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Theologin spricht über ihre Organtransplantation

"Für mich war es eine Auferstehungserfahrung"

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Wettingen - Seit 26 Jahren lebt die Schweizer Theologin Claudia Nothelfer mit einer neuen Niere. Dafür hatte sie auch Ablehnung erfahren. Sie war entsetzt. Denn für Nothelfer war die Spende auch ein Akt des Glaubens.

Ist eine Organspende ein Akt der Nächstenliebe? Muss man als Christ Leiden hinnehmen und auf ein Spenderorgan verzichten? Die Schweizer Theologin Claudia Nothelfer, die seit 26 Jahren mit einer Niere ihrer Schwester lebt, nimmt im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zu diesen Fragen Stellung und erzählt, was es ihr bedeutet, dank einem Spenderorgan weiterhin am Leben zu sein.

Frage: Frau Nothelfer, Ihre Erkrankung und die Spende einer Niere durch Ihre Schwester waren für Sie eine zutiefst religiöse Erfahrung. Inwiefern?

Nothelfer: Ich hatte mit 27 Jahren eine sehr schwere Autoimmunkrankheit. Ich spürte, dass das zum Tod führen würde, es hatte keinen Sinn mehr zu kämpfen. Meine Taufpatin zeigte mir damals ein schönes Bild auf: Gott steht da und hält ein großes Kissen, ich solle mich da hineinfallen lassen. Das war das Einzige, was ich noch tun konnte: Irgendwo aufgefangen werden, um gut von dieser Welt gehen zu können. In dem Moment, wo ich losgelassen habe, ging es mir besser. Nicht körperlich, aber ich konnte plötzlich damit leben, dass ich sterben würde. Das seelische Kämpfen gegen den Tod war weg, und eine Ruhe kehrte ein.

Frage: Und dann hat Ihre Schwester sich zu einer Nierenspende bereit erklärt.

Nothelfer: Meine älteste Schwester - sie war damals 33 und hatte zwei Kinder -, hat sich in dem Moment von sich aus dazu bereit erklärt, gegen den Widerstand ihres Mannes. Zuerst dachte ich, ich könne das nicht annehmen. Dann hat sie mir immer wieder versichert, dass sie nicht anders handeln könne und dass sie das wirklich wolle.

Linktipp: "Nur" ein Stück Papier

Es ist nur ein Stück Papier, ist schnell ausgefüllt und passt in jede Geldbörse - und es kann Leben retten. Zum heutigen Tag der Organspende machen nicht nur bekannte Musiker für den Organspende-Ausweis Werbung, sondern auch der Augsburger Weihbischof Anton Losinger. (Artikel von Juni 2015)

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Frage: Das Christentum basiert auf dem Glauben an die Auferstehung. Steht eine Organspende zur Rettung des irdischen Lebens nicht im Widerspruch dazu?

Nothelfer: Für mich war es gerade eine Auferstehungserfahrung! Ich erwachte aus der Narkose und spürte, dass mir das Leben nochmals geschenkt worden war. In den ersten Jahren hatte ich allerdings auch viele Zweifel: Durfte das sein? War es richtig, dass es mich noch gab? Aber damit wertet man sich selbst und die Kostbarkeit des eigenen Lebens ab. Inzwischen überwiegt die Dankbarkeit dafür, dass ich lebe und dass ich in diesen 26 Jahren ganz viel verwirklichen konnte: In der Seelsorge beispielsweise kann ich Menschen mit ihren Lebens- und Sinnfragen begleiten.

Frage: Ist eine Organspende also ein Akt der Nächstenliebe?

Nothelfer: Auf jeden Fall! Es braucht ganz viel Großherzigkeit und die Bereitschaft, jemandem das Leben zu retten.

Frage: Verstoßen Menschen, die es ablehnen, ihre Organe zu spenden, somit gegen das Gebot der Nächstenliebe?

Nothelfer: Das kann man so allgemein nicht sagen. Es gibt ja viele Formen der Nächstenliebe. Meines Erachtens sind diese Menschen nicht so weit, dass sie ihre inneren Organe im Tod loslassen können. Die Vorstellung, dass der eigene Körper aufgemacht wird und Organe entnommen werden, ist für viele Menschen abschreckend. Das kann ich verstehen. Aber man kann durch eine religiöse Reflexion an den Punkt kommen, an dem man sagt: "Der unsterbliche Teil von mir geht nicht ins Grab. Wenn es anderen Menschen dient, damit sie weiterleben können, dann dürfen sie ein Organ von mir haben."

Eine Frau nimmt einen Organspendeausweis aus ihrem Portemonnaie.
Mit dem Organspendeausweis erklären Menschen, ob sie der Transplantation ihrer Organe zustimmen.

Frage: Ist Ihnen persönlich auch Ablehnung begegnet?

Nothelfer: Immer wieder. Einmal warb ein reformierter Pfarrer für einen Ausweis, der sich gegen Organspende aussprach. Das hat mich entsetzt.

Frage: Was machte das Entsetzen aus?

Nothelfer: Das empfinde ich so, dass mir das Lebensrecht abgesprochen wird! Für mich ist es zudem selbstverständlich, dass jemand, der an den Gott des Lebens glaubt, nicht dagegen sein kann, Leben zu retten, wenn man es retten könnte! Ich gehe ausdrücklich davon aus, dass Christen helfen, wenn sie können. Wenn man die Lebensfreude von Menschen sieht, die dank einer Organspende nicht gestorben sind, dann ist eine solche Haltung aus christlicher Sicht ein kaum verantwortbares Wegschauen. Denn diese Menschen wären ja alle im Grab.

Frage: Andererseits gehört ja aus christlicher Sicht auch das Leiden zum Leben. Jemand kann aus einer christlichen Haltung heraus eine Krankheit akzeptieren und sagen: Wenn es Zeit ist zu sterben, dann sterbe ich... 

Nothelfer: Wenn das einen selber betrifft, darf man das sagen. Solange jemand gesund ist, kann er oder sie das leicht sagen. Aber jeder sehr kranke Mensch beginnt zu kämpfen. Der Drang zu leben ist so stark! Natürlich gehört das Leiden zum Leben, und es ist wichtig, dieses anzunehmen und nicht davor wegzulaufen. Ich bin aber trotzdem glücklich und dankbar, dass ich nicht schon mit 27 Jahren gehen musste.

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