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Ein Gegenmodell zur Parallelgemeinde

Wo die katholische Kirche im Osten noch wächst

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Messdiener in weißen Alben
Löcknitz/Pasewalk - In Vorpommern werden katholische Gemeinden kleiner und älter. Ausgerechnet im Grenzort Löcknitz ist es anders.

Paulina Domagalska hat in Löcknitz etwas gefunden, das für sie weit über den Sonntagsgottesdienst hinausgeht. Familien treffen sich, Kinder wachsen gemeinsam auf, viele Eltern kennen dieselben Erfahrungen eines Lebens zwischen Deutschland und Polen. "Wir haben auch gleiche Werte", sagt sie über die Gemeinschaft rund um das katholische Begegnungszentrum "mia". Die Abkürzung "mia" steht für "Miteinander in Aktion".

Domagalska, sie ist Sozialpädagogin, lebt mit ihrer Familie auf der deutschen Seite der Grenze, ihr Mann arbeitet im gut 20 Kilometer entfernten Stettin (Szczecin), die Kinder gehen hier zur Schule. Sie gehört zu einer wachsenden Gruppe polnischer Familien, die sich in Löcknitz und den umliegenden Dörfern niedergelassen haben – und damit auch die katholische Kirche in der Region verändern.

Magdalena Ciolak aus Bergholz, von Beruf Erzieherin, beschreibt ihr eigenes Leben mit einem Satz: "Mit einem Fuß noch in Polen und mit einem Fuß schon in Deutschland." Auch ihre Familie kaufte ein Haus auf deutscher Seite. Drei Kinder gehören dazu. Polen bleibt dennoch selbstverständlicher Teil des Familienlebens. Für Kultur- und Freizeitangebote fährt Ciolak mit den Kindern weiterhin nach Stettin.

Leben in zwei Ländern

Ähnlich ist es bei Monika Osinska-Majchrzak. Die Rechtsanwältin lebt seit rund zehn Jahren in Löcknitz und arbeitet in Stettin. Die Entscheidung für Deutschland war auch eine Entscheidung für ihre Kinder: Sie sollten mit beiden Ländern und beiden Sprachen aufwachsen. Denn in Löcknitz gibt es auch ein zweisprachiges Gymnasium. Osinska-Majchrzak kennt Deutschland selbst seit ihrer Kindheit, machte hier Abitur und studierte Jura. Zu Hause spricht die Familie überwiegend Polnisch, Schule und Alltag sind deutsch geprägt. Dass dabei manchmal mitten im polnischen Satz ein deutsches Wort auftaucht, gehört zum Familienleben.

Für viele polnische Familien ist der Umzug über die Grenze zugleich eine Entscheidung für einen anderen Alltag. Stettin mit seinen knapp 400.000 Einwohnern ist großstädtischer, hektischer, und das Wohnen ist teurer geworden. In Löcknitz und den umliegenden Dörfern finden Familien mehr Ruhe und Platz, während Arbeitsplatz, Verwandte, Freunde und die kulturellen Angebote Stettins weiterhin schnell erreichbar bleiben.

Die Familie gibt Halt.
Familien treffen sich, Kinder wachsen gemeinsam auf, viele Eltern kennen dieselben Erfahrungen eines Lebens zwischen Deutschland und Polen.

Osinska-Majchrzak schätzt genau diese Kombination. Vieles können die Kinder selbstständig erreichen, das Leben ist überschaubarer. "Ach, endlich ein bisschen Ruhe im Alltag", beschreibt sie das Gefühl auf der deutschen Seite. Diese Lebensgeschichten erklären auch eine ungewöhnliche kirchliche Entwicklung. Denn während die katholische Kirche in weiten Teilen Vorpommerns mit Überalterung und Mitgliederschwund kämpft, ist in Löcknitz eine vergleichsweise junge Gemeinde entstanden.

Eine Pfarrei über große Entfernungen

Löcknitz gehört zur Pfarrei St. Johannes Paul II., Uecker-Randow. Zu ihr gehören Pasewalk, Viereck, Strasburg, Löcknitz, Penkun, Hoppenwalde, Ueckermünde, Torgelow und Blumenthal. Schon die Ausdehnung macht deutlich, was katholische Diaspora in Vorpommern bedeutet: Von Ueckermünde am Stettiner Haff bis Penkun sind es mit dem Auto rund 60 Kilometer und etwa eine Stunde Fahrzeit, von Löcknitz bis Strasburg rund 30 Kilometer und gut eine halbe Stunde.

Gemeinde findet damit nicht in einem überschaubaren Stadtviertel statt, sondern ist über eine ganze Region verteilt. Gottesdienste, Sitzungen oder gemeinsame Feste können für die Gläubigen lange Anfahrten bedeuten. Die verschiedenen Standorte möglichst miteinander zu verbinden, gehört deshalb zu den besonderen Herausforderungen der Pfarrei.

1997 schloss die Kapelle

In Löcknitz selbst schien katholisches Gemeindeleben schon einmal fast beendet. 1997 wurde die katholische Kapelle geschlossen, weil es zu wenige Gläubige gab. Erst im Oktober 2016 wurde wieder katholischer Gottesdienst gefeiert, zunächst in der evangelischen Kirche. Mit dem Zuzug aus Polen wuchs der Bedarf nach einem eigenen Ort. Heute zählt die Pfarrei 3.284 Katholiken, davon sind 1.595 Polen. Die meisten von ihnen leben in Löcknitz.

