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Amtsverzicht von Ratspräsident trifft Schweizer Reformierte im Reformprozess

Der Rücktritt von Gottfried Locher: Ein Schweizer "Fall Käßmann"?

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Gottfried Locher
Genf - Der Schweizer reformierte Ratspräsident Gottfried Locher lieferte in den vergangenen Monaten reichlich Stoff für die Boulevardmedien. Für seine Kirche kommt Lochers Amtsverzicht jedoch zur Unzeit.

In Deutschland wurde der Vorgang kaum wahrgenommen, der seit Ende Mai in der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) für Aufsehen sorgt: Ihr Ratspräsident Gottfried Locher (53) trat nach Vorwürfen von "Grenzverletzungen im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses" überraschend zurück. Mehrere Frauen hatten sich beklagt.

Die Pfarrerin und Ratskollegin Sabine Brändlin hatte das Leitungsgremium deshalb aufgefordert, Locher zu suspendieren. Als der Rat dem nicht folgte, reichte Brändlin im April ihren Rücktritt ein. Mittlerweile wurde zudem bekannt, dass Locher und Brändlin 2018/19 eine außereheliche Beziehung miteinander hatten.

In mancher Hinsicht ist Lochers Rücktritt mit dem von Margot Käßmann vergleichbar, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Käßmann trat unmittelbar nach ihrer Alkoholfahrt im Auto freiwillig zurück - obwohl es Stimmen gab, die dies für übereilt hielten. Locher hingegen beugte sich erst dem entstandenen Druck.

"Mit vielen Ebenen und menschlichen Verstrickungen"

Die Vorgänge sind komplex, "mit vielen Ebenen und menschlichen Verstrickungen", wie eine Insiderin sagt; und ebenso komplex dürfte also die Aufarbeitung werden. Es geht dabei auch um Besetzungen, Interessenkonflikte und Abhängigkeiten innerhalb der Kirchenstrukturen - ein rechtlich-moralischer Graubereich.

Für die im Januar neu aufgestellte EKS, vormals Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund (SEK), kommt die Personalie zu einem denkbar unpassenden Zeitpunkt, steckt sie doch mitten in einem Reformprozess. Ihr gehören fast alle reformierten Kantonalkirchen als Landeskirchen sowie die Evangelisch-methodistische Kirche in der Schweiz mit insgesamt 2,1 Millionen Mitgliedern an. Schon 1920 hatten sich die von Zersplitterung bedrohten Kirchen in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz zusammengeschlossen. Bei der Neustrukturierung geht es um ein neues Profil und eine gemeinsame Stimme der Protestanten in der Schweiz.

Die lutherische Theologin und "Lutherbotschafterin" Margot Käßmann bei einer Talkshow.
Die lutherische Theologin Margot Käßmann trat 2010 nach einer alkoholisierten Autofahrt von ihrem Amt als Bischöfin zurück.

Diese Neuprofilierung hatte Locher seit 2011 als offizielle Stimme und Gesicht der Kirche vorangetrieben. Er hat sich früh ökumenisch ausgerichtet und viele Kontakte über die konfessionellen Grenzen hinweg zur römisch-katholischen und zu orthodoxen Kirchen aufgebaut. Auch trieb er die Vernetzungen der Schweizer Reformierten weltweit voran. Seit 2015 war er zudem Vorsitzender des Schweizerischen Rates der Religionen.

In der orthodoxen Ökumene wurde Lochers Rücktritt mit Bedauern aufgenommen. In Konstantinopel wie in Moskau war er seit zwei Jahrzehnten ein zentraler und geschätzter Partner. Zuvor waren die Reformierten den Orthodoxen meist in kühler Distanz begegnet. Nun sollten sie, so Lochers Wunsch, in der Orthodoxie einen gottesdienstlichen Reichtum und eine Wärme entdecken, die sie in der eigenen Kirche vermissten. Als er 2013 seinen Plan für die Umwandlung des Kirchenbundes in eine evangelisch-reformierte Kirche vorlegte, brachte er dabei viel vom synodalen Kirchenbild der Orthodoxie ein.

Locher stand in engem Kontakt zur Orthodoxie

Mit Bartolomaios I. von Konstantinopel schenkte erstmals seit dem 17. Jahrhundert ein Ökumenischer Patriarch wieder einem Reformierten sein Vertrauen. Beide standen in regem Kontakt und Meinungsaustausch. Parallel pflegte Locher seine Verbundenheit mit dem anderen gewichtigen Pol der Orthodoxie, der russisch-orthodoxen Kirche. Seit 2000 ist er mit einem ihrer Ökumeniker befreundet, Hilarion Alfejew, mittlerweile zum Chef des Moskauer kirchlichen Außenamtes aufgestiegen. Mit ihm kam sich Locher besonders bei der Frage einer Wiederbelebung des Bischofsamtes in den reformierten Kirchen nahe - das allerdings von den auf ihre Eigenständigkeit bedachten Kantonalkirchen abgelehnt wurde.

Bedeutet die aktuelle Situation für die EKS eine Infragestellung der neuen Struktur? Viele fühlten sich von den Strukturreformen überrollt und überfordert. Kritische Stimmen beurteilen die Struktur als von oben nach unten gerichtet und nicht von der Basis aus entwickelt. Es werde "ex cathedra" gesprochen, während ein prozesshaftes Geschehen angemessen wäre. Eine zeitliche Verzögerung der Umsetzung könnte einer Hierarchisierung entgegenwirken.

Und Locher selbst? Ob und in welcher Form er sich auch künftig in die Weiterentwicklung der kirchlichen Beziehungen einbringen kann, nachdem die aktuellen Vorwürfe aufgearbeitet sind - vielleicht beim Weltkirchenrat (ÖRK) in Genf -, ist derzeit noch nicht absehbar.

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