Doch kein Geschenk?
Charismatische Bewegungen sind laut Kardinal Gerhard Ludwig Müller wie "ungeplante Kinder" der Kirche: einerseits ein Geschenk, andererseits aber auch der Reinigung bedürftig. Das klingt - zumindest teilweise - wie ein Lob für die Gemeinschaften, deren Mitglieder sich meist durch besonders radikale christliche Lebensentwürfe auszeichnen.
Ein Geschenk sind die Charismatiker vor allem deshalb, weil sie – anders als viele herkömmliche Kirchengemeinden in Europa – nicht unter Mitgliederschwund leiden, sondern vielfach sogar wachsen. Auch junge Menschen, die gewöhnliche Seelsorge kaum noch erreicht, fühlen sich angesprochen. Ein Beispiel sind etwa die "Nightfever"-Veranstaltungen, die die Kirchen so füllen, wie es kein Jugendgottesdienst schafft.
Nun hat die Glaubenskongregation ein Schreiben veröffentlicht, das das Verhältnis der kirchlichen Hierarchie zu den charismatischen Bewegungen genauer bestimmt. Und hier wird deutlich: Am Ende sind die ungeplanten Kinder für die Kirche scheinbar doch weniger Geschenk, als es Müller noch vor wenigen Tagen betont hatte. Zwar würdigt er zu Beginn des Schreibens die Vielfalt der Charismen, etwa die Gabe des Dienens oder des Heilens, um sie später aber doch wieder eindeutig zugunsten von Amt und Hierarchie zu opfern.
Dass sich die Bewegungen auch an die Tradition und Lehre der Kirche halten müssen, steht außer Frage. Müller gibt den Bischöfen mit seinem Schreiben dennoch einen Katalog zur Überprüfung der Katholizität an die Hand, mit dem sich selbst viele ihrer Pfarrgemeinden im Alltag schwer tun würden. Denn die Gemeinschaften müssten zum Beispiel "Werkzeug der Heiligung in der Kirche" sein. Aber wie stellt man das fest? Und wie wird das "Vorhandensein von geistlichen Früchten" wie Liebe, Freude oder Friede überprüft?
"Der Wind weht, wo er will", heißt es im Johannesevangelium über den Heiligen Geist, der die Charismen verleiht. Doch wie sehr kann man diesen Wind steuern, bis er seine Kraft verliert und zum lauen Lüftchen wird? Spontaneität, Kreativität und Freiheit sind es, die der katholischen Kirche heute häufig zu fehlen scheinen. Holen wir sie mit den neuen Bewegungen zurück, statt sie zu verscheuchen.
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