Eine Feier der Solidarität der Nationen
Ivan ist nicht hier, um Sport zu treiben. Ivan will beten. Im Schatten einer Palme wartet er darauf, dass es losgeht. Um 14.00 Uhr soll er sich zur Mittagsmediation mit einigen anderen Tausend Jugendlichen in Zelt A einfinden, sagt das Heftchen in seiner Hand. "Weißt du, das ist wie Magie", sagt der Ukrainer. Wenn er mit den vielen anderen singe und bete, werde er immer ruhiger. "Und dann möchte ich den Leuten etwas Gutes sagen", sagt Ivan. "Einfach so."
Der 29-Jährige aus Lwiw ist einer von rund 25.000 Jugendlichen, die den Jahreswechsel nicht mit Hochprozentigem, sondern mit Spirituellem verbracht haben. Für fünf Tage haben er und Jugendliche aus 52 Ländern hier im Turia-Park und in der Altstadt von Valencia das 38. Europäische Jugendtreffen gefeiert, zu dem die ökumenische Taize-Bruderschaft aus Frankreich geladen hatte. Dreimal täglich hat Ivan die letzten fünf Tage mit den anderen meditiert, sich mit ihnen über Solidarität und Barmherzigkeit ausgetauscht und den Jahreswechsel als "Fest der Nationen" begangen.
Die Gemeinschaft will Konflikte verhindern helfen
In seinem Land gerieten Gläubige verschiedener Religionen oft aneinander, sagt der Ukrainer. Bei dem Taize-Treffen hingegen würde "sehr viel" getan, um Konflikte zwischen den Religionen zu verhindern. Das Programm in seiner Hand listet fünf Vorschläge von Taize-Prior Frere Alois auf, die die Jugendlichen während des Treffens begleitet haben. "Mut zu Barmherzigkeit", steht da zum Beispiel. "Auf andere Menschen in Not zugehen."» Und: "Immer wieder vergeben."
"Das ist wichtig für mich, weil ich in meinem Land gesehen habe, wie viele Familien auseinandergebrochen sind", sagt Ivan. Er sitzt im Schatten einer Palme, im kurzen Hemd. Valencia fühlt sich an wie Frühling, doch da, wo Ivan herkommt, ist Eiszeit. Kriegerische Auseinandersetzungen prägen seit fast zwei Jahren sein Land.
Fragt man Frere Alois nach seiner Meinung, so ist das Europäische Jugendtreffen auch ein Krisentreffen. In Spanien hätten viele Jugendliche keine Arbeit; in Europa stünden viele Menschen ängstlich vor der Flüchtlingswelle aus dem Nahen Osten. Abend für Abend hat der Prior den Jugendlichen von seinen Erfahrungen mit der Krise erzählt, aber auch von den Hoffnungen, die daraus entstanden sind.
Weihnachten zwischen Kriegstrümmern
Frere Alois war im kriegszerstörten Homs, wo er mit Christen Weihnachten feierte, er war im Libanon, wo er erlebte, wie Flüchtlinge einen provisorischen Schulunterricht organisierten. Sie sollten "Menschen des Friedens" werden, hat der charismatische Ordensbruder zu den Jugendlichen gesagt. Dafür müssten sie nicht gleich in Krisengebiete reisen, sondern "hier bei uns" anfangen, auf andere zuzugehen.
Einer, der auf andere zugeht, ist Marcin Kozber. Der 20-jährige Pole hat eine Italienerin an seine Hand genommen und führt sie über den Hof einer Kirchengemeinde im Nordwesten Valencias. Immer zwei Schritte gehen die beiden gerade aus, dann folgt ein kurzer Knicks. Marcin führt den polnischen Nationaltanz auf, hinter ihm zieht eine Reihe von Paaren, die es ihm gleichtun.
Es ist eine der größten Silvesterparties weltweit: Zehntausende Jugendliche feiern und beten in Valencia beim Taizé-Treffen gemeinsam in das Neue Jahr. Student Christian Toussaint aus Bochum berichtet im Interview mit katholisch.de von seinen Eindrücken.
Deutsche, die mit Ukrainern tanzen, sind dabei. Spanier auch, Weißrussen und viele Nationalitäten mehr. Gerade haben alle nach spanischem Brauch zwölf Trauben zur Feier des neuen Jahres gegessen, jetzt feiern sie das Fest der Nationen. Marcin weiß, dass viele Völker nicht gut aufeinander zu sprechen sind; als Pole etwa müsste er irgendwie gegen Russen sein. Aber hier in Valencia spielen solche Unstimmigkeiten keine Rolle. "Es ist einfach, Nationen zu hassen, wenn man sie nicht kennt", sagt Marcin. Und: "Taize zeigt uns, dass die ganzen negativen Unterschiede nur in unserem Kopf existieren."