderschaft. Sie reisten von Ort zu Ort und gossen die schweren Glocken direkt an den Kirchen. Heute exportiert die Familie ihre Glocken weltweit. Die tonnenschweren Klangkörper werden in Container verladen und bewältigen ihre lange Reise per LKW und Frachtschiff. In der Regel sind es Missionsstationen in Asien, Afrika oder Südamerika, die über ihre Mutterhäuser Kontakt zur Gießerei aufnehmen.

Mit Herzblut dabei

In Deutschland kommen die Bestellungen direkt von Bistümern und Pfarreien. "Für die Gemeinden ist so ein Auftrag immer etwas Besonderes und sie begleiten die Herstellung mit großem Interesse", sagt Mark-Maas. "Viele müssen sich wirklich krummlegen, um für ihr Kirchlein eine Glocke zu finanzieren." Sie haben lange über Größe, Klang und Preis diskutiert, bevor sie zur Gießerei kommen und "man spürt, dass sie mit Herzblut dabei sind". Nicht zuletzt beim eigentlichen Glockenguss, den sie feierlich mit Gebeten begleiten.

Schon Friedrich Schiller setzte der Zunft mit seinem berühmten Gedicht "Das Lied von der Glocke" ein Denkmal. Der Dichter, der als Schüler oft eine Glockengießerei in der Nachbarschaft besuchte, drückte damit seine Faszination für den Prozess des Glockengießens aus. Ein Prozess, der am Schreibtisch beginnt. Denn dort berechnet Cornelia Mark-Maas die Dimensionen, die eine neue Glocke haben muss, um einen ganzen bestimmten Ton zu treffen.

Cornelia Mark-Maas ist die einzige Glockengießermeisterin Deutschlands.

Die Formel hat sie von ihrem Vater gelernt, denn sie wird von Generation zu Generation mündlich überliefert und bleibt ein Betriebsgeheimnis, so wie es in der Branche üblich ist. Auch hat jede Gießerei eine hauseigene Glockenform - Rippe genannt -, die sich auf den Klang auswirkt. Denn neben der Beschaffenheit bestimmen Form und Größe das Läuten der fertigen Glocke. Jede klingt anders - jede ist ein wertvolles Einzelstück. Die Handwerker erstellen mit Hilfe einer Schablone aus Buchenholz den dreiteiligen Aufbau für den Glockenguss. Zuerst den gemauerten Glockenkern aus Ziegelsteinen, der mit einer Mischung aus Lehm, Rinderhaaren und Pferdemist bestrichen wird. Letztere sorgen nicht nur für ein besonderes Aroma in der Gießereihalle, sondern vor allem dafür, dass der Lehm keine Risse bildet.

In einem zweiten Schritt wird die so genannte "falsche Glocke" aus Lehm aufgetragen und die geschwungene Glockenform mit Hilfe der Holzschablone ausgearbeitet. Die "falsche Glocke" ist der Platzhalter. Cornelia Mark-Mass versieht sie mit Ornamenten und Inschriften aus Wachs, die sich später beim Gießen auf der Bronzeglocke abbilden werden. Es folgt eine Schicht aus Zierlehm, bevor die Form ihren dritten Teil - den Glockenmantel - erhält.

Acht Wochen Vorbereitung bis zum spektakulären Finale

Um das gesamte Konstrukt auszuhärten, wird es etwa acht Stunden lang gebrannt. Danach nimmt der Glockengießer den Glockenmantel ab, entfernt die falsche Glocke und stülpt den Mantel wieder über den Glockenkern. Auf diese Weise erhält er einen Hohlraum, der beim Gießen mit Glockenbronze ausgefüllt wird und der Glocke ihre Gestalt verleiht.

Nach acht Wochen Vorbereitung steht nun das spektakuläre Finale an. Beim Gießen spielen Feuer und Hitze die Hauptrolle und machen es zum gefährlichsten Part der Herstellung. Auch erfahrene Glockengießer lassen große Vorsicht walten, wenn sie den Ofen auf 1.100 Grad anheizen und ein Gemisch aus Kupfer und Zinn ins Feuer geben. Über gemauerte Kanäle fließt diese Glockenspeise wie ein Lavastrom zur Glockenform und verteilt sich durch eine Öffnung in ihrem Inneren. Dabei knistert und raucht es. Gase schießen als Stichflamme aus den Öffnungen.

Nach acht Wochen Vorbereitung steht das spektakuläre Finale an: Beim Gießen spielen Feuer und Hitze die Hauptrolle und machen es zum gefährlichsten Part der Herstellung.

Viermal im Jahr werden auf diese Weise jeweils mehrere Glocken in der Eifler Glockengießerei gegossen. Während diese Minuten für die Zuschauer am spannendsten sind, kommt für Cornelia Mark-Maas erst Tage später nach dem Erkalten der große Moment. Dann wird der Glockenmantel abgelöst und sie prüft mit einer Stimmgabel, ob die neue Glocke den anvisierten Ton trifft. Nimmt die Glocke die Schwingung auf, ist das Kunststück gelungen.

"Eigentlich hat eine Glocke eine Vielzahl von Tönen", erklärt die Fachfrau. Sie alle schwingen mit, wenn man eine Glocke anschlägt. Der Schlagton, den die Glockenbaumeisterin zu Beginn berechnet hat, ist physikalisch nicht messbar, sondern wird vom Ohr aus den hörbaren Teiltönen gebildet. Alle zusammen ergeben das besondere Klangbild einer Glocke. Ob sie lieber große oder kleine Glocken hört? "Beides. Für mich ist jede Glocke etwas ganz Besonderes", sagt Mark-Maas. Vierzig bis fünfzig Glocken gießen die Eifeler derzeit noch im Jahr. In Zeiten, in denen mehr Kirchen geschlossen als neue gebaut werden, ist die Nachfrage zurückgegangen. Gab es um 1900 noch mehr als zwanzig Glockengießereien, sind es in Deutschland heute noch vier Betriebe, die das Handwerk am Leben halten. 2013 stellte die Passauer Firma Rudolf Perner den Gießereibetrieb ein, im Februar 2016 schloss die Glockengießerei des Klosters Maria Laach ihre Pforten.

"Der Beruf wird nicht untergehen"

Auch der Betrieb in Brockscheid könnte allein vom Glockenguss nicht existieren. Die Wartung bestehender Glockenanlagen ist schon lange zur Hauptaufgabe geworden. "Wir fertigen, montieren und reparieren im Kirchturm alles rund um die Glocke herum. Läutemaschinen, Glockenstühle, Turmjalousien, Turmuhren ...", zählt Cornelia Mark-Maas auf. Die Wartung ist wichtig, weil ein Geläut mit Schraubverbindungen zusammengehalten wird. "Werden diese nicht regelmäßig nachgezogen, können Einzelteile runterfallen."

Die Glockenbaumeisterin bildet selbst noch Lehrlinge aus. Auch ihr Sohn hat bei ihr gelernt. In einen Abgesang auf das Glockengießen will sie nicht einstimmen. "Ich liebe meinen Beruf. Ich bin quasi in der Gießerei großgeworden und mache dieses Handwerk nun schon sehr lange." Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern, glaubt sie. "Der Beruf wird nicht untergehen", sagt sie überzeugt, denn eines ist ihr in all den Jahren aufgefallen: "Glocken üben eine große Faszination aus - auch auf nichtgläubige Menschen."

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