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"Der Tag wird hell wie die Nacht"

Was die biblische Botschaft über Nacht und Finsternis verrät

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Ein Mann im Wald
Bonn - Wie lange ist sie noch? Diese Nacht des Winters, diese Nacht der Pandemie? Wen momentan diese Frage umtreibt, ist damit nicht allein: In der Bibel stößt der Leser auf tausendjährige Menschheitserfahrungen von tiefer Dunkelheit – und göttlichem Licht.

"In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags und in ihrer dunklen Erde blüht die Hoffnung": So lautet der Refrain eines Neuen Geistlichen Lieds, der eine Binsenweisheit ins Wort fasst. Denn es ist ja selbstverständlich, dass keine Nacht ewig dauert. Die Finsternis, die sich am Ende eines Tags über die Erde breitet, kennt ein Ende. Die Länge der nächtlichen Dunkelheit lässt sich sogar im Voraus präzise bestimmen: Der Zeitpunkt des bevorstehenden Sonnenaufgangs ist beim Einbruch der Nacht schon bekannt. Die Nacht hat ein Ende, sie umfasst nur wenige Stunden. Es gibt einen neuen Morgen, der das Dunkel vertreibt. Die aufgehende Sonne ist stärker als die Finsternis, der neue Tag ist eine unausweichliche Tatsache.

November: der Monat der Dunkelheit

Doch auch wenn man noch so gut um das Kommen des neuen Morgens Bescheid weiß: Nächte können lange und anstrengend sein. Die Dunkelheit ist beklemmend und bedrückend. Das erfährt man in besonderer Weise jetzt, im Monat November. Viele Tage sind grau in grau, Nebel legt sich schwer über die Landschaft. Und die Sehnsucht nach mehr Licht wächst zunehmend. Die Tage sind jetzt nur kurz, noch bis unmittelbar vor dem Weihnachtsfest schrumpfen sie und jeden Abend wird es noch eher dunkel. Es ist wirkliche keine einladende Zeit, dieser November. Und auch wenn man weiß, dass auch diese Zeit vorübergeht, weil ein neues Jahr anbricht, weil ein neuer Frühling kommt: Man muss diese dunklen Wochen durchleben, man muss sich mit ihnen auseinandersetzen. An der Dunkelheit der Nacht kommt man nicht vorbei, auch wenn man noch so genau weiß, wann sie wieder enden wird.

Eine Kirche im Schatten
Eine Kirche bei Wolken und dunklem Himmel.

"Wächter, wie lang ist noch die Nacht? Wächter, wie lang ist noch die Nacht?", lautet eine sehnsüchtige Frage aus dem Prophetenbuch Jesaja (21,11). Es ist die Frage, die viele Menschen in diesen Tagen und Wochen bewegt. Wie lange ist sie noch, diese Nacht des Winters? Dabei ist diese Frage doch reichlich seltsam: Obwohl man das Ende der Nacht kennt, weil man um den bevorstehenden Tagesanbruch weiß, wird sie dennoch formuliert. In ihr schwingt etwas von dem mit, was kleine Kinder gern so ausdrücken: "Wann sind wir denn endlich da?" Vielleicht ist das ganz tief unserem Menschsein angelegt, dass wir wissen wollen, wie lange Zustände noch dauern, die uns bedrängen, die uns unangenehm sind. Wenn Menschen gemütlich zusammensitzen, in froher Runde vereint, miteinander feiern, dann fragt keiner, wie lange die Party noch dauert. Aber wenn wir mit Dingen konfrontiert werden, die uns Angst machen, die unser Leben massiv angehen, dann kann man unterunterbrochen hören: Wann ist es denn wieder so weit, wann können wir mit einem Ende der Pandemie rechnen? "Wie lang ist noch die Nacht" – das ist die sehnsüchtige Frage nach Erlösung und Befreiung, nach einem Leben auf der Sonnenseite. Nach einem Leben, das frei ist von der beklemmenden nächtlichen Dunkelheit und das hell erleuchtet ist von den wärmenden Strahlen der Sonne, in denen man es sich gut gehen lassen kann.

Was trägt durch die Nacht?

Mitten in dieser Zeit nächtlicher Dunkelheit zu leben, provoziert aber auch die Frage: Was hilft, diesen Zustand auszuhalten? Was trägt durch die Dunkelheit der Nacht, was kann Hoffnung und Zuversicht schenken? Ein Blick in unsere Bibel ist hilfreich: In vielfältiger Weise werden dort immer wieder nächtliche Situationen geschildert, die Angst machen und in denen sich ein Sehnsucht nach Licht Bahn bricht. Da ist die Nacht des ägyptischen Exils, in dem sich die Israeliten befinden und den Beistand ihres Gottes erflehen. Da ist Jakob, der des Nachts auf einen Unbekannten trifft und mit ihm ringt. Da ist der See Gennesaret, auf den die Jünger zusammen mit Jesus mitten in der Nacht hinausfahren und in einen bedrohlichen Seesturm geraten. Da ist die Nacht, in der sich die Frauen aufmachen, um im Grab ihrem Freund die letzte Ehre zu erweisen und sich noch einmal von ihm zu verabschieden. Die Erfahrung der Nacht zieht sich wie ein roter Faden durch die Schriften der Bibel. Und sie steht beispielhaft für Erfahrungen, die uns Menschen anfassen und aus denen wir Auswege suchen.

