Evangelische Theologen kritisieren Kirchentage
Zwei evangelische Theologen haben das Jubiläumsjahr "500 Jahre Reformation" deutlich kritisiert. Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff bilanzieren in ihrem Memorandum unter dem Titel "Reformation in der Krise – wider die Selbsttäuschung", die Organisatoren der evangelischen Kirchentage hätten sich den aktuellen Herausforderungen von Kirchenkrise und Reform nicht gestellt. "Ein einprägsamer, orientierender wie motivierender – ökumenischer – Impuls des Jubiläums blieb bisher aus", sagte Schorlemmer der Leipziger Volkszeitung (LVZ), die als erste darüber berichtete. Scharfe Kritik äußerten der Wittenberger Theologe Schorlemmer und der ehemalige Pfarrer der Leipziger Thomaskirche, Wolff, auch am Programm der Veranstaltung.
Ein "(selbst-)kritischer Diskurs" sei bei den "Kirchentagen auf dem Weg" nicht gewollt gewesen, so die beiden Autoren. Stattdessen habe man den Städten ein "überdimensioniertes Mammutprogramm übergestülpt". Das Programm der Veranstaltungen sei zum "Fanal einer grandiosen Selbsttäuschung" geraten und habe gleichzeitig "die tiefe inhaltliche und strukturelle Krise vieler Kirchgemeinden" offenbar gemacht. Beunruhigt zeigen sich Wolff und Schorlemmer darüber, "dass sich die Begeisterung für die Themen des Reformationsjubiläums sehr in Grenzen hält" und es im Jubiläumsjahr zur Reformation noch nicht gelungen sei, zum Kern reformatorischer Erneuerung der Kirche vorzudringen. "Es ist leider kaum etwas erkennbar, was mir Mut macht, dass Kirche sich wieder hinwendet zum Alltag der Menschen oder die Gemeinden vor Ort stärkt", sagte Schorlemmer der LVZ.
Wider den biblischen Analphabetismus
In ihrem Memorandum belassen es die Theologen aber nicht bei der Kritik, sondern entwerfen auch Lösungsansätze. So fordern sie, durch eine Rückbesinnung auf den Auftrag der Kirche, die Verkündigung, dem "biblischen Analphabetismus" und dem "Traditionsabbruch innerhalb der Kirchen" zu begegnen. Chancen dafür sehen sie genug: Die Gesellschaft suche nach Werten und leide vermehrt unter Ängsten, das "Selfie-Bewusstsein" führe zu immer mehr Vereinsamung. Dem könne die Kirche etwa durch "GlaubensBildung", der Vermittlung ihres christlichen Traditionsgutes und der daraus gewachsenen lebenswichtigen Gedanken und Lebensentwürfe, entgegentreten. Dazu gehöre aber auch, sich "offen und ehrlich mit ihrer eigenen Krise auseinanderzusetzen".
Der letzte Höhepunkt des Reformationsjubiläums der Evangelischen Kirche wird der 31. Oktober sein: Mit einem Staatsakt in der Wittenberger Schloßkirche soll dem überlieferten Thesenanschlag Martin Luthers vor 500 Jahren gedacht werden. (jhe)