Bedford-Strohm bestürzt über "neue Qualität" von Antisemitismus
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, reagierte mit Bestürzung auf die Debatte über eine Zunahme antisemitischer Vorfälle in Deutschland. "Es macht mich unendlich traurig, dass wir in unserem Land überhaupt diese Diskussion führen müssen. Und ich schäme mich dafür", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die einzige angemessene Reaktion sei null Toleranz gegenüber dummen Sprüchen oder anderen Angriffen auf Juden - und das "nicht nur seitens des Staats, sondern seitens jedes einzelnen Bürgers". Antisemitismus widerspreche allem, wofür das Christentum stehe, so Bedford-Strohm.
Zuvor hatte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, erklärt, er könne Juden derzeit nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung, zu tragen. Seine Meinung habe sich "im Vergleich zu früher leider geändert", sagte Klein den Zeitungen der Funke Mediengruppe.
Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, fordert einen entschiedeneren Kampf gegen Antisemitismus. Er habe bereits vor zwei Jahren darauf hingewiesen, "dass Juden in einigen Großstädten potenziell einer Gefährdung ausgesetzt sind, wenn sie als Juden zu erkennen sind", sagte Schuster am Wochenende in Berlin.
Schuster fügte hinzu, es sei "zu begrüßen, wenn diese Situation auch auf höchster politischer Ebene mehr Aufmerksamkeit erfährt." Die ganze Gesellschaft müsse gegen Antisemitismus mobil machen: "Es ist höchste Zeit", so der Zentralrats-Präsident.
Generell sehe er bei antisemitischen Vorfällen eine "neue Qualität". Er neige nicht zum Dramatisieren, "doch die Lage hat sich insgesamt wirklich verschlechtert", sagte Schuster der "Welt am Sonntag". "Das aggressive politische Klima wirkt sich aus." Juden in Deutschland fühlten sich zwar von den Sicherheitsbehörden ausreichend geschützt, "aber es wird Zeit, dass sich in der Gesellschaft der Wind wieder dreht".
Schuster bezog sich mit dieser Einschätzung auf einen antisemitischen Vorfall in Hemmingen bei Hannover. In der Nacht zum 19. Mai war dort das Haus eines jüdischen Ehepaares angegriffen worden. "Hier wurde nicht eine jüdische Einrichtung angegriffen, die als solche deutlich zu erkennen ist, sondern hier haben die Täter den privaten Wohnort eines jüdischen Ehepaares ausfindig gemacht und sind mit dem Anschlag deutlich in deren Privatsphäre eingedrungen. Das ist eine neue Qualität", so Schuster.
Bestürzung auch in Israel
Der israelische Präsident Reuven Rivlin zeigte sich derweil "zutiefst geschockt". Ängste um die Sicherheit deutscher Juden seien "eine Kapitulation vor dem Antisemitismus und ein Eingeständnis, dass Juden, erneut, in Deutschland nicht sicher sind", heißt es in einer Erklärung des Staatsoberhaupts.
"Wir anerkennen und schätzen die moralische Position der deutschen Regierung und ihr Engagement für die dort lebende jüdische Gemeinde", hob Rivlin hervor. Aber "wir werden auf Antisemitismus niemals mit Defätismus reagieren - und wir erwarten und verlangen, dass unsere Verbündeten in gleicher Weise handeln".
Anfang Mai hatte sich der neue Kölner Rabbiner Yechiel Brukner über massive antisemitische Anfeindungen in Bussen und Bahnen beklagt. Sowohl Migranten als auch Deutsche hätten sich ihm gegenüber feindlich geäußert, wenn er seine Kippa getragen habe. Kardinal Rainer Maria Woelki zeigte "fassungslos" über die Schmähungen gegen den Brukner. "Ich schäme mich als Kölner für solche Vorfälle, die unter gar keinen Umständen zu tolerieren sind", sagte der Erzbischof dem kirchlichen Kölner Internetportal domradio.de. (cst/KNA)