Die Jünger sind im nächtlichen Seesturm nicht alleine gelassen, Jesus ist da.

Die Nacht ist nicht der Normalzustand des menschlichen Lebens. Sie ist vielmehr eine Zeit, in der Gefahren lauern und in der man sich besser in die eigenen vier Wände zurückzieht. Die Nacht ist die Zeit der Lebensfeindlichkeit: Um wachsen zu können, um aufzublühen, brauchen alle Pflanzen das Licht der Sonne. Auch Menschen sind "Kinder des Lichts", wie es im Epheserbrief heißt (5,8). An warmen Sommertagen lässt sich das gut beobachten: Viele Menschen zieht es hinaus, keiner möchte die einladenden Tage drinnen verbringen. Man genießt das Leben und lässt es sich auf vielfältige Weise gutgehen. Solche sonnigen Tage sind ein Geschenk für die ganze Schöpfung. Sie lassen aufatmen und neue Kraft tanken.

In der Mitte der Nacht leuchtet Hoffnung auf

Was trägt durch diese Zeit der Finsternis? Die biblischen Texte geben eine eindeutige Antwort: Es ist die Hoffnung, dass in der Mitte der Nacht der Anbruch eines neuen Tages liegt. Oder anders gesagt: Dass keine Nacht ewig dauert und dass gerade in der dunkelsten Nacht der neue Morgen umso heller leuchtet. Das haben die geknechteten Israeliten damals in Ägypten erfahren: Inmitten der Nacht ziehen sie durch das Rote Meer hindurch, die leuchtende Wolkensäule geht voran, sie sind auf Freiheit hin gerettet. Auch Jakobs nächtlicher Kampf mit dem Fremden ist nicht vergeblich: Das Ringen hat ein Ende, als der Morgen anbricht. Aber Jakob lässt den Fremden nicht ziehen, ohne nicht zuvor von ihm gesegnet zu werden. Gesegnet von Gott kann er fortan anders sein Leben gestalten. Die Jünger sind im nächtlichen Seesturm nicht alleine gelassen, Jesus ist da. Durch sein machtvolles Wort kann er die Jünger retten. Er spricht ihnen zu: "Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht" (Mk 6,50). Und für die Frauen am Grab geht die Sonne des Morgens auf und sie erkennen im Morgenrot Christus, den Auferstandenen, der ihnen begegnen will.

Christus steigt als aufgehende Sonne in einem Kreis aus Licht aus dem Grab auf.
Christus steigt als aufgehende Sonne in einem Kreis aus Licht aus dem Grab auf.

Die Nachtgeschichten der Bibel enden mit dem Blick auf das, was danach kommt: Sie wollen Hoffnung und Mut machen, weil sie zeigen, dass gerade inmitten der Nacht der Wendepunkt liegt, an dem sich alles zum Guten kehrt. Die biblischen Texte leugnen die Nacht nicht. Sie wissen, dass die Erfahrung von Finsternis und Dunkel zum Leben eines jeden Menschen dazugehört. Deswegen erzählen sie auch immer wieder von solchen Nachterfahrungen. Aber sie bleiben dort nicht stehen. Sie gehen weiter: Inmitten der Nacht bricht sich etwas Bahn, was Menschen aus dieser Nacht befreit und sie zum Licht des Lebens führt. Es ist die Erfahrung des rettenden und befreienden Gottes, die gerade in der Finsternis konkret wird. Dort, wo alles am Ende scheint, wo die Nacht quält und das Leben einengt, dort ist es Gott, der den Menschen sein Lebenslicht leuchten lässt. Dort ist Gott, der sich als der "Ich bin da" erweist.

Göttliches Licht in der Finsternis

Keine Nacht ist so finster, dass nicht das Licht Gottes stärker wäre. Das ist die Botschaft, die uns die biblischen Schriften ans Herz legen. Die Erfahrung von Finsternis und Dunkel macht Angst, sie weckt die Sehnsucht nach Licht und Leben. Aber diese Angst muss nicht groß sein, denn Gott hat sie uns genommen. Weil er mitten in der Nacht sein Licht leuchten lässt, um uns Menschen immer neu zu zeigen, dass er da ist. Dass er sich um uns sorgt, dass er uns aus der Finsternis befreien will. Deswegen feiern wir in wenigen Wochen Weihnachten: Wir feiern das Licht, das in den dunkelsten Tagen unseres Jahres aufstrahlt und uns Trost sein will. Ein Trost, der uns hilft, in der Dunkelheit der Nacht den Anbruch des neuen Tages immer neu zu entdecken.

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