Christen gegen Christen
Das Geflecht der Kirchen in der Ukraine ist komplex. Da steht die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats auf der einen und die des Moskauer Patriarchats auf der anderen Seite. Ihre Differenzen beruhen nicht etwa auf einer unterschiedlichen Auffassung der Gnadenlehre oder einem fehlenden Konsens beim Eucharistieverständnis, sondern einzig auf ihrer politischen Ausrichtung. Nachdem die Ukraine 1991 ihre Unabhängigkeit erklärte, spalteten sich auch Teile der orthodoxen Kirche ab, die sich damit indirekt für Europa und gegen Russland entschieden. Dem sogenannte Kiewer Patriarchat fehlt bis heute die Anerkennung der anderen orthodoxen Kirchen.
Einen ähnlich schweren Stand hat aber auch die weitaus kleinere Gruppe von griechisch-katholischen Christen in der Ukraine. Durch ihre Verbundenheit mit Rom stehen sie unter Generalverdacht, eher europäischen denn russischen Interessen zu folgen. Das Konfliktpotenzial war offensichtlich, doch steigerte es sich aufgrund der aktuellen politischen Lage in den letzten Wochen und Monaten drastisch.
Gläubige aller Konfessionen leiden in der Ostukraine
Das russisch-orthodoxe Außenamt in Moskau veröffentlichte in der vergangenen Woche zunächst einen Brief ihres Patriarchen Kyrill I. an den Patriarchen Bartholomaios I. von Konstantinopel und die Oberhäupter der anderen orthodoxen Kirchen. Darin bat er sie, ihre Stimme zur Verteidigung der orthodoxen Christen in der Ostukraine zu erheben. Er listete mehrere Fälle von "Verhöhnung" und "gezielter Verfolgung" von Priestern auf, die er "Unierten und Schismatikern" – gemeint ist vor allem das orthodoxe Kiewer Patriarchat – zuschrieb. Wenig später wurde der Patriarch in einem Statement auf der Internetseite der Kirche konkreter: Er beschuldigte einen griechisch-katholischer Militärseelsorger, sich in der Ostukraine an Übergriffen gegen einen orthodoxen Priester beteiligt zu haben.
Die Darstellung sei "unwahr", erklärte dagegen der Sprecher der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine, Igor Jatsiw. Und hinter der Behauptung, nur Gläubige des Moskauer Patriarchates litten unter den Gefechten zwischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten, stehe der "gefährliche" und "unzulässige" Versuch, religiöse Spannungen in der Ukraine zu schüren. Stattdessen betonte Jatsiw, dass unter der gegenwärtigen "Tragödie" in der Ostukraine Anhänger aller Konfessionen litten. Kirchen und Klöster verschiedener Glaubensgemeinschaften seien zerstört worden. Geistliche aller Konfessionen würden in den Regionen Donezk und Lugansk und auf der im März von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim bedroht.
Der stellvertretende Leiter der Kirchenabteilung für die Militärseelsorge, Erzpriester Lubomyr Jaworski, kritisierte, Kyrill I. lasse sich von "Informationen aus Quellen der russischen Propaganda leiten". Niemand habe den orthodoxen Priester aus der Kirche vertrieben. "Er ist selbst geflohen, weil er die Terroristen unterstützt hatte. Das Gotteshaus war voller Munition", so Jaworski. Ein griechisch-katholischer Militärgeistlicher habe diese Kirche nicht betreten; den vom Moskauer Patriarchen beklagten Vorfall habe es nicht gegeben.
"Ideologische Argumentation gegen uniterte Kirchen"
Ein in Deutschland tätiger Pfarrer der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine ordnet die Angelegenheit so ein: Allein die Anwesenheit der katholischen Kirche in der Ostukraine betrachte man in Russland bereits als Provokation, sagt Ivan Machuzhak im Gespräch mit katholisch.de. Außerdem müsse Kyrill I. das Moskauer Patriarchat in der Ukraine stärken. "Das geht am besten, wenn man ideologisch gegen die unierten Kirchen argumentiert. Doch die katholische Kirche ist eben überall dort, wo die Menschen sind", sagt er. Und die Mehrheit der Bevölkerung sei eben für Europa.
Als Ukrainer denken wir dasselbe wie unsere Regierung und die Weltgemeinschaft: Die Krim gehört zur Ukraine.
Erzpriester Georgiy, Pressesprecher der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats
Dadurch stocken jedoch auch die Versuche, das Kiewer und das Moskauer Patriarchat der ukrainisch-orthodoxen Kirche zu vereinen. Große Hoffnungen hatte man in das neue Oberhaupt des Moskauer Patriarchats gesetzt. Doch auch wenn Metropolit Onufri, der vergangenen Mittwoch gewählt wurde, eine Vereinigung anstrebt, zeigt sich vor allem das Kiewer Patriarchat enttäuscht. Onufri hatte bereits bei seinem Amtsantritt betont, dass die Überwindung der Kirchenspaltung nur in Übereinstimmung mit dem orthodoxen Kirchenrecht erfolgen könne.
Kritik am neuen Patriarchen
Unter ihm werde ein Dialog über eine Wiedervereinigung der orthodoxen Kirchen der Ukraine wahrscheinlich keinen Erfolg haben, erklärte das Kiewer Patriarchat auf seiner Internetseite. Zudem warf es Onufri vor, prorussisch zu sein und die europäische Integration der Ukraine abzulehnen. Der Kiewer Patriarch Filaret sagte laut dem ukrainischen Pressedienst RISU außerdem, Onufri sei "kein Patriot". Er habe sich nicht genügend hinter die in der Ostukraine und damit gegen prorussische Separatisten gestellt.
Solange der politische Konflikt in der Ostukraine anhält, scheint eine Vereinigung der Kirchen unwahrscheinlich. Doch zumindest was die noch immer umstrittene Krim angeht, geben die Kirchen dieselbe Richtung vor. So sagte der Pressesprecher des Moskauer Patriarchats, Erzpriester Georgiy, bei einer Pressekonferenz am Wochenende: "Als Ukrainer denken wir dasselbe wie unsere Regierung und die Weltgemeinschaft: Die Krim gehört zur Ukraine." (mit Material von KNA)
Von Björn Odendahl