Ein genauer Blick
Die Zahlen, die das evangelikale Hilfswerk "Open Doors" präsentiert, sind erschreckend: Laut Weltverfolgungsindex 2016 werden mehr als 100 Millionen Christen weltweit verfolgt – Tendenz steigend. Nun besteht schnell die Gefahr, dem Islam die Schuld daran zu geben. Doch so einfach ist das nicht, wie ein genauerer Blick in den Bericht zeigt.
Denn auch wenn in den Ländern, in denen die Zahl der verfolgten Christen aktuell rapide steigt, vor allem islamistische Terroristen dafür verantwortlich sind, darf man die weiteren Faktoren nicht ausblenden. Beispiel Syrien: Das Land befindet sich im Bürgerkrieg, der Rechtsstaat ist gescheitert. Dem IS geht es deshalb vor allem um eins: das Streben nach Macht. Hinzu tritt eine fundamentalistische und damit falsche Auslegung des Islam, die dieses Streben unterstützt. Dabei ist es den Terroristen egal, ob sie Christen, Kurden, Aleviten oder Schiiten töten. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie.
In Nordkorea oder Eritrea, beide auf den vordersten Plätzen des Index, ist die "Christenverfolgung" durch die jeweiligen Diktatoren vor allem ein Mittel zur Unterdrückung, um die eigene Macht zu sichern. Nordkorea geht dabei gegen alle Religionen gleichermaßen vor. In Eritrea, wo immerhin gut die Hälfte der Bevölkerung Christen sind, werden sie als Sündenbock missbraucht, indem man sie nach einem gescheiterten Staatsstreich als "Agenten des Westens" brandmarkt.
Jeder Christ, der seine Religion nicht frei ausleben kann, der verfolgt oder vielleicht sogar wegen seines Glaubens getötet wird, ist einer zu viel. Das steht außer Frage. Dennoch hilft ein gemeinsames Feindbild Islam nicht, weil es zu stark vereinfacht, wo eine differenzierte Betrachtung notwendig ist. Auch deshalb, weil man so nicht zu Problemlösungen kommen kann.
Denn es braucht den Dialog mit dem Islam und dessen Unterstützung, damit sich nicht noch mehr junge Menschen – sei es in Deutschland, in Afrika oder dem Nahen Osten – radikalisieren. Genauso braucht es aber auch westliche Politiker, die sich weltweit noch viel stärker für die Religionsfreiheit einsetzen. Auch wenn sie dadurch eventuell wirtschaftliche Interessen gefährden. Und ja: Wenn all das nicht hilft, weil man wie in Syrien keinen ebenbürtigen und für Argumente zugänglichen Gesprächspartner hat, dann braucht es vielleicht auch einen Militäreinsatz gegen den Terror, nicht aber gegen eine Religion.
Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.