Ein Schiff im Sturm
Es war mehr als nur ein feierlicher Rückblick, den Benedikt XVI. am Donnerstag auf das Zweite Vatikanum (1962-1965) hielt, an dem er selbst als Berater teilgenommen hatte. So wie das Konzil der Kirche einen neuen Aufbruch brachte und die alte Botschaft von Christus als Mittelpunkt des Kosmos zeitgemäß formulierte, so müsse auch jetzt eine neue Evangelisierung beginnen, mahnte er die Gläubigen. Denn das Konzil habe viele Aufbrüche gebracht, nicht alles aber sei seither in die beste Richtung gelaufen.
Die fortschreitende Säkularisierung habe insbesondere in der westlichen Welt viele Katholiken von Glauben und Kirche entfremdet und die religiöse Praxis ausgehöhlt. Selbst in seinem bewegenden Grußwort an die 40.000 Teilnehmer der imposanten Fackelprozession zum Jubiläumstag äußerte der Papst neben Freude und Dankbarkeit auch Sorge über den "Sturm", der das Schiff der Kirche heute bedrohe.
Fokus Pfarrei
Ähnlich weit gefasst wie das Thema Neuevangelisierung sind auch die Redebeiträge in der ersten Synodenwoche. Rund hundert Bischöfe kamen bislang zu Wort - und setzten viele Akzente. Neuevangelisierung müsse stets bei den Evangelisatoren beginnen, lautete eine immer wieder auftauchende Forderung. Der Bischof, der Priester, die Laien müssten selbst ihre Christusbeziehung vertiefen, um glaubwürdig ein Zeugnis von Jesus und seiner Botschaft für die Menschen ablegen und diese wieder für die Kirche gewinnen zu können.
Als vorrangigen Ort der Neuevangelisierung bezeichneten viele Synodale die Pfarrei. Zwar machten sich auch einige Bischöfe für die neuen Geistlichen Bewegungen stark. Überraschend dominierte jedoch der Hinweis auf die Territorialgemeinde, von der Initiativen für die Rückgewinnung lauer Katholiken ausgehen müssten. Innerhalb der Gemeinden seien es dabei vor allem die kleinen Gruppen, Kreise und Gemeinschaften, die diese Form der Pastoral anschieben müssten.
Eine wichtige Rolle kommt bei der Weitergabe des Glaubens der Familie zu, die es unbedingt zu stärken gelte, betonten etliche Redner. Ehe sei an den Glauben gebunden, und in der Familie müsse die Weitergabe des Glaubens erfolgen. Das verbreitete Defizit an Glaubenswissen und Glaubenspraxis habe eine wesentliche Ursache in der Krise, die die Ehe derzeit vor allem in der westlichen Welt erlebe. Daher müsse die Ehe nicht nur Träger, sondern auch Objekt der neuen Evangelisierung sein - und dazu gefördert werden.
Weniger reine Länderberichte
Und natürlich spielen die konkreten Erfahrungen der jeweiligen Ortskirchen bei der Synode eine Rolle. Zwar gab es diesmal weniger als bei früheren Versammlungen reine Länderberichte, in denen die Synodalen die Lage in ihrer Heimat schilderten. Aber etliche Synodale verwiesen auf Probleme und Chancen für die Neuevangelisierung etwa im Zuge der Migration. Bischöfe aus dem "Frontstaat" Mexiko an der Grenze zwischen Nord- und Lateinamerika nannten dabei insbesondere die sozialen Aufgaben.
Vertreter der Ostkirchen etwa unterstrichen derweil die wechselseitige Bereicherung beim Zusammentreffen unterschiedlicher kirchlicher Traditionen. Insgesamt war der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden ein durchgehendes Thema in der ersten Synodenphase. Dieser Einsatz sei ein geeigneter Zugangsweg, um ein Zeugnis von der christlichen Botschaft in der Welt zu geben. Auffallend häufig wurde dabei - nicht nur von lateinamerikanischen Bischöfen - das mutige Lehrschreiben von Paul VI. (1975) "Evangelii nuntiandi" über die Evangelisierung von heute zitiert.
In der Synode herrsche ein offenes Gesprächsklima, hoben Beobachter hervor. Zurückhaltung war freilich hinsichtlich des interreligiösen Dialogs erkennbar. Bischöfe aus der islamischen Welt sprechen zwar über den "Dialog des Lebens" etwa von Christen und Muslimen. Sie machen aber auch die Grenzen einer Evangelisierung deutlich. - Vor Abschluss der Synode am 28. Oktober wollen sich die Teilnehmer mit einer "Botschaft der Hoffnung" an die Öffentlichkeit wenden.
Von Johannes Schidelko
Linktipp: katholisch.de-Dossier zur Bischofssynode