Adams verbotene Liebe
Die polnische Regisseurin Malgoska Szumowska hat einen Film mit einer kleinen Geschichte gedreht. Aber es ist eine Geschichte, die Tiefe hat und mit großartigen Bildern erzählt wird. In der polnischen katholischen Kirche - und nicht nur dort - wird "In The Name Of" sorgfältig geprüft werden. Ist es ein Schwulen-Film über einen Priester? Eine Anklage der Kirche? Ein ideologisches Filmtraktat?
Weder noch: "In The Name Of" ist all das nicht, und darin liegt die große Stärke dieses Dramas. Hier geht es alleine darum, mit aller Genauigkeit und Hingabe die Abgründe einer Wirklichkeit auszuloten, die es so oder ähnlich überall geben kann. Entscheidend ist, dass Adam einen jungen Mann liebt. Diese Liebe ist ihm verboten. So ist der junge Priester vor allem eines: einsam.
Dabei ist er nicht allein: Seine Energie, sein Einsatz wird von den Dorfbewohnern geschätzt. Jeder von ihnen fühlt sich zu ihm hingezogen. Adam überzeugt, weil er sich einsetzt für die Interessen der Leute. Und weil er ehrlich ist. In einer Predigt spricht er davon, wie er zu Gott fand, mit 21 Jahren, nach einem Leben fern der Religion. Sein verstorbener Vater war ihm erschienen, und plötzlich sah er sein Leben in einem anderen Licht.
Laufen als Gebet
Es gibt einen Punkt in uns, der unberührt ist von allem. Dort sei Gott, sagt er. Für Adam ist all das konkrete Wirklichkeit. Einem jungen Beichtenden legt er als Buße auf, jeden Tag eine Stunde zu joggen: "Laufen ist auch ein Gebet", sagt er. Und so sieht man ihn beten: im Trainingspulli, mit Mütze, Laufschuhen zieht er durch den Wald, durch die Felder.
Glaubhaft wird das durch Andrzej Chyra: Er spielt den Adam mit einer Intensität, einer Präsenz, die seine Figur vor jeder Inanspruchnahme für ein ideologisches Konzept bewahrt. Überhaupt ist es Malgoska Szumowska gelungen, ihre Geschichte offen zu halten für den unbefangenen Blick. Dazu passt, dass sie den Film als Ensemblefilm konzipiert hat.
Viele Szenen seien zwar im Drehbuch angelegt gewesen, wurden jedoch beim Dreh neu entworfen und improvisiert, sagte Szumowska in Berlin. Diese Freiräume sind in beinahe jeder Szene zu spüren, unabhängig davon, ob sie von Profis oder Laien gespielt wird.
Verstörend und Verstört
Mateusz Kosciukiewicz gibt dem von ihm gespielten jungen Mann etwas Verstörendes und Verstörtes zugleich. In einer Szene laufen Adam und er durch ein Maisfeld, stoßen Schreie aus, suchen einander und kommen doch nicht zusammen. Die gleiche Intensität wie die beiden Hauptfiguren strahlen auch die anderen Charaktere aus. Allen voran Ewa (Maja Ostazewska): Wenn sie Adam ihre Liebe eingesteht, tut sie das mit einer geradezu religiös anmutenden Hingabe und Würde, wie sie im Kino selten zu sehen sind.
Überhaupt bestimmt das Religiöse weit mehr als den Plot des Films. Immer wieder sind es geradezu malerisch angelegte Bilder, in denen biblische Motive aufleuchten wie eine ferne Erinnerung: das Letzte Abendmahl, die Kreuzigung, der Leichnam Jesu. So ist "In The Name Of" ein Film über die Religion - und zugleich ein Film, der seine Bilder, seine Motive und am Ende auch seine Stimmung aus dem christlichen Kosmos schöpft.
Am Ende des Films zeigt Malgoska Szumowska ein Priesterseminar: Männer in schwarzen Gewändern stehen im Park beieinander. Man plaudert, man scherzt. Und dann ist auch er dort zu sehen, der junge Mann, den Adam liebt. Es ist eine Art "Fortsetzung folgt", das Malgoska Szumowska hier andeutet. Der internationalen Presse sagte Szumowska in Berlin, sie vermute, dass ihr Film bei den Konservativen in Polen einige Unruhe stiften wird. Nicht nur die Schlussszene gibt ihr Recht.
Von Hans-Joachim Neubauer (KNA)