Alfies Vater fleht den Papst an: Bitte kommen Sie her!
Der Vater des schwerkranken Kleinkinds Alfie, Tom Evans, hat den Papst um persönliche Intervention für seinen Sohn gebeten: "Bitte kommen Sie her und schauen Sie sich an, was hier vorgeht. Schauen Sie, wie unser Kind von dieser Klinik als Geisel gehalten wird. Das ist ungerecht", sagte Evans am Donnerstag in Liverpool dem italienischen katholischen Fernsehsender TV2000.
Zugleich dankte Evans Italien für die Unterstützung. Alfie sei Teil der "italienischen Familie", sagte der 21-Jährige. Die italienische Regierung hatte dem 23 Monate alten Alfie Evans, der an einem irreversiblen Abbau des Nervengewebes leidet, am Montag die italienische Staatsbürgerschaft zuerkannt.
Papst Franziskus hatte Mittwoch vergangener Woche den Vater Alfies in Audienz empfangen. Die Leiterin der vatikanischen Kinderklinik Bambino Gesu, Mariella Enoc, reiste anschließend auf Wunsch des Papstes nach Liverpool, um eine Verlegung des Kindes nach Italien anzubieten. Franziskus appellierte zuletzt in einem Tweet für Alfie, "dass auf das Leiden seiner Eltern gehört wird und ihre Bitte, neue Möglichkeiten der Behandlung zu versuchen, erfüllt wird".
Ethik-Experte warnt vor ideologischer Instrumentalisierung
Liverpools Erzbischof Malcolm McMahon teilte dem Papst bei der Generalaudienz am Mittwoch mit, die dortige Alder-Hey-Kinderklinik habe "wirklich alles Menschenmögliche" getan, um dem Jungen zu helfen, berichtete die Zeitschrift "The Tablet" (Online-Ausgabe). Liverpools Katholiken sei "das Herz gebrochen".
Unterdessen hat ein Ethik-Experte des Vatikan vor einer Instrumentalisierung von Alfie Evans gewarnt. Das Kind und seine dramatische Situation dürften nicht "in die eine oder andere Richtung" ideologisch instrumentalisiert werden, sagte der Kanzler der Päpstlichen Akademie für das Leben, Renzo Pegoraro, am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur in Rom. Es gelte sowohl den Rechten und der Verantwortung der Eltern für ihr Kind wie auch der Kompetenz der Ärzte Rechnung zu tragen. Die Beteiligten müssten nach einer einvernehmlichen Lösung für eine angemessene Behandlung suchen.
Der Theologe verlangte Rücksicht auf die Empfindungen, Wünsche und Ängste der Eltern, betonte aber zugleich, die objektive Einschätzung der Heilungschancen falle den Medizinern zu. In einer solchen Situation wie der des 23-monatigen Jungen mit seiner Erkrankung stünden Eltern vor der "Schwierigkeit, die terminale Phase anzunehmen". Es sei Aufgabe der Ärzte, ihnen bei den nötigen Entscheidungen zu helfen. Zugleich brauchten sie das Angebot psychologischer und geistlicher Begleitung.
Eltern und Mediziner könnten sich vor der Notwendigkeit finden, "zu akzeptieren, dass es keine Therapien gibt", so Pegoraro. "Wenn es dann zu einer rechtlichen Auseinandersetzung kommt, wird alles schwierig", sagte er. Ein Abbruch intensivmedizinischer Maßnahmen bedeute nicht, den Tod herbeizuführen, sondern zu akzeptieren, dass das Lebens begrenzt sei. In jedem Fall müssten Pflege und Begleitung sichergestellt sein.
Zum Streit über eine Verlegung des Kleinkinds aus Liverpool in eine italienische Klinik sagte Pegoraro, eine gute palliativmedizinische Versorgung sei zweifellos auch in Großbritannien gewährleistet. Zu der Initiative des Papstes, Alfie Evans eine Behandlung in der vatikanischen Kinderklinik Bambino Gesu anzubieten, sagte er, die Päpstliche Akademie für das Leben sei immer informiert worden, habe aber einen ausschließlich beratenden Dienst.
Kardinal Bassetti: Gerichtsurteile schwer verständlich
Der Anfang Mai 2016 geborene britische Junge Alfie Evans leidet an einem fortschreitenden Abbau des Nervengewebes. Das Oberste Gericht des Vereinigten Königreichs hatte nach einem Rechtsstreit mit den Eltern den Abbruch der Behandlungen verfügt. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte am Montag einen Antrag der Eltern auf Fortführung der Maßnahmen abgelehnt.
Der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Gualtiero Bassetti, nannte die Gerichtsurteile schwer verständlich. Es sei "unglaublich", dass Gesetze zu einer so "unmenschlichen" Konsequenz führen könnten. Die Kinderklinik-Leiterin Enoc betonte wiederholt, ein Team stehe bereit, um den Jungen mit dem Flugzeug nach Italien zu bringen. Allerdings gehe dies nur mit einem "diplomatischen OK". (bod/KNA)