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Über den Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor Tom McCarthy

Das Verschweigen beenden

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Ein Mann mit einer Trophäe in der Hand geht über eine Bühne.
Bonn - Als Schauspieler ist Tom McCarthy auf Nebenfiguren abonniert, als Regisseur hat er sich mit dem nun oscarprämierten Film "Spotlight" ins Rampenlicht vorgearbeitet. Dabei zieht sich ein Prinzip durch alle Filme McCarthys: Er will Übersehenes sichtbar machen.

Tom McCarthy hat auch in zahlreichen großen Kinoproduktionen mitgespielt, von "Good Night, and Good Luck" über "Syriana" bis zum Emmerich-Möchtegern-Blockbuster "2012". Doch man tut ihm wohl nicht Unrecht, wenn man zugibt, sich an die meisten dieser Figuren nicht so richtig erinnern zu können. Als er dann selbst damit begann, seine eigenen Geschichten zu erfinden als Drehbuchautor und Regisseur, da waren es gerade die Übersehenen, die Randständigen der Gesellschaft, die er ins Zentrum seiner Erzählungen rückte.

In seinem Debütfilm "Station Agent" finden ein kleinwüchsiger Eisenbahn-Fan, eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat, und ein dauerquasselnder Imbissbuden-Besitzer in ihrer jeweiligen Einsamkeit doch irgendwie zusammen. "Ein Sommer in New York" beschrieb die kurze Zeitspanne, die ein verwitweter Professor mit illegalisierten Immigranten teilen kann, bevor die Staatsgewalt Freundschaft und Liebe brutal beendet. McCarthy wirkte am Drehbuch des quietschbunten Animationsfilms "Oben" (2009) mit, das sich vehement auf die Seite eines grimmigen Rentners mit unerfülltem Lebenstraum schlug. "Win Win" und "Cobbler: Der Schuhmagier" erlösen einen kleinbürgerlichen Anwalt und einen lustlosen Schuhmacher davon, sich weiter wie bisher durch ihre Existenzen wurschteln zu müssen.

Tom McCarthys Filme erzählen fast immer von Männern. Und auffällig oft von den Leerstellen in ihrem Leben, die beispielsweise abwesende Väter oder der Verlust eines geliebten Menschen hinterlassen haben. Abstammung und Traditionen belasten die Figuren in diesen Filmen und erleuchten sie gleichzeitig in ihrer Einzigartigkeit.

Die Perspektive von Außenseitern

Tom McCarthys Werke bieten Lesarten an als Milieustudien. Oder gar als autobiografische Erfahrungsberichte. McCarthy wuchs in New Providence in New Jersey in einem katholischen Elternhaus auf und versuchte sich an der High School im Ringen. Genau dort trainiert auch Paul Giamattis Anwalt aus "Win Win" ein sagenhaft erfolgloses Team, bis ihm ein jugendlicher Champion in den Schoß fällt. Heute lebt und arbeitet McCarthy in New York, das er auch im "Cobbler" an seinem Versprechen des "melting pot" misst. Der jüdische Schuster (Adam Sandler), der dort eine zauberhafte Nähmaschine erbt, kann mithilfe dieses Geräts den Körper jedes Kunden annehmen, dessen Schuhe er damit geflickt hat – und McCarthy nutzt die ersten zaghaften Gehversuche zu einer Montage von Alltagsgesichtern aus allen Altersstufen und Ethnien, deren Personae der Schuster testweise kapert. Verblüffend kurz und geradlinig scheint auch der Weg von McCarthys Studium bei Jesuiten am Boston College zur Geschichte seines aktuellen Films "Spotlight", der von den Enthüllungen des "Boston Globe" über Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen Anfang der 2000er-Jahre erzählt und nun mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet wurde.

Szene aus dem Film "Spotlight".

Gleichzeitig ist McCarthys Arbeitsweise selbst eher eine journalistische als eine bekenntnishafte: Sowohl für "Win Win" als auch für "Spotlight" hat er ausgiebig in genau den Milieus recherchiert, die er scheinbar am besten kennt. Und die Perspektive, die er annimmt, ist ohnehin oft die von Außenseitern. Ein Anwalt mit armenischen Wurzeln und ein Reporter, dessen Vorfahren aus Portugal stammen, sitzen in einer Szene von "Spotlight" beim Essen zusammen. Der Jurist erzählt dem Zeitungsmann, dass sie beide nie so richtig ankommen werden in dieser Stadt, vor der in einem anderen Gespräch der Kardinal den Chef des Reporters mit unverhohlener Bedrohlichkeit warnt: Boston sei in so vielerlei Hinsicht eine Kleinstadt geblieben.

