"Die Armen sind für Gott wichtig"
Im Müll sei er immer wieder auf spannende Dinge gestoßen, auf Bücher, Stifte, Papier. "Einmal habe ich sogar einen goldenen Ring zwischen dem Abfall gefunden."
Die Müllkippe auf der philippinischen Insel Cebu: Ein großer Abenteuerspielplatz? Der junge Filipino schüttelt energisch den Kopf. "Die Gefahr hier ist allgegenwärtig" sagt er. "Viele Kinder leiden unter den giftigen Dämpfen, die bei der Müllverbrennung entstehen. Andere werden von den Müllfahrzeugen angefahren. Erst letzte Woche hat ein Mülllaster einen kleinen, zehnjährigen Jungen überrollt. Er war sofort tot. Ich selbst bin als Kind öfter von einem der Transporter gefallen. Dabei habe ich mich immer wieder verletzt."
Mit einem krachenden Geräusch löscht ein LKW seine Ladung. Wie Aasgeier fallen Müllsucher über sie her, durchkämmen den Unrat nach allem, was ein bisschen Geld bringen könnte. Einst gehörte Gabriel zu ihnen. Doch er hatte Glück. "Eines Tages traf ich auf den Steyler Missionar Pater Heinz", erinnert er sich. "Er war es, der mir ein Stipendium für die Schule vermittelt hat. Bildung ist der einzige Weg aus der Armut, hat er immer gesagt. Ihm verdanke ich alles."
Beispiel für andere
Inzwischen hat Gabriel den Schulabschluss in der Tasche, verdient sich als Fotograf sein Geld. Auf die Müllkippe kommt er dennoch immer wieder zurück. "Ich träume davon, dass ich anderen ein Beispiel sein kann", sagt er. "Ich will den heutigen Müllmenschen zeigen, dass auch aus einem kleinen Aasfresser-Jungen etwas werden kann."
Hoffnungsträger wie Gabriel gibt es in vielen der weltweit rund 70 Länder, in denen sich die Steyler Ordensgemeinschaft engagiert. "Die Armen sind für Gott wichtig – deshalb müssen sie auch für die Kirche und die Steyler wichtig sein und bleiben", sagt Pater Heinz Kulüke, der nach seinem jahrzehntelangen Engagement auf den Philippinen inzwischen in die Ordensleitung nach Rom gewechselt ist. "Immer wieder neu gilt es daher für uns Missionare, die eigenen Komfortzonen zu verlassen und die Sorge um diese Menschen am Rande der Gesellschaft in den Mittelpunkt unseres Planens und Handelns zu stellen."
Vielfältig sind sie, die weltweiten Projekte, mit denen die Steyler insbesondere Menschen in Armut helfen: Trinkwasserprojekte gehören genauso dazu wie Rehabilitierungsprogramme für unterschiedliche Randgruppen, arbeitsschaffende Maßnahmen und konkrete Hilfen im Fall von Naturkatastrophen. "Darüber hinaus bemühen wir uns, in Situationen der Unmenschlichkeit eine mutige Stimme der Armen zu sein", ergänzt der Steyler Generalsuperior. "Insbesondere tun wir das durch unsere Nichtregierungsorganisation VIVAT bei den Vereinten Nationen in New York, die sich derzeit als Schwerpunkt den Themen Menschenhandel und Raubbau an der Natur widmet."
Bildung ist der Schlüssel
Pater Heinz Kulüke ist überzeugt: Von Menschen gemachtes Leiden muss auch von Menschen verändert werden. "Der effektivste Ausweg aus Armut und Elend ist und bleibt dabei der Bildungsweg", sagt der gebürtige Emsländer. "Er ist das entscheidende Fundament für eine bessere Zukunft. Bei allem spielen auch unser christlicher Glaube und die Botschaft der Versöhnung eine wichtige Rolle: Die Versöhnung mit sich selber, mit anderen, mit der Natur und mit der tieferen Dimension unserer Existenz, die wir Gott nennen. Der Glaube an diese tiefere Dimension erweitert den Horizont und fordert heraus, noch mehr zu tun."
Nachhaltig ist das Steyler Engagement für die Armen und Ausgegrenzten angelegt – und unabhängig von Personen. 2012 hat Heinz Kulüke die Philippinen verlassen. Doch das Engagement für die Müllmenschen wird von engagierten Steyler Missionaren und Missionsschwestern weitergeführt. Jeden Samstag sind sie in Umapad zu Gast, feiern Gottesdienst mitten auf der Müllkippe, verteilen im Anschluss Medikamente und versorgen offene Wunden.
Dann setzen die Missionare zu einem Rundgang durch die Siedlung an. "Wir spazieren einfach drauf los und sehen was passiert", erklärt Bruder Paul Bongcaras mit einem verschmitzten Lächeln. "Wir sagen unseren Freiwilligen immer: Seid offen für Überraschungen. Denn wir wissen auch nicht, was sich ergibt."
Singen gegen den Alltagstrott
Insgeheim weiß der Steyler Missionar schon, was ihm heute blüht. Bald bekommt Bruder Paul an einer der Baracken ein Karaoke-Mikrofon in die Hand gedrückt – und gibt zur Freude aller Kinder eine Gesangseinlage. Singen gegen den Alltagstrott auf der Müllhalde: Die Menschen sind dankbar für jede Abwechslung. "Wir dürfen nicht vergessen, auch die Freude der Menschen zu teilen", sagt Bruder Paul. "Sie verleiht die nötige Kraft für die Sorgen des Alltags."
Es ist schon dunkel, als die Brüder, Patres und Schwestern die Deponie verlassen. Viele Kinderhände winken ihnen nach. "Sie alle haben etwas anderes verdient als den Alltag im Müll", sagt Bruder Paul. "In 45 Kindergärten bereiten wir deshalb rund 3.000 Mädchen und Jungen auf ein Leben außerhalb der Deponien vor."
Gabriel, der Mülljunge von einst, gehört heute zu den freiwilligen Helfern der Missionare. Ihr Fahrzeug verlässt er vor einer Siedlung aus soliden Steinhäusern. "Eines der Umsiedlungsprojekte der Steyler für Familien von den Mülldeponien", erklärt er. "Hier wohne ich heute zusammen mit meiner Familie. Es ist wirklich schön hier. Früher, auf der Müllkippe, war meine Mutter immer krank, sie hatte starke Lungenprobleme. Hier ist die Luft viel besser."
Gabriel hat den Ausstieg geschafft, ist dem Elend der Müllkippe entkommen. Eine Straße weiter werkeln Arbeiter schon an neuen Häusern. Die Nachbarschaft wächst. Zukunftsperspektiven für die Müllmenschen von Cebu City.
Von Markus Frädrich
Weitere Bilder, einen ausführlichen Audiobeitrag und die Möglichkeit der Onlinespende zum Engagement der Steyler auf den Müllkippen von Cebu City finden Sie auf der Homepage der Steyler Mission. Ein Interview mit Pater Heinz Kulüke finden Sie hier.