Wie der heilige Nikolaus nach Brügge kam
Ein unbekannter flämischer Meister malt Ende des 15. Jahrhundert ein Altarbild, das den heiligen Nikolaus zeigt. Soweit, so gewöhnlich. Im Zentrum thront der Heilige in einem golddurchwirkten Gewand, Edelsteine zieren Mitra und Bischofsstab. Nur der lange weiße Bart fehlt ihm. Doch dann schaut der Betrachter durch das Fenster hinter Nikolaus nach draußen. Da schwimmen zwei Schwäne auf einem Kanal. Die Stadt, die sich dahinter aus der flachen Landschaft erhebt: Brügge. Ganz klar zu erkennen an den hohen Türmen der Liebfrauenkirche und des Rathauses. Aber Nikolaus war Bischof von Myra in der heutigen Türkei. Wie kommt er also an die Nordsee?
Stolze Städter – fromme Stifter
Die Kunst des Mittelalters war geprägt durch Darstellungen aus der Bibel, Szenen aus dem Leben und Leiden Jesu, der Apostelgeschichte, später kamen die Heiligenlegenden hinzu. Doch die Zeit in der der Brügger Nikolaus gemalt wurde, brachte große Veränderungen mit sich. Das 15. Jahrhundert war das Jahrhundert der Städte. Aus Handelsplätzen wuchsen urbane Zentren, zuerst in Italien und Flandern. Der Tuchhandel machte die flandrischen Kaufleute reich und diesen Reichtum wollten sie zeigen. Sie errichteten Kirchen, Rathäuser und Zunfthäuser, die in ihrer Pracht immer die der Nachbarstadt überbieten sollten. Man war stolz auf seine Stadt und darauf Städter zu sein. Das zeigt sich auch in der Kunst dieser Zeit. Wenn etwa eine Zunft ein Altarbild in Auftrag gab, sollte der jeweilige Patron immer auch mit ihr und der Stadt identifiziert werden. Nikolaus zum Beispiel ist auch der Heilige der Kaufleute und Binnenschiffer.
Das war auch der Grund, warum die Frankfurter Familie Heller 1499 ein Epitaph mit einer Beweinung Christi stiftete. Während sich vorne Maria Magdalena über den Leichnam des Gekreuzigten beugt, erscheint in der Ferne die Ansicht von - Venedig. Denn die Kaufleute vom Main unterhielten geschäftliche Verbindungen in die italienische Stadt, weshalb die Maler Hans und Martin Caldenbach ihre prominentesten Merkmale in die Beweinung einfügten: Gondeln dümpeln in den ruhigen Wassern der Lagune. Menschen wandeln durch die Arkaden des Dogenpalastes, links erhebt sich stolz der Campanile Die vielen Kuppeln des Markusdomes zeichnen sich vor dem Blau des Himmels ab.
Es war aber nicht nur der Stolz der Bürger, der Venedig und Brügge zu Hintergründen von Kreuzigungen und Heiligenlegenden machte. Das Versetzen in die eigene Umwelt dient auch dazu, den Menschen die Heilsgeschichte näherzubringen, erläutert Regina Hanemann, Direktorin des Historischen Museums Bamberg. Gleichzeitig werde die Vorstellung transportiert, dass der Ort der Erlösung überall sei. So kann Frankfurt ein Abbild Jerusalems sein.
Der Ort der Erlösung, gleich nebenan
Oder Bamberg: Denn auch die früheste bekannte Ansicht der Stadt findet sich auf solch einem Gemälde. Vorne nehmen die Apostel Abschied voneinander, einer füllt noch seine Trinkflasche auf, der nächste bindet sich die Reisetasche um. Drei Jünger sind schon aufgebrochen. Doch sie laufen nicht etwa durch Palästina, sondern über Hügel und Wege um Bamberg. Das Gemälde, das um 1485 entstanden ist, zählt zu den ältesten erhaltenen Stadtpanoramen überhaupt. Man kann den Dom im Zentrum und die Kirche Unsere Liebe Frau ausmachen, auf den Bergen rechts das Kloster Michelsberg, ihm gegenüber links die Altenburg.
