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Stefan Rhein hütet das reformatorische Erbe

Der Katholik im Zentrum des Protestantismus

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Wittenberg - Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre es undenkbar gewesen: Als Katholik ist Stefan Rhein Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – und damit der Hüter ihres reformatorischen Erbes.

Stefan Rhein ist katholisch. Das ist ungewöhnlich in Sachsen-Anhalt, wo nur drei Prozent der Bevölkerung dieser Konfession angehören. Noch ungewöhnlicher ist da der Beruf des gebürtigen Schwaben: Von Wittenberg aus leitet er die Luthergedenkstätten in dem Bundesland. Auch im laufenden Gedenkjahr an 500 Jahre Reformation redet er ein gewichtiges Wort mit.

Einen Katholiken würde man im Herzen des deutschen Protestantismus nicht so leicht vermuten. Und doch ist es nicht erst seit kurzem so. Fast 20 Jahre ist der jetzt 58-Jährige schon für das Luther- und das Melanchthonhaus in Wittenberg sowie für Luthers Geburts- und Sterbehaus in Eisleben und dessen Elternhaus in Mansfeld verantwortlich.

Im Wittenberger Lutherhaus, wo der Reformator lebte und lehrte, residiert Rhein in einem geräumigen Büro mit Elbeblick. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Aktenordner und weitere Schriften. "Das war einmal eine Ausstellungsvitrine", erklärt er lachend und verweist auf seine Herkunft in der süddeutschen Region, der besondere Sparsamkeit nachgesagt wird.

Luthers Geschichte ist nicht zu Ende

Im Kontrast zu dem antik anmutenden Möbel steht ein modernes Gemälde an der Wand. Das Werk des DDR-Künstlers Harald Döring (1941-1997) zeigt zwei Mönche ins Gespräch vertieft. "Luthers Geschichte ist nicht zu Ende", deutet Rhein die Aussage des 1983 entstandenen Bildes. "Sie provoziert bis heute, über ihn im Gespräch zu bleiben."

Rheins eigene Geschichte mit der Reformation begann nicht mit Luther. Nach einem Studium der Philosophie sowie der lateinischen und der griechischen Sprache promovierte er über die griechischen Gedichte Philipp Melanchthons (1497-1560), Luthers vielseitig begabtem Mit-Reformator. Erste Sporen als Ausstellungsmacher erwarb Rhein sich dann am Melanchthonhaus im badischen Bretten.

Von dort bewarb er sich auf seine heutige Direktorenstelle. Im Auswahlverfahren war er der einzige Katholik "unter protestantischen Theologen". Seine Kombination aus wissenschaftlichem Renommee und Managementerfahrung war wohl entscheidend dafür, dass er den Zuschlag erhielt. "Und die Fürsprache von Sachsen-Anhalts damaligem Ministerpräsident Reinhard Höppner", vermutet Rhein.

Der Katholik Stefan Rhein arbeitet in der Lutherstadt Wittenberg. Vor dem dortigen Rathaus erhebt sich ein Denkmal des Reformators.

Seine vielen Talente waren auch in Wittenberg gefragt. In der damals sogenannten Lutherhalle stand im wesentlichen noch die Ausstellung von 1983. Zu Zeiten der DDR wurde sie zum 500. Geburtstag Luthers konzipiert. Rhein "entschlackte" sie von ideologischen Einflüssen und "einer Überfülle an Exponaten". Zudem brachte er sie multimedial auf den aktuellen Stand.

Auch als Bauherr musste sich Rhein in Wittenberg beweisen. Vieles am Lutherhaus war sanierungsbedürftig. "Mit Architekten und Handwerkern zu verhandeln, habe ich training-on-the-job gelernt." Zuletzt musste er das Lutherhaus in den vergangenen Monaten baulich auf den Ansturm des Gedenkjahres vorbereiten.

Luthersocken und Lutherschnäpse

Dass er bei all dem Engagement für den Protestantismus katholisch geblieben ist, sorgt bei denen, die davon wissen, immer wieder für Erstaunen. "Anfeindungen habe ich deswegen aber nie erlebt", versichert Rhein. Fragen an seinen katholischen Hintergrund stellt er sich aber immer wieder auch selbst. Etwa, seit er einen Griff von Luthers Sarg in der Dauerausstellung präsentiert. "Schimmert da ein katholisches Erbe des Reliquienkultes durch?", erwägt er selbstkritisch.

Bei Wittenberg-Besuchern etwa aus den USA liegt er mit Entscheidungen wie dieser aber gerade richtig. "Sie kommen bewusst als Pilger, nicht nur als Kulturtouristen", sagt Rhein. Berührungsängste kennt der Sohn eines Steuerberaters und Enkel eines Gastwirts auch nicht, wenn es um Vermarktung geht. Er ist sich der wirtschaftlichen Bedeutung des Reformationstourismus im strukturschwachen Sachsen-Anhalt bewusst: "Ich habe Nachsicht mit Luthersocken und Lutherschnäpsen."

Ein protestantisches Umfeld erwartet Rhein auch, wenn er nach Hause kommt. Seine Frau gehört der evangelischen Kirche an, sein Sohn wurde dort getauft. An einen Wechsel hat er selbst nach eigenem Bekunden jedoch nie gedacht. "Zu Luthers Zeiten wäre ich sicher evangelisch geworden", meint er nachdenklich. "Doch in der katholischen Kirche des 21. Jahrhunderts kann ich gut leben."

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