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Bewegte Aufbrüche und blaue Wunder

Was Altbischof Joachim Reinelt zum 90. Geburtstag bewegt

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Dresden - Klapprad, Computer und klare Worte: Der Dresdner Altbischof Joachim Reinelt strahlt auch mit 90 Jahren Vitalität und Lebensfreude aus. Sein Leben war bewegt. Mit Sorge nimmt er indes manche Entwicklungen derzeit wahr.

Wer den katholischen Dresdner Altbischof Joachim Reinelt erlebt, mag kaum glauben, dass dieser agile Mann mit den verschmitzt lachenden Augen am Mittwoch seinen 90. Geburtstag feiert. Er liebt es, mit seinem französischen Klapprad an der Elbe entlang zu radeln. Schmeißt seinen Haushalt noch fast alleine und informiert sich inzwischen hauptsächlich via Internet über das Geschehen in Kirche und Welt.

"Es geht mir gut", sagt Reinelt und strahlt. Pessimismus liegt ihm nicht: "Ich gehöre nicht zu denen, die ständig jammern, weil dieses oder jenes noch nicht geklärt ist – das halte ich für wenig konstruktiv."

Reinelt, der von 1988 bis 2012 an der Spitze des Bistums Dresden-Meißen stand, ist gleichwohl ein kritischer Beobachter gesellschaftspolitischer und kirchlicher Entwicklungen. Von seiner Wohnung am Elbufer ist es ein Katzensprung bis zum "Blauen Wunder", dem Dresdner Brücken-Wahrzeichen. Nichts liegt ihm indes ferner als jenes "blaue Wunder", das mit dem Aufstieg der in Teilen gesichert rechtsextremen AfD einhergeht.

Nicht der AfD entgegenkommen

"Man darf denen nicht entgegenkommen! Das ist gefährlich, ganz gefährlich", sagt Reinelt. "Die Leute sehen oft gar nicht die negativen Kernpunkte dieser Partei, sie hören bloß die Versprechen." Auch gebe es unter den AfD-Politikern ja solche, die wenig radikal daherkämen und andere auf den ersten Blick positiv ansprächen. "Ich habe das vor einiger Zeit in einer Gemeinde erlebt", erzählt er. "Da frage ich: 'Warum wählt ihr denn diesen AfD-Bürgermeister?' Und bekomme zur Antwort: 'Ach, Herr Bischof, das ist ein guter Mann. Der kümmert sich um die alten Leute.'"

Für Reinelt, der 40 Jahre DDR-Diktatur erlebt hat, bleibt es trotzdem ein Rätsel, warum so viele Menschen die Partei wählen, gerade in Ostdeutschland. Als er nach seinem Abitur ab 1955 katholische Theologie in Erfurt studierte, habe er noch über den Berufswunsch Journalist nachgedacht, berichtet er. "Ich wollte die Wahrheit verkünden. Denn wir haben ja schon in der Schule gemerkt, dass das vorne und hinten nicht stimmte, was man uns da vom Staat einbläute."

Dem wollte er etwas entgegensetzen: "Ein bisschen hat dieses Kontra gegen die Dummheiten des Marxismus-Leninismus auch dazu beigetragen, dass ich dann Priester wurde." Biblisch gesprochen: "Die Wahrheit wird euch frei machen." Im Priesterseminar erlebte er nach eigenen Worten eine bis dahin nicht gekannte Atmosphäre der Freiheit.

Offen und hartnäckig

Reinelt kam am 21. Oktober 1936 in Schlesien zur Welt und hat als Kind die Vertreibung seiner Familie nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Er gilt als volksnaher und bodenständiger Seelsorger. Seine Offenheit und Unkompliziertheit sind gepaart mit Hartnäckigkeit. Eigenschaften, die den Katholiken im Osten Deutschlands halfen, die Repressalien der Diktatur des DDR-Sozialismus zu überstehen.

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Der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt (M.) am 6. Juni 2018 bei einem Gottesdienst in der Stiftskirche St. Mariä Himmelfahrt in Neuzelle. Rechts neben ihm am Altar steht der Dresdner Altbischof Joachim Reinelt.

Zwei Tage nach dem Mauerfall im November 1989 veranstaltete das Bistum Dresden-Meißen eine Dankwallfahrt nach Rosenthal. "Ich dachte: Da kommt niemand, die fahren doch alle nach Berlin", erinnert sich Reinelt. Doch es seien Tausende gekommen: "Es war die größte Wallfahrt, die ich je erlebt habe."

Nach seiner Priesterweihe 1961 war Reinelt zunächst Seelsorger in Gera, Freiberg, Ebersbach, Dresden und Altenberg. 1986 wurde er Caritasdirektor des Bistums, zwei Jahre später ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof. "In der DDR durfte das Domkapitel den neue Bischof nicht wählen, anders als heute. Ich bekam einfach vom Nuntius einen Brief mit der Ernennung und musste in den sauren Apfel beißen – der wurde dann durch die Wende allerdings immer süßer", bilanziert er lachend.

Zeit des großen Aufbruchs

Es sei die Zeit des großen Aufbruchs gewesen. Reinelt gründete Schulen, Einrichtungen der Erwachsenenbildung sowie zahlreiche neue Caritasdienste und veranstaltete Bildungstage für Politiker. Sein bischöflicher Wahlspruch "Jesus in medio" – mit Jesus in der Mitte – kam noch einmal neu zur Geltung, ebenso seine damit verbundene Überzeugung, dass sich Kirche mitten in der Welt bewähren müsse.

Seit der Wende mahnt Reinelt unermüdlich, die ostdeutschen Katholiken sollten selbstbewusster ihren Glauben in die Gesellschaft tragen: "Wir müssen uns doch nicht verstecken!" Auch heute noch beobachtet er, dass die "alten Ängste" durch die DDR-Prägung bei vielen fortwirken. Zugleich betont Reinelt: "Wir müssen das viele Gute sehen, das gewachsen ist. Die Westdeutschen, die hierhergezogen sind, haben in die Pfarreien auch neue Impulse und neue Lebendigkeit gebracht."

Umgang mit Missbrauchsfällen

Wie andere Altbischöfe geriet auch Reinelt in den vergangenen Jahren in die Kritik für seinen Umgang mit Missbrauchsfällen während seiner Amtszeit. Betroffene berichten dabei sowohl von guten Gesprächen als auch von Enttäuschungen. Er selbst sagt rückblickend: "Das war alles sehr schwierig. Und Bischöfe sind auch nur Menschen und machen Fehler. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich einen Täter bewusst versetzt oder etwas vertuscht habe."

In den vergangenen Jahren setzte sich Reinelt bewusst mit dem eigenen Tod auseinander: "Wer in sein Lebensende quasi hineinstolpert und nicht darüber reflektiert, ist meist unruhig." Jedes kleine Zeichen von Krankheit werde dann zum Großalarm. "Wenn man aber die Perspektive hat, nach dem Tod beginnt etwas Neues, dann ist das ganz anders, und ich fühle mich gelöster."

Doch jetzt feiert er erst einmal seinen 90. Geburtstag: mit einem Gottesdienst in der Kathedrale, am 25. Oktober um 18 Uhr. Reinelts direkter Amtsnachfolger, der jetzige Berliner Erzbischof Heiner Koch, hält die Festpredigt.

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