Doch nicht immer sollten sich unbedingt die Betrachter der Gemälde zuhause fühlen. Die Madonna aus der Pfarrkirche Maria Krönung im fränkischen Bad Mergentheim-Stuppach zeigt, dass manchmal auch die Heimat des Künstlers eine Rolle spielte: Maria mit dem Jesuskind sitzt hier vor der Kulisse einer Kathedrale. Runde Fenster, spitzbogige Türen und Strebepfeiler aus einem rötlichen Stein. Matthias Grünewald, der auch den Isenheimer Altar gemalt hat, hat sich hier von den Querhausfassaden des Straßburger Münsters inspirieren lassen. Kunsthistoriker gehen davon aus, dass er selbst bis 1516 in der Stadt im Elsass gelebt hat, die Kirche also regelmäßig vor Augen hatte.
Einen Sonderfall stellt das sogenannte Parlamentsretabel aus Paris dar. Die Muttergottes und mehrere Heilige beweinen den Gekreuzigten. Auf den ersten Blick eine normale Kreuzigungsszene. Doch hinter dem Kreuz erhebt sich eine detailgetreue Darstellung der mittelalterlichen Grabeskirche in Jerusalem. Der Künstler hat sie auf den berühmtesten Hügel der Stadt an der Seine, dem Montmartre, verlegt. Hier verschwimmen Ort und Zeit vollständig miteinander. Rechts von der Kirche steht der Palais de la Cité, der Sitz des Parlaments, links der mittelalterliche Louvre, zu diesem Zeitpunkt Residenz der französischen Könige. Die Ansicht birgt auch noch politischen Sprengstoff: Der Parlamentspalast ist näher am Betrachter und damit viel größer und detailreicher als der königliche Palast, der in der Ferne verschwindet. Das Parlament stellt sich hier als Zentrum der Regierung und des Königreichs Frankreich dar – ein unerhörter Machtanspruch in der damaligen Zeit.
Während das Pariser Gemälde eine sehr weltliche Botschaft transportiert, geht es bei der Madonna des Kanzlers Nicolas Rolin um das Gegenteil. Der wohl berühmteste Maler des 15. Jahrhunderts, Jan van Eyck, malt hier etwas Unerhörtes. War die Familie Heller als Stifter des Gemäldes auf diesem selbst nur ganz klein am Rand dargestellt, um die Bedeutung der Heiligen herauszustellen, ändert sich das bei van Eyck. Rolin, der Kanzler von Burgund, und die Gottesmutter mit dem Jesuskind befinden sich quasi auf Augenhöhe.
Etwas Bekanntes, das doch nie ganz real sein kann
Hochmut, die Todsünde des Stolzes? Nein – und das liegt am Ort, an dem sich die drei befinden: dem Himmlischen Jerusalem. Nach dem Jüngsten Gericht soll diese Stadt, in der Heilige und Menschen vor Gott gleich sind, vom Himmel herabkommen. Van Eyck hat diesen Ausblick im Hintergrund seines Gemäldes festgehalten. Hinter den gefalteten Händen Rolins sieht man ein großes Kloster, über dem Jesuskind eine Kathedrale. Eine Brücke spannt sich über den Fluss, in der Stadt ragen unzählige Kirchtürme auf, vornehme Kaufmannshäuser säumen die Straßen. Die Gebäude sind an reale Kirchen und Häuser angelehnt, lassen sich aber nie eindeutig identifizieren. Hier soll dem Betrachter immer etwas bekannt vorkommen, was dann doch nie ganz real sein kann. So ist das Himmlische Jerusalem zwar eine Stadt, aber eine Stadt nicht von dieser Welt.