Auf die Plätze
Kaum einer glaubt, dass sich an den Machtverhältnissen nach der Parlamentswahl am Sonntag etwas ändert - nicht zuletzt dank eines geänderten Wahlrechts. Kritiker im In- und Ausland macht aber nicht nur das Tempo schwindlig, mit dem Orban sein Land umbaut, sondern vor allem die Art und Weise. Unabhängige Medien werden gegängelt, auf der Liste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen stieg das Land binnen eines Jahres um 7 Plätze auf Rang 64 ab.
Religionssoziologe: "Eigentümliche Mischung"
Mit massiven Eingriffen in das Wirtschaftsleben versucht Orban, das schon vor der Finanzkrise schwächelnde Land wieder auf Kurs zu bringen. Zugleich macht er Stimmung gegen multinationale Konzerne und "imperiale Bürokraten". Der Münsteraner Religionssoziologe Gergely Rosta spricht von einer "ganz eigentümlichen Mischung", in der mitunter auch Töne aus der kommunistischen Ära mitschwingen - neben einem gehörigen Schuss Nationalismus.
Die Mehrheit der Ungarn ist gegen einen stärkeren Einfluss der Religion und damit der Kirchen auf die Politik.
Gergely Rosta, Religionssoziologe
So knüpfe Orban an Schlüsseldaten der ungarischen Geschichte an, um das Volk gegen einen vermeintlich schädlichen Einfluss von außen zu einen, führt Rosta aus. Als Beispiel nennt er den Volksaufstand von 1956, der von der sowjetischen Armee niedergeschlagen wurde. "Damals haben wir gegen Moskau gekämpft, heute müssen wir gegen Brüssel kämpfen", so die Parole der Regierung - was sie freilich nicht daran hindere, großzügig EU-Fördergelder zu kassieren.
Baulicher Zustand wie 1940
Überhaupt: Ungarns Umgang mit der Vergangenheit gleicht einer der vielen offenen Baustellen im Herzen der Hauptstadt Budapest. Im Stadtpark Varosliget plant Orban ein neues Museumsviertel. Der Lajos-Kossuth-Platz soll in den baulichen Zustand der 1940er Jahre zurückversetzt werden - jene Epoche, als Ungarn noch von Miklos Horthy geführt wurde.
Horthy erließ 1920 das erste antijüdische Gesetz in Ungarn und schuf so den Nährboden für die Zusammenarbeit der ungarischen Behörden mit den deutschen Organisatoren des Holocaust kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Umso größer war der Aufschrei, als 2013 der calvinistisch-reformierte Pastor Lorant Hegedüs vor seiner Kirche eine Statue für Horty enthüllte. Hegedüs ist Anhänger der dritten parlamentarischen Kraft in Ungarn, der rechtsradikalen Jobbik-Partei. Auf rund 20 Prozent kommt die "Bewegung für ein besseres Ungarn" aktuell.
37 Prozent der Ungarn sind katholisch
Hegedüs und seine Nähe zu Jobbik mögen ein Einzelfall sein. Aber wie steht etwa die katholische Kirche zur Politik? Immerhin gehören ihr offiziell 37 Prozent der Bevölkerung an, was sie zur größten Konfession im Land macht. Darauf angesprochen, reagiert Marco Schicker, Chefredakteur der deutschsprachigen Internetzeitung "Pester Lloyd", sehr schmallippig. Für ihn ist die Kirche "Profiteur und Stütze für Orbans inhumane und auf Sicht äußerst gefährliche Politik".
Soziologe Rosta sieht es differenzierter. Natürlich profitiere die Kirche vom konservativen Kurs Orbans. Der Religionssoziologe stellt aber auch fest: "Die Mehrheit der Ungarn ist gegen einen stärkeren Einfluss der Religion und damit der Kirchen auf die Politik." Das sei nicht zuletzt ein Erbe aus der Ära des Kommunismus. Die Schatten der Vergangenheit scheinen allgegenwärtig in Ungarn.
Erzengel und Reichsadler
Das zeigte sich zuletzt auf dem Budapester Freiheitsplatz. Dort wollte Orban ein Denkmal aufstellen, das Ungarn in Gestalt des Erzengels Gabriel zeigt, der von einem deutschen Reichsadler angegriffen wird. Diese Botschaft - "Ungarn als Opfer der Nationalsozialisten" - werteten die jüdischen Gemeinden als Verhöhnung der ermordeten Juden und als versuchte Entlastung der Täter. Das von der Regierung für 2014 ausgerufene Holocaust-Gedenkjahr geriet damit zur Farce.
Von Joachim Heinz (KNA)
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