Menschen im urbanen Moloch

Diese Ostküsten-Topografien, vom provinziellen Jedermannland bis in den urbanen Moloch, hat in McCarthys ersten drei Filmen der Hamburger Kameramann Oliver Bokelberg ins Bild gesetzt. Das Boston von "Spotlight" zeigt sich nun durch Augen und Linse von Masanobu Takayanagi, der 1996 aus Japan in die USA einwanderte. Sie prägen den Blick der Filme von Tom McCarthy aber gerade nicht durch die Öffnung des Raums, durch eine Vorliebe für Stadtpanoramen oder Landschaften, in denen der Bedeutungsüberschuss im Bild doch wieder bedeuten würde, die Übersehenen erst erneut lokalisieren zu müssen. Die Natur an sich, die in "Station Agent" noch stets präsent war – und sei es als geografische Grundlage, um die Linien der Eisenbahnschienen hineinzuziehen –, verschwindet immer mehr aus diesen Bildern, die sich nur gelegentlich um Straßen oder Architektur zusammenziehen, aber viel häufiger um die Menschen, von denen McCarthy erzählen will.

Daher macht der Schauspieler Tom McCarthy auch Filme für Schauspieler. Die Hauptrolle in "Station Agent" spielte der damals noch unbekannte Peter Dinklage, mit dem McCarthy später eine nie gesendete Pilotfolge für "Game of Thrones" drehte, die Fantasy-Serie, die Dinklage endgültig ins Rampenlicht schoss. Richard Jenkins, der Gefühl und Zurückhaltung, Lebendigkeit und Subtilität so wunderbar wie wenige zeitgenössische Darsteller ineinanderfließen lässt, erhielt für "Ein Sommer in New York" seine bislang einzige "Oscar"-Nominierung. Kein Wunder, dass McCarthy den Independent-Liebling Paul Giamatti für "Win Win" gewann, und kein Wunder, dass er für "Spotlight" einen Allstar-Cast versammeln konnte, der von Michael Keaton bis Rachel McAdams reicht.

McCarthy sagt, er habe beim Verfassen eines Drehbuchs häufig schon den entsprechenden Darsteller im Kopf. Dies zeugt von einem erstaunlichen Gespür gerade für bislang kaum realisierte schauspielerische Potenziale – mit am faszinierendsten sind in McCarthys Filmen die Performances, die gegen die jeweilige Rollenbiografie ihres Darstellers anspielen. Passgenau erwischte er für "Cobbler" Adam Sandler in einer Phase von dessen Karriere, in der dieser auf klamaukige Grobheiten kaum noch Lust zu haben scheint. In einem ähnlichen Umbruch lässt sich Liev Schreiber beobachten, dem in "Spotlight" das markig Militärische, das ihn in vielen Genrefilmen ausgezeichnet hat, ausgetrieben ist: Als neuer Redakteur jüdischen Glaubens, der das Investigativ-Ressort des "Globe" erst auf die Kirchen-Story stößt, versteckt er wachen Geist und raubtierhaften Instinkt – den Ruf eines knallharten Sanierers bringt dieser Marty Baron mit nach Boston – unter einer zurückhaltend vernuschelten, wuschelköpfigen Fassade.

Und Mark Ruffalo, der große Sanfte, manchmal gar Schlurfige des amerikanischen Kinos, dem der "Hulk" gerade deshalb auf den Leib geschrieben war, lädt sich als portugiesischstämmiger Reporter eine Gespanntheit, eine unterschwellige Aggression auf den krumm gehaltenen Rücken, die selten bei ihm zu sehen war. Ihm gehört der einzige große Wutausbruch in einem ansonsten bemerkenswert stillen Film, in dem gleichwohl unglaublich viel gesprochen wird.

Erzählen vom tieferen Schmerz

Überhaupt, die Stille: So wie es in "Spotlight" wesentlich darum geht, Vergangenes und Verdrängtes dem Schweigen zu entreißen, so dreht sich für viele der Figuren, die McCarthys großartige Schauspieler zum Leben erwecken, alles um einen dunklen Punkt – um etwas, das verborgen bleiben soll, wenn es denn überhaupt existiert, um eine elaborierte Lüge oder um eine schlichte Leerstelle in ihrer Existenz. Peter Dinklages Eisenbahn-Aficionado Finbar McBride aus "Station Agent" zieht sich wie Carl Fredricksen in "Oben" in ein Eremitendasein zurück, das ihm erlauben soll, die Kommunikation mit anderen Menschen zu vermeiden.

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Diese anderen jedoch lassen sich nicht aussperren: Finbar freundet sich mit Olivia (Patricia Clarkson) an, die den Sohn verlor und sich mit ihrem Mann entzweite. Carl brennt unfreiwillig mit einem Pfadfinder durch, der ungefähr so geschwätzig ist wie Joe, der zweite neue Freund des "Station Agent" Finbar. Mike Flaherty, Anwalt und Hobby-Ringtrainer aus "Win Win" hat eine Schuld auf sich geladen, die er seinem neuen Schützling verschweigt, der auf Umwegen bei ihm einzieht und seinerseits wenig gesprächig ist, was die eigene schwierige Familiensituation angeht.

