Bomben im Heiligen Land
Zum Jahreswechsel verdichten sich die Hinweise auf hohen Besuch aus Rom, kurze Zeit später ist es dann amtlich: Papst Franziskus werde die krisenreiche Region im Frühjahr besuchen. Große Hoffnungen knüpfen sich an den Argentinier mit seiner unkonventionellen Art. Abweichungen vom Protokoll a la Papst Franziskus, so glauben die Optimisten, könnten Bewegung in die eingefahrenen Fronten des israelisch-palästinensischen Konflikts bringen.
Aufatmen zu Jahresbeginn auch bei Bethlehems Christen, als Israels Oberstes Gericht im Streit um den Bau eines weiteren Mauerstücks - quer durch die grüne Lunge Beit Dschallas und die Ländereien zweier Klöster - Israels Regierung vorerst ausbremst und eine bessere Begründung fordert.
Antichristliche Propaganda
Je näher der Reisetermin des Papstes rückt, desto schärfer wird in Jerusalem und anderen Landesteilen der Ton radikaler Juden gegen die einheimischen Christen. Zu seit längerem um sich greifenden Spuckattacken kommen Vandalismus, Drohungen und körperliche Übergriffe. Auch Moscheen und arabisch-jüdische Begegnungszentren bleiben von dem Hass jüdischer Extremisten nicht verschont.
Gezielt geschürte antichristliche Propaganda und die allgemeine israelische Sicherheitsparanoia dämpfen bei Jerusalems Katholiken die Vorfreude auf den Besuch von Franziskus. Sie werden ihren Papst in ihrer eigenen Stadt nicht zu Gesicht bekommen, ihn nicht wie vor 50 Jahren Papst Paul VI. euphorisch durch die engen Gassen schieben.
Die Nachbarländer Syrien, Jordanien und Libanon kämpfen unterdessen gegen den islamistischen Extremismus und seine dramatischen Folgen: Die Flüchtlingsströme aus Syrien reißen nicht ab und stellen die Gastländer vor eine schier unlösbare Aufgabe. Die Spannungen zwischen den verschiedenen Religionen und Konfessionen nehmen zu und gefährden das sensible Gefüge.
Dann kommt der Papst. In Jordanien, seinem ersten Ziel, springt bei seiner Begegnung mit jordanischen, syrischen und irakischen Gläubigen, mit Flüchtlingen und Behinderten der Funke der Begeisterung über. In Bethlehem tut er, was man von ihm erwartet: das Unerwartete. Er verlässt seine Route und lehnt schweigend seine Stirn an die rund acht Meter hohe Sperrmauer, die sichtbarste Hürde im israelisch-palästinensischen Friedensprozess.
Als er während der Messe auf dem Krippenplatz Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Israels scheidenden Staatspräsidenten Schimon Peres zu sich nach Rom einlädt und beide die Einladung annehmen, scheint für einen Moment das Undenkbare denkbar. Die Flugzeugtüren sind noch nicht ganz zu, als die Eilmeldung zum Brandanschlag auf die Jerusalemer Dormitio-Abtei die Runde macht.
Brutale Gräueltagen
Im Juni kommt ein neues Wort auf die Tagesordnung der Welt. "IS", der "Islamische Staat", wird gegründet, mit unabsehbaren Folgen für Nahost. Brutale Gräueltaten gehören von jetzt an zum Alltag im Irak - und setzen eine weitere Flüchtlingswelle in Gang. In Israel werden drei jüdische Jugendliche von palästinensischen Attentätern entführt. Als sie Wochen später ermordet aufgefunden werden, springt erneut ein Funke über, diesmal der Funke der Gewalt. Ein junger Palästinenser wird von jüdischen Extremisten bei lebendigem Leib verbrannt, das Land fängt Feuer.
50 Tage dauert der Gazakrieg, mehr als 2.000 Menschen sterben, fast alle Palästinenser. Das Ausmaß an Brutalität, Zerstörung und Sinnlosigkeit bleibt selbst in den Trümmern von Gaza stehend unvorstellbar. Ein Waffenstillstand bringt vorerst Ruhe an der Gaza-Front. In Jerusalem hingegen vergeht kaum ein Tag ohne Zusammenstöße. Attentate sind die scheinbar zwingende Schlussfolgerung der sich immer schneller drehenden Spirale der Gewalt.
Islamistisches Gedankengut hat auch den Gazastreifen längst erreicht. Die wenigen verbliebenen Christen sorgen sich unter vorgehaltener Hand um ihre Sicherheit. Im Libanon gewinnt der islamistische Terror an Boden, im Irak enthaupten die Vorkämpfer des "Islamischen Staat" eine Geisel nach der nächsten. Die Rede in Jerusalem ist von einer dritten Intifada, von einem Religionskrieg. Eine Prognose für 2015, sagen selbst die größten Optimisten, hat nicht mehr Wert als bis zum Ende des nächsten Tages.
"Es ist Zeit für die Buchhaltung der Seele", sagte der Imam der Al-Jazaar-Moschee in Akko, Scheich Samir Assi, angesichts der Gewalt im Heiligen Land. "Wie sind wir an diesen Punkt gelangt? Und was muss noch passieren?" Im Alltag des Nahen Ostens überlagern gegenseitige Schuldzuweisungen und Hetze einer lauten Minderheit die leisen Töne der selbstkritischen Mahner. Eine schnelle Antwort wäre zu viel verlangt. Wenn aber mehr und mehr der schweigenden Masse in solches leises Fragen einstimmten, wäre schon viel gewonnen.
Von Andrea Krogmann (KNA)