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Volksglaube ohne Segen der Kirche

Expeditus – ein krasser Heiliger für alle Fälle

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Saint-Denis - Von Rom gestrichen, auf Réunion unsterblich: Expeditus gilt als Nothelfer gegen "Aufschieberitis", als Heiliger für dringende Fälle – und als ein Symbol bunten Glaubens. Ein Besuch auf La Réunion.

Einfach krass, dieser heilige Expeditus, oder Saint-Expédit, wie er auf der zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion im Indischen Ozean genannt wird. Dort ist ein Hauptsitz der Verehrung des legendhaften römischen Soldaten aus dem 3./4. Jahrhundert. Kaum eine Straße, an der nicht ein knallrotes Häuschen oder ein kleiner Schrein des Heiligen leuchtet wie eine Verkehrswarnung. Denn so kurvenreich und gefährlich, wie die Straßen hier sind, so nötig ist an manchen Stellen der himmlische Beistand.

Expédit: der Mann für alle Fälle, für die härtesten und dringendsten. Vielleicht gerade dann, wenn die Vierzehn Nothelfer oder eine heilige Rita längst das Handtuch werfen mussten. Das ist das Tröstliche am katholischen Heiligenhimmel: Man ist nie allein. Selbst oder gerade in höchster Not gibt es Fürsprecherinnen und Fürsprecher, die Gott um Hilfe anflehen. Richtig verstanden und gelebt, ist das eine pastorale wie therapeutische Hilfe zum Gelingen des Lebens.

"Cras" krächzte die Krähe schon in der Bibel

Der legendenhafte Ursprung: Der römische Zenturio Expeditus wollte sich zum Christentum bekehren. Der Teufel in Gestalt einer Krähe soll ständig "cras, cras, cras" gekrächzt haben, "morgen, morgen, morgen", um den angehenden Christen aufzuhalten. Dieser jedoch entgegnet strikt und deutlich: "Hodie"! Also: Heute. Punkt, aus, amen.

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Kerzen leuchten auf Opferlichtständern vor einer Heiligenfigur von Saint-Expedit in der Kirche Église de la Délivrance in Saint Denis.

Mit dem Wort "Hodie" wird der Heilige auch meistens dargestellt. Kein Wunder, dass er um Schutz und Hilfe angefleht wird, wenn es schnell gehen muss. Die katholische Tradition hat ihn als Fürsprecher in all jenen Belangen eingestuft, die keinen Aufschub dulden. So gesehen ist Expeditus die personifizierte Notrufzentrale für alle Prüflinge und in akuten Krisen. Gleichzeitig ist er ein Heiliger gegen die "Aufschieberitis", die Prokrastination.

Einer für alle

Saint-Expédit ist nämlich ein Multi-Kulti-Heiliger. Interreligiöser Dialog pur. Das ist wohl einer der Gründe, warum gerade auf Réunion die Verehrung bis heute so groß ist. Auf der einstigen Vanille-, Zucker- und damit Sklaveninsel mischen sich Afrika, Europa und Asien.

Dieser Mischglaube wird vor Ort ganz konkret spürbar. Katholiken kommen zum Gebet, genauso die hinduistischen Kreolen; Menschen mit Wurzeln in Madagaskar und Afrika beten ebenso zu ihm. Und man bringt Gaben mit: Blumen, Kerzen, auch mal ein Fläschchen Rum. Dass in manchem Schrein eine Muttergottes-Statue oder eine Figur des heiligen Michael daneben stehen: kein Problem. Viel hilft ja vielleicht auch viel. In Brasilien wird der Heilige übrigens ebenfalls hochgepriesen.

Rot ist die Farbe des Expeditus

Wo Expédit, dort Rot – und umgekehrt. Der Heilige ist am Straßenrand oder neben dem Pfad leicht zu finden. Die Farbe spiegelt zudem die verschiedenen Kulturen. Das Christentum kennt Rot als Farbe der Märtyrer – Expeditus soll unter Diokletian geköpft worden sein – und verwendet diese bei den Messgewändern der entsprechenden Festtage.

Rot kennt die kreolische Bevölkerung aus dem Hinduismus als Ausdruck für Energie, Macht, Schutz und für die Zerstörung des Bösen. Hinduistische Gläubige vergleichen Expeditus mit der kriegerischen Gottheit Murugan, deren rote Farbe Hitze, Krieg und Energie symbolisiert.

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Kapellen für Saint-Expedit am Straßenrand nahe Saint Rose auf La Réunion (Frankreich).

Wer also an so einem "Feuerwehrhäuschen" vorbeikommt, darf sich sicher sein: Hier ist eine feurige und mächtige Kraft zu Hause. Die Réunionaisen erkoren einen starken Patron für ihr Eiland nahe Madagaskar und Mauritius; mit dem höchst aktiven Vulkan Piton de la Fournaise, der erst im Frühjahr wieder Lava über die Insel spukte.

Kein offizieller Heiliger

1906 wurde unter Papst Pius X. der auf La Réunion so verehrte Expédit aus dem Heiligenkalender gestrichen. Doch die Menschen verwandelten ihn zum Volksheiligen, der so lebendig, nahbar und dynamisch ist wie wenige andere Figuren der Kirchengeschichte. Die kleinen Votivgaben in den roten Häuschen sagen mehr als tausend Worte. Nach ihm benannte Pfarreien gibt es freilich nicht, und nur wenige nach ihm benannte Kirchen. In Wien findet sich ein Votivbild in der Peterskirche.

In der Hauptstadt von La Réunion, Saint-Denis, findet sich eine praktikable Lösung. Fast in Sichtweite der Kathedrale steht die Église de la Délivrance. Dort steht, nein: thront der Heilige über einem Lichtermeer. Die Menschen kommen zuhauf, etwa in der Mittagspause. Kurzes Gebet, Kreuzzeichen, Kerze anzünden. Der Tag kann kommen. Morgen? Nein. Heute! Und weil manches Problem keinen Aufschub duldet, hat inzwischen die schnelle Computerbranche Saint-Expédit als Patron und symbolisch als letzte Patrone vor dem Absturz entdeckt.

Alles ein großes Missverständnis?

Dabei könnte alles auf einem großen Missverständnis beruhen. Es wird berichtet, dass katholische Ordensfrauen im 17. oder 18. oder 19. Jahrhundert in Rom eine Heiligenfigur, vielleicht auch Reliquien für ihr Kloster nahe der Stadt Saint-Paul im Westen der Insel geordert haben.

Der Vatikan oder ein Absender aus Paris soll die Kiste auf den rund 11.000 Kilometer weiten Seeweg in den Indischen Ozean gebracht haben. Schwer beschädigt kam die kostbare Fracht an. Kein Name, kein Hinweis auf eine heilige Person. Nur das Wort "Espedito" oder "Expédit" als logistischer Vermerk für "Eilsendung". Die Ordensfrauen wähnten sich sicher: Dies muss der Name für den Märtyrer in der Kiste sein. Saint-Expédit. Der schnelle Mann in dringenden Fällen. Nicht morgen. Heute! Krass.

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