Erzbischof Gänswein sieht Kirche bei jungen Menschen im Aufwind
Bei vielen jungen Menschen steht die katholische Kirche nach Ansicht von Erzbischof Georg Gänswein durchaus hoch im Kurs. Dafür müsse man allerdings über den Tellerrand Deutschland hinausschauen, sagte der Papstbotschafter in Litauen am Wochenende in einem Interview auf der Streaming-Plattform Twitch. Er sei überzeugt, dass die Kirche bei Jugendlichen und jungen Heranwachsenden auf der Suche nach einem Sinn im Leben eine Rolle spiele.
Als Beispiel verwies Gänswein auf die Lage in Frankreich oder den USA. Dort interessierten sich viele junge Menschen für das Evangelium und versuchten, "dem lieben Gott auf die Spur zu kommen". Entscheidend sei, dass dabei ein persönlicher Bezug zu Jesus Christus entstehe.
Auf die Frage, inwieweit sich Kirche der modernen Gesellschaft anpassen solle, antwortete der ehemalige Privatsekretär von Papst Benedikt XVI. (2005–2013)/Joseph Ratzinger (1927–2022): "Kirche muss anecken." Sie müsse Jesus Christus treu bleiben, die Tradition bewahren und zugleich nach vorn schauen.
"Es lohnt sich, mit der Kirche zu raufen"
Der Erzbischof lud die jungen Menschen ein, sich intensiver mit der Kirche und ihren Botschaften auseinanderzusetzen. "Es lohnt sich, mit der Kirche zu raufen", so Gänswein wörtlich. "Man zieht da nicht den Kürzeren, sondern man zieht daraus großen Nutzen." Die Kirche halte einen großen Schatz vor, den es zu bergen gelte. Auf die Frage, welchen Vers aus der Bibel er am wichtigsten halten, beantwortete der Papstbotschafter mit einer Stelle aus dem ersten Johannesbrief: "Gott ist die Liebe".
Das von Thomas Schmidt (27) und Philipp Stehling (33) moderierte Gespräch verfolgten am Samstagabend rund 10.000 Menschen. Dabei gingen laut Angaben der Organisatoren 600 bis 800 Fragen ein. Im Chat zum Live-Stream hätten sich vorwiegend Jugendliche und junge Erwachsene zu Wort gemeldet. Die beiden ausgebildeten Notfall- und Rettungssanitäter Schmidt und Stehling wurden bei Instagram und YouTube sowie Auftritte bei verschiedenen TV-Reality-Serien bekannt. Das Gespräch mit Gänswein war eine Talk-Premiere für die Moderatoren. Im Vorfeld sagte Stehling: "Wir möchten nicht nur darüber sprechen, welche Fragen junge Menschen an Kirche und Glauben haben könnten. Wir möchten ihnen die Möglichkeit bieten, diese Fragen im Livestream selbst zu stellen."
Die Fragen reichten von der Studienwahl für den Beruf Erzbischof bis hin zum Musikgeschmack Gänsweins. So erklärte der Papstbotschafter im Baltikum, er habe in seiner Jugend gerne die britische Rockband Deep Purple gehört. Inzwischen sei sein Musikgeschmack "ganz klassisch" geworden. "Das beruhigt mich, das tut mir gut, das reinigt, das löst auch Spannungen." Zudem höre er gern Podcasts über Politik und Geschichte.