Das unbekannte Wesen
"Auch in der Kirche müssen wir uns fragen: Welche Präsenz hat die Frau? Kann sie stärker wertgeschätzt werden?" - Zwei Fragen, gestellt von Papst Franziskus höchstpersönlich. Doch sie stammen nicht, wie man meinen könnte, von der Familiensynode im Vatikan, nein, der Papst stellte sie bereits vor zwei Jahren bei einem Kongress des päpstlichen Laienrates. Die darin enthaltene Selbstkritik hat seither jedoch nichts von ihrer Aktualität eingebüßt: Eine "Wertschätzung" der Frau scheint in der katholischen Kirche in vielen Situationen keine Selbstverständlichkeit zu sein.
Das zeigt nun eindrücklich der Bericht von Lucetta Scaraffia, einer der 32 Frauen, die an der Familiensynode im Oktober teilnehmen durften. Die Historikerin und Verantwortliche für die Frauenbeilage des "Osservatore Romano" findet in der französischen Zeitung "Le Monde" harte Worte dafür, wie sie sich unter den Bischöfen in Rom gefühlt hat: "nur geduldet", "fast inexistent", nach einer Zeit der Gewöhnung gar als "eine Art Maskottchen". So übersetzt sie Radio Vatikan. Kurz: Die Kirchenmänner gaben ihr das Gefühl, minderwertig zu sein. Und das ausgerechnet bei einer Synode, die Fragen zu Ehe und Familie behandelt und damit Frauen besonders betrifft. Die anderen Teilnehmerinnen habe ihre Empörung überrascht: "Für die war es offenbar normal, so behandelt zu werden", schreibt die 67-Jährige.
Dass diese "Behandlung" nicht im Sinne von Papst Franziskus sein kann, machte er unter anderem im berühmt gewordenen Interview mit der Jesuiten-Zeitschrift "Stimmen der Zeit" deutlich, das ebenfalls 2013 erschien. Darin sagte der Papst: "Die Frauen stellen tiefe Fragen, denen wir uns stellen müssen." Und: "Der weibliche Genius ist nötig an den Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden. Die Herausforderung heute ist: reflektieren über den spezifischen Platz der Frau gerade auch dort, wo in den verschiedenen Bereichen der Kirche Autorität ausgeübt wird." Eigentlich eine eindeutige Aufforderung, den Frauen zuzuhören, doch Scaraffia konstatiert ernüchtert: "Jede meiner Wortmeldungen ging ins Leere."
Dabei kennt die Kirche doch so viele beeindruckende Heilige und sogar Kirchenlehrerinnen wie Katharina von Siena, die Päpste beriet. Den Frauen der Gegenwart traut so mancher Kirchenmann Intellektualität auf Augenhöhe im ersten Moment wohl nicht zu. Auch an den Universitäten in Rom reagieren Studenten aus anderen Ländern verwundert auf Frauen, die Theologie studieren. Gerade wenn sie keinem Orden angehören - oder sogar verheiratet sind. Es verblüfft sie nicht nur, dass wirkliche Gespräche über theologische Inhalte möglich sind, sondern auch, dass in Deutschland mittlerweile mehr Frauen als Männer Theologie studieren, um anschließend gar Religion zu unterrichten.
Das Erstaunen hat wohl mit seinen Grund darin, dass Frauen in der (Welt-) Kirche auf den oberen Rängen nicht präsent sind. Mehr noch - sie sind nicht nur unten, sondern auch untergeben, wie Papst Franziskus ebenfalls beim Kongress des Laienrats diagnostizierte: "Ich sage euch ehrlich: Ich leide, wenn ich sehe, wie in der Kirche oder in einigen kirchlichen Einrichtungen die Rolle des Dienstes der Frau in eine Rolle der Dienerschaft abgleitet." Und: "Es ist so, dass man nicht recht versteht, was eine Frau tun soll." Dieses päpstliche Eingeständnis stammt von 2013, Franziskus wich von seinem Redemanuskript ab. Zwei Jahre später müsste er noch immer leiden, wenn er das Armutszeugnis liest, das Lucetta Scaraffia den Kirchenmännern ausgestellt hat.
Diesen Text der Kolumne "Franz & Friends" publiziert katholisch.de mit freundlicher Genehmigung von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". "Christ & Welt" - das sind sechs Seiten, die sich auf Glaube, Geist und Gesellschaft konzentrieren, sechs Seiten mit Debatten, Reportagen und Interviews aus der Welt der Religionen. "Christ & Welt" ist im Jahr 2010 aus der traditionsreichen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" hervorgegangen.