Die "Keks-Affäre" von St. Louis
Genau damit hat der Erzbischof von St. Louis, Robert James Carlson (71), ein Problem. Carlson stößt sich vor allem an Positionen, die der nationale Verband der Pfadfinderinnen zu Homosexualität und dem Umgang mit Transsexuellen bezogen hat.
"Beunruhigendes Verhaltensmuster"
"Die Girl Scouts zeigen ein beunruhigendes Verhaltensmuster", schreibt der Erzbischof an Priester, Pfadfinder-Führer und Gläubige seiner Diözese. Sie bewegten sich in eine Richtung, "die in zunehmendem Maße nicht kompatibel mit katholischen Werten ist". Konkret nimmt Carlson Anstoß an einer Erklärung des Regionalverbands der rund 43.000 Pfadfinderinnen von Ost-Missouri zur Inklusion transsexueller Mädchen.
Zwar seien Katholiken dazu aufgerufen, alle Menschen mit Mitgefühl und Barmherzigkeit zu behandeln. Zugleich müsse man jedoch achtgeben, "wem wir erlauben, unsere Jugend zu erziehen und welche Botschaften sie mitgegeben bekommt", schreibt er.
Als weitere Beispiele für die Bedenklichkeit der Ausrichtung des Dachverbands nennt der Erzbischof die Verbindungen zu Amnesty International und der Hilfsorganisation Oxfam. Beide Organisationen verträten im Blick auf Sexualaufklärung und Geburtenkontrolle Positionen, die in Widerspruch zu katholischen Werten stünden, so Carlson.
Beim Keks-Verkauf sollten die Gläubigen "ihrem Gewissen folgen", heißt es auf der Internetseite des Erzbistums. Deutlicher wird Carlson gegenüber Priestern der Diözese. Diese sollten Alternativen zu den Pfadfinderinnen-Gruppen, die sich bisher in Räumlichkeiten katholischer Gemeinden treffen, prüfen. Auf Ebene des Erzbistums löste Carlson zudem ein Komitee auf, das Programme katholischer Pfadfinderstämme unterstützte.
Vertreter der Pfadfinderinnen und Eltern der rund 4.000 katholischen "Girl Scouts" reagierten mit Unverständnis auf die erzbischöfliche Intervention. Die Vorsitzende des Regionalverbands Ost-Missouri, Bonnie Barczykowski, erklärte, Carlsons Bedenken würden verkennen, welchen Dienst die Girl Scouts für die Mädchen in der Gemeinschaft leisteten. Fragen der Sexualität und Geburtenkontrolle würden nicht thematisiert - diese seien "am besten in den Familien aufgehoben".
Die Katholikin Julie Mudd sagte der Zeitung "St. Louis Post-Dispatch", sie hoffe, ihre vierjährige Tochter werde die Pfadfinderinnen-Tradition der Familie fortsetzen. "Das war eine tolle Erfahrung. Es hat mich wirklich stark gemacht."
In den nationalen Medien sorgte die Intervention des Erzbischofs für Schlagzeilen. Medien von der liberalen "New York Times" bis zu den eher konservativen Fox News griffen das Thema auf.
Maureen Fiedler vom katholischen Magazin "National Catholic Reporter" warf die Frage auf, ob der Erzbischof keine anderen Sorgen habe. "Warum äußert er sich nicht gegen die Bigotterie Donald Trumps? Oder mobilisiert die Leute, mehr Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten aufzunehmen?" Vielleicht, so die Kolumnistin, sollte Carlson seine Prioritäten bei Gelegenheit mit Papst Franziskus abstimmen. "Kauft Pfadfinderinnen-Kekse", rät sie Gläubigen. So könnten diese ihrem Unmut über das Schreiben Ausdruck verleihen. "Kauft viele! Macht es zum besten Jahr in der Geschichte!"
Alternativen zu Pfadfinderinnen diskutieren
Der Sprecher des Erzbistums, Gabe Jones, zeigt sich von dem medialen Wirbel unbeeindruckt. Der Brief und die Erklärung des Erzbischofs "geben den Pfarreien und Gemeindemitgliedern genügend Zeit, vor dem neuen Schuljahr mögliche Alternativen zu den Pfadfinderinnen zu diskutieren", betonte er.