Wenn Kirche jung und weiblich ist
Mit gerade einmal 27 Jahren wurde sie Anfang Mai zur neuen Vorsitzenden des Katholikenrats im Bistum Speyer gewählt. Keines der höchsten diözesanen Laiengremien in Deutschland hat derzeit einen jüngeren Vorsitz. Für Fischer eine Herausforderung, die sie aber gerne annimmt. "Gerade in der Anfangszeit stellen sich viele Fragen", sagt sie. Wie will ich dieses Gremium gemeinsam mit meinen Kollegen aus dem Vorstand nach innen und außen repräsentieren? Mit welchen Kernanliegen möchten wir uns in den nächsten vier Jahren in den gesellschafts- und kirchenpolitischen Diskurs einbringen?
Fischer ist im beschaulichen 330-Seelen-Dörfchen Schweisweiler in Rheinland Pfalz aufgewachsen. Im benachbarten Rockenhausen besuchte sie zunächst die Realschule, bevor sie ihr Abitur im 30 Kilometer entfernten Kaiserslautern machte. Danach folgte ein Studium der Fächer Soziologie, Pädagogik und katholische Theologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, das sie 2012 als Magistra Artium abschloss. Seitdem arbeitet sie an der Uni Mainz als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Christliche Anthropologie und Sozialethik. Ihre Doktorarbeit schreibt sie zum Thema "multilokale Mehrgenerationenfamilien".
Mehr als jung und weiblich
Fischer ist also mehr als jung und weiblich. Ihr beruflicher Werdegang, da ist sie sich sicher, könne auch für ihre Arbeit im Katholikenrat von Nutzen sein. So habe sie sich zum Beispiel Gedanken über gesellschaftliche Prozesse und Strukturen oder über Gerechtigkeitsfragen gemacht. "Das ist ein wichtiger Blick, den auch die Kirche auf die Gesellschaft haben sollte." Sie nennt Schlagworte wie den demografischen Wandel, die Solidarität der Generationen, aber auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt angesichts der aktuellen Fluchtbewegungen. Das schon vorhandene Engagement des Katholikenrats – etwa zu den Themen globale Verantwortung und Altersarmut – begrüßt sie ausdrücklich und will es künftig noch weiter ausbauen.
Dass sich Fischer heute so stark für ihre Kirche engagiert, war alles andere als vorhersehbar und eigentlich aus der Not heraus geboren. Als sie zwölf war, verließ die für ihre Jugendgruppe zuständige Gemeindereferentin die Pfarrei. Weil ein Ersatz vorerst nicht in Sicht war, musste ein Plan B her. "Da haben wir uns gesagt: Das können wir doch sicher auch selbst", erzählt Fischer rückblickend. Gemeinsam mit einigen Freundinnen machte sie eine Schulung bei der Katholischen jungen Gemeinde (KjG) und wurde anschließend Gruppenleiterin.
Der Grundstein für Fischers weiteres Engagement in der Kirche war damit gelegt. Es folgte die Gründung einer KjG-Gruppe in ihrer Heimatgemeinde, die Arbeit in der KjG-Bezirksleitung und auf Diözesanebene, das Engagement im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Bereits die vergangenen vier Jahre saß sie als Delegierte des BDKJ im Katholikenrat des Bistums Speyer. Nun ist sie zu dessen Vorsitzender gewählt worden – mit großem Rückhalt aus dem Gremium.
"Ich mache das mit großer Leidenschaft"
Wie viel Zeit sie genau in ihr kirchliches Engagement steckt, kann Fischer nicht abschätzen. Die Erfahrung zeige, dass sich kurz vor den Sommerferien – also jetzt – alles ein wenig staue und mehr zu tun ist. Dann stünden diverse Vollversammlungen an, tagten Ausschüsse und kämen Gremien zusammen. Sie bezeichnet ihre Arbeit trotzdem noch immer als ihr Hobby. "Weil ich das mit großer Leidenschaft mache. Man kann Gutes damit tun und sich gleichzeitig selbst entfalten." Wenn es mal nicht die Kirche ist, dann verbringt die junge Frau ihre Zeit gerne draußen in der Natur. Zum Beispiel beim Wandern oder Kanu fahren.
Aus einem klassischen katholischen Umfeld kommt Fischer nicht. "Es war eher die klassische Diaspora", sagt sie. Ihr Freundeskreis sei in der Kindheit nicht übermäßig kirchlich sozialisiert gewesen. Das habe sich durch ihr ehrenamtliches Engagement in der Jugendarbeit geändert, bei dem sie zunehmend auf "Gleichgesinnte" traf. Und ihre Eltern? Konfessionsverschieden. Aber mit einer "positiven Grundhaltung zur Kirche", wie Fischer betont. Deshalb sei ihr die Ökumene im kirchenpolitischen Diskurs ein großes Anliegen.
Darüber hinaus stehen noch einige weitere kirchenpolitische Themen auf der Agenda der 27-Jährigen. "Mit dem Konzept 'Gemeindepastoral 2015' haben wir im vergangenen Jahr die Strukturreform im Bistum angestoßen", sagt sie. Der Prozess müsste jetzt jedoch gut begleitet und etabliert werden. "Und vielleicht müssen wir auch die ein oder andere Schwachstelle noch ausmerzen." Auch der Diakonat der Frau ist beim Katholikenrat wieder ein Thema. Dass Papst Franziskus nun eine eigene Prüfkommission dazu einberufen hat, stimmt Fischer hoffnungsvoll. "Ich sehe aber auch, dass damit noch lange keine Öffnung einhergehen muss."
Generell ist Fischer mit dem amtierenden Papst zufrieden. Das merkt man auch, wenn sie über dessen Schreiben spricht, das im Anschluss an die Familiensynode im vergangenen Herbst veröffentlicht wurde. "Die Sozialethikerin in mir freut sich über die Stärkung der Gewissensentscheidung, das Prinzip der Gradualität und den Verweis auf die Barmherzigkeit", sagt sie. Der junge Mensch Luisa Fischer dagegen hat auch noch einige Kritikpunkte. So fehle ihr etwa die Anerkennung und Wertschätzung gleichgeschlechtlicher und vorehelicher Beziehungen, in denen auch junge Leute Werte wie Treue lebten. Fischer selbst ist übrigens bereits seit 2012 verheiratet. Wo sie ihren Mann kennengelernt hat? Natürlich in der kirchlichen Jugendarbeit.