Beten bis der Bus kommt
Für die Teilnehmer eine Unterkunft zu besorgen, war eine Herkulesaufgabe für Pfarrer Thomas Braunstein von der katholischen Pfarrei St. Johannes Nepomuk in Kehl. Im Ortenaukreis waren insgesamt 5000 bis 6000 Übernachtungsplätze zu organisieren; die weiteren Teilnehmer werden im Elsass untergebracht.
Anstoß für Lebendigkeit
Auf den Dörfern um Offenburg oder Kehl sei die Bereitschaft zur Aufnahme von Teilnehmern gut, in den Städten etwas schwieriger gewesen, sagt Braunstein. "Wenn wir nicht alle benötigten Betten finden, werden wir auch Menschen vorübergehend im Pfarrsaal unterbringen und sie dann in die Gottesdienste mitbringen", hat sich der Pfarrer vorgenommen. "Dann wird da niemand mehr 'Nein' sagen können." Der katholische Geistliche sieht in der Gemeinschaft mit den fremden Gästen einen willkommenen Anstoß für mehr Lebendigkeit in den Gemeindegottesdiensten: "Da kommen dann auch Leute, die man sonst nie sieht."
Das Jugendtreffen vom 28. Dezember bis 1. Januar sei "ein wunderschönes Zeichen der Völkerverständigung und der deutsch-französischen Freundschaft", findet der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Die Region sei perfekt gewählt für die Ausrichtung eines Jugendtreffens, das die Gemeinschaft und den Frieden zwischen den Menschen als Anliegen habe, schrieb er der Nachrichtenagentur dpa.
Das Treffen sei ein starkes Symbol für die Ökumene: "Das macht für mich Taizé aus, dass junge Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und mit ganz verschiedenen konfessionellen Prägungen zusammenkommen, über ihren Glauben sprechen, miteinander beten und singen und gemeinsam feiern." Er selbst könne aus familiären Gründen nur in Gedanken bei diesem "Fest des Friedens" dabei sein.
Mystische Musik
Seine Teilnahme angekündigt hat aber der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Eine Taizé-Premiere will auch der badische Landesbischof Ulrich Fischer feiern. "Taizé ist wie ein Traum", antwortet der evangelische Geistliche auf die Frage, was das Jugendtreffen für ihn bedeute. Obwohl der ökumenische Orden ihn seit Beginn seines Pfarrdienstes begleite, sei er nie dort gewesen. "Einmal wollte ich fahren. Da habe ich einen solchen Hexenschuss gehabt, da musste ich zu Hause bleiben."
Worin liegt die besondere Anziehungskraft dieser Gemeinschaft? "Die jungen Menschen verbindet eine ganz tiefe Frömmigkeit oder auch nur ein Suchen danach", antwortet Fischer. Ihm seien auch die Gesänge von Taizé besonders wichtig. "Das Geheimnisvolle dieser Musik ist, dass sie in einem selbst zu klingen beginnt, das ist eine so großartige Form des Betens, die ich faszinierend finde."
Die fünf Tage des Treffens haben eine klare Struktur. Der Tag beginnt mit einem Morgengebet in den Gastgemeinden in der Ortenau. Die Vormittage sind Erkundungen in der Region gewidmet. Dazu gehören etwa Besuche in Kindergärten, die Besichtigung der Moschee in Kehl oder Betrachtungen zu den Stolpersteinen in Offenburg, die am einstigen Wohnort von jüdischen Opfern der NS-Herrschaft in das Pflaster eingelassen sind.
Schwerpunkt Europa
Nachmittags gibt es Veranstaltungen zu vielen unterschiedlichen Themen in Straßburg. Ein Schwerpunkt wird Europa sein, daneben geht es um soziale Themen wie das Arbeitsleben und der Umgang mit Flüchtlingen. "Wir können nicht in der Kontemplation verharren, ohne in die Welt hinauszugehen", sagt Fischer mit Blick auf die Schrift von Frère Roger mit dem Titel "Kampf und Kontemplation".
Den Abschluss bildet ein Abendgebet und die Rückfahrt mit dem Bus in die Übernachtungsorte. Ein besonderer Höhepunkt soll der Jahreswechsel in Straßburg werden - mit einem "Fest der Nationen". Auch Landesbischof Fischer will die Silvesternacht in Straßburg verbringen: "Die Jugendlichen würden sagen: "geil" - aber das sagt man ja nicht."
Von Peter Zschunke (dpa)
In der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé leben etwa 100 Männer aus 25 Ländern zusammen. Sie folgen einer Ordensregel aus dem Jahr 1953, die Freude, Barmherzigkeit und Einfachheit in den Mittelpunkt stellt und eine umfassende Gütergemeinschaft festlegt. Die Wurzeln der Gemeinschaft liegen in einem Haus in dem kleinen burgundischen Ort Taizé, das der Schweizer Theologe Roger Schutz 1940 erwarb, um Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. 1949 beschlossen sieben Männer, sich dort einem religiösen Leben in Ehelosigkeit zu widmen. Erster Prior wurde Schutz, Frère Roger genannt. Die kleine Gemeinschaft wurde in der Folgezeit von vielen Jugendlichen besucht, die von der besonderen Spiritualität des Ordens angezogen wurden. Seit 1966 organisiert die Gemeinschaft regelmäßige Jugendtreffen. Frère Roger wurde 2005 von einer psychisch kranken Frau erstochen. Der zweite und zurzeit amtierende Prior ist Frère Alois Löser aus Deutschland. (dpa)