Das Erzbistum Berlin entschied sich allerdings gegen den Bau einer klassischen Kirche. Stattdessen entstand ein offenes Begegnungszentrum. Heute leitet Klaudia Wildner-Schipek das Begegnungszentrum "mia". Das Gebäude, einst Restaurant und zu DDR-Zeiten unter anderem Jugendclub und Kegelbahn, liegt mitten im Ort – gegenüber von Kindergarten und Schulen und unweit des Sees. 2020 wurde das umgebaute Haus eröffnet.

Kirche nicht nur am Sonntag

Das "mia" ist kein Gemeindehaus, dessen Türen erst kurz vor dem Gottesdienst geöffnet werden. Unter der Woche gibt es Angebote für Kinder, Theater, kreative Gruppen, Chor und Begegnungen. An einzelnen Tagen kommen jeweils rund 25 Kinder zu den Gruppen. Dabei sind längst nicht alle katholisch. Manche Kinder haben kaum religiöse Vorerfahrungen. In den Gruppen wird je nach Zusammensetzung Deutsch oder Polnisch gesprochen. Das Haus soll ausdrücklich offen in den Ort hineinwirken.

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Unter der Woche gibt es Angebote für Kinder, Theater, kreative Gruppen, Chor und Begegnungen.

Wildner-Schipek erlebt viele junge Familien, die eine weniger formelle Form von Kirche suchen. Kinder dürfen sich bewegen, Familien können über Theater oder Kreativangebote in das Haus kommen und später vielleicht auch Erstkommunion, Firmung oder Gottesdienst kennenlernen. Andere nutzen nur einzelne Angebote. Beim Gottesdienst zeigt sich, wie stark die Gemeinde inzwischen geworden ist: Bei einem Besuch sind rund 90 Menschen da, die etwa 100 Stühle sind nahezu vollständig besetzt.

Pfarreiratsvorsitzender Bernhard Trömer ist von dem Modell sehr angetan, das Begegnungszentrum sei eine "große Bereicherung", Löcknitz ein "sehr lebendiger Gemeindeteil". Das ist für Trömer auch deshalb bemerkenswert, weil die Entwicklung andernorts in die entgegengesetzte Richtung geht. Ältere Gemeindemitglieder sterben, jüngere ziehen wegen Studium oder Beruf fort oder verlieren die Bindung an die Kirche. Löcknitz dagegen sei "eine sehr junge Gemeinde".

Gegenmodell zur Parallelgemeinde

Noch in anderer Hinsicht ist Löcknitz ein Experiment. In vielen deutschen Städten gibt es seit Jahrzehnten muttersprachliche katholische Gemeinden. Sie ermöglichen Zuwanderern Gottesdienst und Gemeindeleben in der eigenen Sprache und bewahren vertraute religiöse Traditionen. Zugleich besteht die Gefahr, dass sich solche Gemeinden zu weitgehend eigenständigen kirchlichen Welten entwickeln, die nur wenige Berührungspunkte mit den deutschsprachigen Katholiken am selben Ort haben.

In Löcknitz wurde bewusst ein Gegenmodell angestrebt. Pfarreiratsvorsitzender Trömer sagt, das Erzbistum habe den Gedanken einer eigenen muttersprachlichen Gemeinde von Anfang an verworfen. Man wolle, dass sich die polnischen Katholiken in die gemeinsame Pfarrei einbringen. Pfarrer Marek Malesa formuliert es ähnlich: "Wir machen da keine polnische Mission." Zugleich sollen die polnischen Familien ihre Sprache und ihre religiösen Traditionen nicht an der Kirchentür abgeben. Integration könne nur funktionieren, wenn Menschen Raum bekämen, Eigenes mitzubringen.

Ein Kruzifix liegt auf einer polnischen Flagge
In vielen deutschen Städten gibt es seit Jahrzehnten muttersprachliche katholische Gemeinden. Sie ermöglichen Zuwanderern Gottesdienst und Gemeindeleben in der eigenen Sprache und bewahren vertraute religiöse Traditionen.

Das Gegenmodell lautet deshalb nicht: nur noch Deutsch. Es lautet: eine Pfarrei, mehrere Sprachen und Traditionen. Polnische Gläubige sind auch im Pfarreirat vertreten und tragen damit Verantwortung für die gesamte Pfarrei. Dass daraus nicht automatisch jeden Tag deutsch-polnische Gemeinsamkeit entsteht, verschweigt Trömer nicht. Konflikte gebe es nicht, wohl aber Sprachbarrieren. Bei Gemeindefesten und besonderen Feiern entstehe ein Miteinander; im normalen Alltag gebe es teilweise auch ein Nebeneinander. Die Integration gelinge "mal mehr, mal weniger".

"Die Menschen sind die Kirche"

Für die riesige Flächenpfarrei löst das Wachstum in Löcknitz die Probleme nicht. Andere Gemeindeteile altern, Geld und Personal werden knapper. Auch über die Zukunft kirchlicher Gebäude muss entschieden werden. Aber Löcknitz zeigt eine andere Seite der Migration im deutsch-polnischen Grenzraum. Menschen wie Paulina Domagalska, Magdalena Ciolak und Monika Osinska-Majchrzak bringen nicht nur ihre Familien und ihre Sprache mit. Sie verändern den Ort – und auch die Kirche.

Pfarrer Malesa fasst seinen Ansatz in einem einfachen Satz zusammen: "Für mich sind die Menschen die Kirche." 1997 wurde in Löcknitz die katholische Kapelle geschlossen, weil die Gläubigen fehlten. Knapp drei Jahrzehnte später ist katholisches Leben wieder sichtbar. Nicht, weil zuerst eine neue Kirche gebaut wurde – sondern weil neue Menschen gekommen sind.

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