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Kathedrale von Canterbury droht indirekt mit einer Schließung

Auf eigene Gefahr

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Bonn/Canterbury - Einen Mord hat es in der Kathedrale von Canterbury schon gegeben: 1170 wurde Erzbischof Thomas Becket von Häschern des Königs in seiner Kirche erschlagen. Ein Fall fahrlässiger Körperverletzung darf nicht dazukommen, sagt nun die Kathedralverwaltung. Deshalb droht sie mit einer Schließung - wegen Baufälligkeit.

Anlass ist die Ablehnung eines Antrags beim Heritage Lottery Fund, dem bedrohten Gotteshaus zehn Millionen Pfund (Tageskurs 11,8 Millionen Euro) aus Lottoeinnahmen zur Verfügung zu stellen. Andrew Edwards vom Canterbury Cathedral Trust: "Wenn nur ein Stein aus dem Christchurch Gate, dem Haupteingang für Touristen, herabfällt, müssen wir die Kathedrale schließen." Zwei Drittel des riesigen Gebäudekomplexes benötigten dringend Restaurierungsarbeiten, so Edwards. Die vor fünf Jahren begonnenen Bauvorhaben belaufen sich auf geplante 17 Millionen Pfund (20,1 Millionen Euro); doch die Finanzierung ist absolut prekär.

Eine Kirche zwei Bischofssitze

Die anglikanische Kathedrale in der Grafschaft Kent ist die historisch bedeutendste Kirche der britischen Inseln und die Mutterkirche des Christentums in Großbritannien. Sie gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die Bischofskirche beherbergt gleich zwei Bischofsstühle: einen für den Erzbischof von Canterbury, also den Leiter der südlichen Kirchenprovinz Englands. Und den zweiten Stuhl, den des heiligen Augustinus, für den Primas von England (und mithin das Ehrenoberhaupt der anglikanischen Weltgemeinschaft).

Kathedrale von Canterbury: Zentrum der der anglikanischen Kirche.
Kathedrale von Canterbury: Zentrum der der anglikanischen Kirche.

597 entsandte Papst Gregor der Große benediktinische Missionare nach Britannien. An der Stelle der ersten Klostergründung des heiligen Augustinus von Canterbury (gest. 604/605), zugleich erster Erzbischof der Sachsen und Angeln, entstand im 11. Jahrhundert eine mächtige normannisch-romanische Kathedrale. Mit ihren gotischen Erweiterungsbauten der folgenden Jahrhunderte bildet sie bis heute einen ebenso gigantischen wie kunsthistorisch einzigartigen Baukomplex.

Mehr als eine Million Touristen pro Jahr

Nach der Ermordung von Erzbischof Becket wurde die Kathedrale von Canterbury zum wichtigsten Wallfahrtsort Englands. Mit dem Brand von 1174 bzw. dem anschließenden Neubau beginnt die Sonderform der englischen Kathedralgotik, deren einzelne Phasen sich in den vielfältigen späteren Bauteilen widerspiegeln.

Der Erhalt des Kathedralkomplexes ist eine riesige finanzielle Herausforderung. Umweltverschmutzung und der Zahn der Zeit machen umfassendste Renovierungen notwendig, für die schon seit Jahrzehnten enorme Finanzmittel erlöst werden müssen. Die als (Zwangs-)Spende getarnten Eintrittsgelder für die mehr als eine Million Touristen jährlich reichen nicht aus. Zusätzliche Beiträge werden durch Merchandising, Großspenden, Benefizveranstaltungen wie Konzerte britischer Rock-, Pop- und Klassikgrößen sowie den Einsatz der Denkmalschutzstiftung "National Trust" aufgebracht.

Enttäuschter Kathedraldekan

Auf dem Heritage Lottery Fund lagen große Hoffnungen der Kathedralverwalter. Der Fonds wurde 1993 per Gesetz ins Leben gerufen, um Gelder aus der nationalen Lotterie gezielt für bedrohte Kulturgüter einzusetzen. Seitdem förderte er nach eigenen Angaben rund 35.000 Projekte mit 5,3 Milliarden Pfund (6,3 Milliarden Euro).

Zu den Großprojekten zählten etwa die Instandsetzung des Kennet-and-Avon-Kanals in Somerset (25 Millionen Pfund), der Bau des National Waterfront Museum in Swansea (11 Millionen) oder der Ankauf von Tizians "Diana und Kallisto" für die Londoner National Gallery (3 Millionen). Dieses Jahr kamen unter anderen der Formel-1-Kurs von Silverstone und eine alte Brauerei in Cornwall zum Zug.

Kathedraldekan Robert Willis zeigte sich enttäuscht über die Entscheidung, aber auch kämpferisch: Man werde die Gründe für die Absage analysieren und im November einen neuen Antrag für 2014 stellen. Bis dahin müssen die Besucher, fromm oder nicht, weiter besonders gründlich zum Himmel schauen und ihre Zwangsspende entrichten.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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