Ein Kino der unheorischen Helden

So bilden sich immer neue Patchwork-Konstruktionen aus den Verlassenen, Verstoßenen und Verzweifelten, die sich zu Ersatzfamilien zusammenfinden. "Connection is everything", heißt es folgerichtig auf dem amerikanischen Poster zu "Ein Sommer in New York", in dem die politische Lage in Stadt und Land nach 9/11 von außen so heftig an der sich im Film allmählich bildenden syrisch-amerikanischen WG zerrt, dass diese zerreißen muss. Diese ist McCarthys offenste politische Erzählung, eindeutiger noch als "Spotlight", wogegen sich in seinen anderen Filmen die Menschen und ihre umliegenden Milieus hin und wieder zwar knarzend aneinander reiben, der tiefere Schmerz der Menschen aber ein persönlicher, familiärer, verinnerlichter ist.

Auch dies passt sehr genau zu einer Spielart des amerikanischen Independent-Kinos, der Tom McCarthy zuzuordnen ist und die mit großer Empathie, aber beileibe nicht humorlos, mit den Außenseitern des Kinos und der Wirklichkeit durch deren jeweilige Welten spaziert. Auf Anhieb als solcher erkennbar ist ein McCarthy-Film freilich noch nicht, dafür trennt die bisweilen sperrige Ruhe von "Station Agent" doch zu viel von der fließenden erzählerischen und rhetorischen Bewegung, die eine Arbeit wie "Spotlight" auszeichnet. Gleichwohl durchzieht eine Aufrichtigkeit all diese Erzählungen, eine Weigerung, ihre Antihelden zu Helden zu machen – gerade weil es ihnen hin und wieder an der moralischen Eignung fehlt.

Dabei ist das Erfinden einer Story vielleicht sogar die kleinere journalistische Sünde gegenüber dem Übersehen einer solchen: Jahre ist es her, so muss Michael Keaton als "Spotlight"-Ressortleiter zerknirscht zugeben, dass er Hinweise auf den Missbrauchsskandal erhalten und sogar publiziert hatte. Die Sache versandete damals, schlingerte vor sich hin, wurde vergessen. Wenn das Kino von Tom McCarthy ein Interesse hat, dann ist es wohl dieses: das Verschweigen zu beenden und die Übersehenen in den Blick zu nehmen.

Von Tim Slagman

"Der Katholizismus steckt mir in den Knochen"

Tom McCarthys Enthüllungsthriller "Spotlight" über den Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche im Boston Anfang dieses Jahrtausends und die Aufdeckung durch mutige Journalisten des "Boston Globe" hat 2016 den Oscar für den besten Film bekommen. Ein Kurzinterview mit dem Regisseur:

Frage: Sie greifen ein heißes Eisen auf…

McCarthy: Zwei Themen interessierten mich: die Vertuschung des Skandals durch Kirche und Politik und der investigative Journalismus. Ich wurde katholisch erzogen und der Katholizismus steckt mir in den Knochen, einer meiner besten Freunde war Priester. Es geht mir nicht darum, die Kirche als Ganzes an den Pranger zu stellen, sondern um das gemeinschaftliche Schweigen über den Missbrauch, dass niemand den Mund aufmachte. Ich möchte einen Dialog in Gang bringen. Viele Menschen verlassen die Kirche, vielleicht sollte sie sich gesundschrumpfen und auf ihre Grundaufgaben besinnen, sich erneuern. Trotz Willen zur Wandlung: Institutionen zu ändern, erfordert Herkulesarbeit. Auch Barack Obama lief im Weißen Haus trotz bester Intentionen oft gegen die Wand. Aber Papst Franziskus halte ich für einen guten Mann, der könnte etwas bewirken.

Frage: Ihr Film ist auch eine Hymne auf einen Journalismus, den es heute kaum noch gibt.

McCarthy: In Amerika befindet sich der Journalismus auf Talfahrt. Die lokalen Zeitungen sind größtenteils verschwunden oder in Bedeutungslosigkeit versunken. Dabei gehören kritische Medien, die vierte Macht im Staate, zu unserer Demokratie. Professionelle Presse und Recherchen wie beim Spotlight-Team fehlen. Nichts gegen die Relevanz von Internet und Neuen Medien, aber sie ersetzen nicht die Printmedien. Es fehlt den Zeitungen an Inhalt, Manpower und natürlich Geld, beim Hecheln nach spektakulären News schaufeln sich Printjournalisten das eigene Grab.

Frage: Warum ein Spielfilm und kein Dokumentarfilm?

McCarthy: Film heißt für mich Unterhaltung. In fiktionaler Form und aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, auch dem der Opfer, ist das Thema eingängiger für das Publikum, lassen wir ihm mehr Möglichkeit, einen eigenen Standpunkt zu finden.

Von Margret Köhler

Linktipp: Dem Missbrauch auf der Spur

Sexueller Missbrauch durch Priester, der vertuscht wird - nicht nur von Kirchenoberen. Ein Skandalthema, das der Thriller "Spotlight" wohltuend wenig reißerisch beleuchtet. Jetzt ist er mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet worden - hier die Filmkritik.

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