Als das Kolosseum rasiert wurde
Der letzte Kampf im Kolosseum war keine Tierhatz. Es ging gegen Löwenzahn und Bärenklau. Taraxacum officinale und Acanthus mollis hießen die armseligen Kreaturen, die in der Arena unter der Klinge fielen, zusammen mit der wilden Pistazie, der dornigen Spitzklette und der leichtfüßigen Federnelke. Die großangelegte Reinigung des steinernen Runds vom Pflanzenbewuchs war vorderhand eine konservatorische Maßnahme, aber auch ein politisches Statement und der Abschied vom alten, für viele liebgewordenen Angesicht Roms.
Die Annexion des Kirchenstaats und die Einigung Italiens waren soeben vollzogen. Die Versammlung der Königstreuen, die eine provisorische Regierung in der künftigen Hauptstadt des geeinten Italien bilden sollte, fand im Herbst 1870 nicht zufällig im Kolosseum statt – galt das Amphitheater doch als "erstes der Weltwunder und als Symbol der Ewigen Stadt", wie der Chronist Fabio Gori schrieb.
Rom sollte eine moderne europäische Metropole und Mittelpunkt des jungen Staates werden. Das bedeutete auch die Aneignung ihres historischen Erbes durch die Restaurierung der Ruinen und ihre weitere Erforschung. Ebenso pragmatisch wie symbolträchtig entschied der neuernannte Leiter der Denkmalbehörde, Pietro Rosa, im Frühling 1871 laut Gori, "den Gemäuern des Kolosseum das pittoreske Gewand von Grünzeug abzunehmen".
Auch Kreuzweg wurde entfernt – die katholische Presse schäumte
Im gleichen Zug entfernte man das Kruzifix in der Mitte der Arena und den umliegenden Kreuzweg mit den Leidensstationen Jesu. Die katholische Presse schäumte. Geister der Aufklärung hielten dagegen, die Barbarei an diesem Ort habe weniger gegen Christen als gegen die jüdischen Arbeitssklaven gewütet, die das Amphitheater unter Vespasian (69-79) errichten mussten. Wenn überhaupt, sollte dort eine Freiheitsstatue stehen.
Aber auch Römer und Rom-Kenner wie der deutsche Historiker Ferdinand Gregorovius fanden sich schmerzlich berührt von der Rodung der klassischen Altertümer, jener "erhabenen Wildnisse voll weihevoller Stille". Wie in der Spätantike, als "fanatische Christen zur Zerstörung der Tempel auszogen, so sah man jetzt Scharen von Menschen, mit Sicheln, Äxten, Messern und Brecheisen bewaffnet, auf die Ruinen klettern", schrieb Gregorovius, der sich als Adoptivsohn der Stadt sah.
"Nachdem das Kolosseum abrasiert war, wie die Römer spotteten, stand es als nacktes, frostiges, profanes Mauergerippe da, ganz fremdartig und gespensterhaft anzusehen." Gregorovius widersprach dem Vorwurf, all das sei bloß eine Folge der Entthronung des weltlichen Papsttums. Auch die Baulust der Renaissancepäpste sei mit "schonungslosem Vandalismus" einhergegangen, bemerkte der protestantische Gelehrte.
Aber für ihn besaßen die Ruinen einen Wert nicht nur als "mit Stein geschriebene Geschichte", sondern auch als Gegenstand romantischer Betrachtung. Ihre radikale Reinigung beraubte sie ihres natürlichen Schmucks und machte sie zu "bloßen Gegenständen der antiquarischen Wissenschaft".
Archäologin: "Sie haben richtig entschieden"
So wie er sie kennengelernt hatte, verglich Gregorovius die majestätischen Trümmer mit den hängenden Gärten des Alten Orients. "Es war ein entzückender Anblick, diese gewaltigen Mauern bis zu ihren Zinnen empor und diese riesigen Terrassen zerfallener Sitzreihen mit goldigem Ginster, mit purpurnem Löwenmaul, mit Digitalen, Kapern, Jasmin und Goldlack überhängt zu sehen." Und in welcher Vielfalt! Nicht weniger als 420 verschiedene Pflanzenarten katalogisierte der Brite Richard Deakin in seinem Band "Flora of the Colosseum of Rome" 1855.
Die heutigen Verantwortlichen des Archäologischen Parks des Kolosseum verteidigen indessen ihre Vorgänger und deren Rodungsedikt. "Sie haben richtig entschieden", sagt die Archäologin Federica Rinaldi. Pflanzenwurzeln dringen in Ritzen und sprengen Mauern, lassen Wasser anstauen und gefährden Statik und Bausubstanz. Was sich über fliegende Samen und Vögel an Bewuchs neu ansiedelt, wird deshalb kontinuierlich "mit Unkrautentfernung in Schach gehalten", so Rinaldi. "Die Erhaltungsmaßnahmen dauern an."
Gregorovius sah in jenem Frühsommer 1871 jedoch noch etwas anderes, Grundstürzendes am Werk: ein "Umwandeln der heiligen Stadt in eine weltliche", notierte er im Tagebuch. "Das alte Rom geht unter. Nach 20 Jahren wird hier eine neue Welt sein. Ich aber bin froh, dass ich im alten Rom so lange gelebt habe."