Vorstufe zum Fegefeuer
"Das ist schon lustig", freut sich Meister, "auf dem Ablaufplan, den wir vom NDR bekommen haben steht 'Kostümprobe'. Aber eigentlich laufen wir immer so rum – zumindest, wenn wir im Dienst sind." Gemeinsam stellen sie sich dem Votum von Jury und Zuschauern, wenn am Donnerstagabend in Hannover "Unser Lied für Malmö" gesucht wird. Doch in der deutschen Vorrunde zum Eurovision-Song-Contest (ESC) treffen sie auf starke Konkurrenz: Die Söhne Mannheims dürften zu den Favoriten zählen; die bayrische Bläsertruppe Labrassbanda, die lebende Reminiszenz an die 1960er Jahre Betty Dittrich und der androgyne Elektro-Popper Ben Ivory gehören zu den Geheimtipps.
Das Trio wird zum Quartett
Um im Wettbewerb bestehen zu können, haben die Priester ihr Trio zum Quartett erweitert: Mojca Erdmann ist weder Pastorin noch Nonne, aber echte Sopranistin – und zwar von Weltrang. Die studierte Sängerin ist für ihre Mozart-Interpretationen bekannt und zählt zu den bekanntesten Gesichtern der Opernwelt. Sie glaubt nicht, dass sie nach ihrem Ausflug in die Unterhaltungsmusik für die großen Bühnen der Welt "verbrannt" ist: "Der Song Contest ist ja keine Casting-Show wie 'Deutschland sucht den Superstar'. Die Sänger haben schon ein hohes Niveau."
"Ave Stella Maris" heißt der Wettbewerbsbeitrag. Das Lied ist nicht ganz neu: Die Melodie wurde im 11. Jahrhundert komponiert, der Text ist zwei- bis dreihundert Jahre älter und eine Anrufung an die Mutter Gottes. Für den ESC wurde das Lied neu arrangiert: "Stella Maris, also Maria als der Meerstern, ist das Licht, das den Menschen vom Himmel her Orientierung gibt", erklärt Schätzle. "Ich freue mich, wenn es uns gelingt, dieses Licht auftzunehmen und weiterzustrahlen. Dann spüren die Menschen, dass auch sie gerufen sind, mit ihrem Leben und mit dem heiligen Geist kreativ und schöpferisch umzugehen." Auch für die Protestantin Mojca Erdmann ist der Beitrag nicht nur Selbstzweck. Der "Kirchenbote" zitiert sie mit den Worten: "Ich bin Christin und glaube an Gott. Dass ich diese Stimme bekommen habe, sehe ich als Gottesgeschenk."
Nicht ganz neu aber neu arrangiert
Mit ihrer Mischung aus gregorianischen Gesängen und Lounge-Techno sorgten die Priester bereits für einigen Wirbel: Mit "Rex Gloriae" ist im September vergangenen Jahres bereits das zweite Album erschienen. Das Vorgänger-Werk "Spiritus Dei" wurde mehr als 150.000 mal verkauft. Zudem traten sie bei Carmen Nebel, Stefanie Hertel und Frank Elstner auf. Dabei sind die Priester eine klassische Casting-Band: Das Management hatte die Idee, eine deutsche Priesterband ins Leben zu rufen, wie es sie in Frankreich und Irland bereits gibt. Und so machte es sich 2010 auf die Suche nach geeigneten Sängern – und wurde fündig. Erst im Studio haben sich die drei dann kennengelernt – "und hatten gleich einen guten Draht zueinander", betont Meister. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte, aber ihre Zukunft suchen die Priester trotzdem nicht im Showgeschäft. "Zu zeitraubend", moniert Petri. Außerdem hat die Weigerung auch ganz praktische Gründe: "Das Schminken ist die Vorstufe zum Fegefeuer."
Nicht aufgeben
Das Singen werden die Priester aber nicht aufgeben: "Gerade in Zeiten, in denen der Wind uns auch immer mal wieder scharf um die Nase weht, brauchen wir Brunnen oder Quellen, aus denen wir Kraft schöpfen können", so Rhabanus Petri. "Wir laden die Menschen ja auch zum Mitsingen ein. Und wenn man spürt, wie die Musik uns untereinander und miteinander verbindet und Brücken baut, dann ist das auch für mich ein ganz tolles Erlebnis."
Und ein ganz tolles Erlebnis erhoffen sich die Priester auch für Donnerstag, wenn wahrscheinlich mehr als zehn Millionen Zuschauer ihren Auftritt verfolgen. Platzierungen sind für die Priester jedoch zweitrangig, so Petri: "Eigentlich wollen wir ja nur singen und damit unseren Glauben ausdrücken." Auch Mojca Erdmann möchte keine hohen Ziele formulieren: "Ich kann es überhaupt nicht einschätzen. Darum geht es auch nicht, ich finde es toll, da mitmachen zu können."
Von Michael Richmann