Was Katholiken erwarten
Das "Haus der Katholischen Kirche" mitten in der Stuttgarter Fußgängerzone macht viele Angebote. Als urbane Selbstverständlichkeit bringt es das Thema Religion direkt zwischen die Filialen eines Drogeriemarkts und eines Modelabels.
Folgt man den Verfassern einer jetzt vom Bistum Rottenburg-Stuttgart vorgestellten Studie über das, "was Katholiken von ihrer Kirche erwarten", könnte das kommunikative Kaffeehaus in der City so etwas wie einen Trendshop darstellen. Eine Neuorientierung in der kirchlichen Kommunikation ist nach ihrer Meinung nämlich nötig. Auf der repräsentativen Basis von 4.000 befragten Personen diagnostizieren sie einen drohenden "kommunikativen Burnout" der Kirche und verweisen "auf die akute Gefahr, dass ein Teil der Katholiken und Katholikinnen gar nicht mehr von der bisherigen medialen Kommunikation erreicht wird."
Es herrscht eine Stimmung der Entfremdung
Für die Kirche könnte sich das verheerend auswirken, denn die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft gehört durchaus nicht mehr zu den Selbstverständlichkeiten einer modernen Gesellschaft. Dies gilt selbst für die katholische Kirche im sicher alles andere als gottlosen Südwesten Deutschlands: Zwar gaben bei der vom Pragma-Institut für empirische Strategieberatung in Reutlingen durchgeführten Untersuchung 76 % der Befragten an, noch nie ernsthaft über einen Kirchenaustritt nachgedacht zu haben, im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass fast jeder vierte Katholik schon einmal erwogen hat, seine Kirche zu verlassen.
Überraschenderweise stehen bei diesem Schritt finanzielle Gründe mit 15 % der Nennungen eher im Hintergrund; des Geldes wegen gehen hauptsächlich die ganz Armen und die ganz Reichen. Maßgeblicher scheint bei den Austrittswilligen mit 35 % eine allgemeine Stimmung der Entfremdung zu sein, die ein 42-jähriger Mann unmissverständlich auf den Punkt bringt: "Die Kirche ist keine lebendige Institution mehr."
Menschen wollen Wegweisung
Ausgerechnet aktive Lebendigkeit ist es aber, die sich viele Katholiken von ihrer Kirche wünschen. Sie soll eine Institution sein, die sich den Problemen dieser Welt stellt und die mit ihrem göttlichen Auftrag hilft, sie zu lösen. Der umtriebige Papst Franziskus dürfte vor diesem Hintergrund ihre Idealbesetzung für das höchste Amt im Vatikan darstellen, sind die Antworten auf die Frage, wo sich die Kirche mehr engagieren sollte, doch eindeutig: Ganz oben auf der Liste stehen mit 58 % Fragen von Krieg und Frieden, auch die Sorge um eine gerechte Wirtschaftsordnung sollte ganz im franziskanischen Sinn die katholische Kirche verstärkt umtreiben: 49 % der Befragten meinen dies. Antworten werden von der Kirche aber ebenso bei ganz persönlichen, existenziellen Problemen erwartet. 56 % und damit mehr als die Hälfte der befragten Katholiken erwartet von ihrer Kirche mehr Wegweisung, wenn es um ein Sterben in Würde geht.
Bischof Fürst sieht Dringlichkeit der Studienergebnisse
Rottenburgs Bischof Gebhard Fürst sieht sich angesichts dieser Ergebnisse der von seinem Bistum in Auftrag gegebenen Studie in die Pflicht genommen. Die Erwartungen der Herde haben Hirten wie ihn in Zugzwang gebracht, wenn er nüchtern feststellt: "Die katholische Kirche steht in einer Phase, in der sich entscheidet, ob die Menschen ihr noch darin vertrauen, bei ihnen zu sein in dem, was sie bewegt und was die gesellschaftlichen Entwicklungen verlangen."
Die katholische Kirche steht in einer Phase, in der sich entscheidet, ob die Menschen ihr noch darin vertrauen, bei ihnen zu sein in dem, was sie bewegt
Bischof Gebhard Fürst
Die Kirche steht in der Tat vor einem Dilemma: Sie könnte sich mit einem Schrumpfungsprozess abfinden, an dessen Ende eine kleine, feine und vermutlich hochspirituelle Gemeinschaft stünde. Mit der von Jesus Christus selbst propagierten allgemeinen Gültigkeit seiner Botschaft hätte eine elitäre Edelkirche allerdings nichts mehr zu tun. Die Verfasser der Studie "Zukunftshorizont Kirche" plädieren deshalb dafür, nach "den richtigen Worten und den richtigen Kanälen" zu suchen, um die unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft zu erreichen und die kirchliche Botschaft wieder verständlicher zu machen.
Kirche sollte eine verständliche Sprache nutzen
Nach ihrer Meinung wird die Kirche dabei weniger auf entschiedene Ablehnung stoßen als vielmehr auf eine Gleichgültigkeit, die von der Kirche erst aufgebrochen werden muss. Die Deutschen – so die Wissenschaftler – sind durchaus nicht taub dafür, dass sich die Kirche an sie wendet. "Sie wünschen sich eine authentische Kirche, die durchaus unbequeme Positionen vertritt, jedoch soll diese Kirche in einer verständlichen Sprache zu und mit ihnen sprechen."
Ein Ort wie das Stuttgarter "Haus der katholischen Kirche" dürfte nicht der schlechteste Ort für eine solche Kommunikation sein. Klartext und Kaffee, das kann sich gut ergänzen.
Von Uwe Bork