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"Woher das kommt? – Frag ihn da oben ...!"

Ganz erklären kann keiner den Pariser Zuwachs bei Erwachsenentaufen

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Erwachsenentaufe
Créteil - Die vielen katholischen Taufen von Erwachsenen und Jugendlichen, vor allem in Frankreichs Vorstädten, sind vielen ein Rätsel. Selbst die Kirchenverantwortlichen sind verblüfft.

Nathalie B. leuchtet. Von innen. Aber so richtig! Seit Ostern ist die Französin aus Créteil bei Paris neu getauft – und sehr glücklich. Dabei ist das, was die 48-Jährige aus der Geschichte ihres Lebens erzählt, ein ganz schönes Bündel. Die Eltern trennten sich früh; durch den Vater hat sie zehn Halbgeschwister, die ein Zirkusleben leben und die sie selten sieht. "Von Zirkusleuten kann man sehr viel lernen", sagt Nathalie: "nie aufzugeben; sich nicht unterkriegen zu lassen; immer das Beste draus zu machen".

Sie blieb bei der Mutter, die nicht religiös war. Vom Vater kannte sie Jesus, erzählt sie. Doch eines Tages, sie war sechs, eine persönliche Katastrophe: Ihre alleinerziehende Mutter nahm sie mit zur Arbeit, einem TV-Sender. Und ganz allein im Raum musste die Sechsjährige dort den Zefirelli-Film "Jesus von Nazareth" ansehen, der auf einem Bildschirm lief. So viel Hass gegen Jesus, so viel Gewalt – warum? Für Nathalie ein Trauma. Seitdem hatte sie große Angst vor dem leidenden Christus und vor dem, was ihm geschah.

Aber die Geschichte ging weiter: die Geschichte von Nathalies Leben mit ihren ziemlich dramatischen Wendungen; und auch ihr religiöser Weg. Sie ging ihn ganz für sich allein, über Jahrzehnte. Bis die Kindergärtnerin vor drei Jahren, mit 45, entschied: Ich will getauft werden. Von da an gingen andere mit auf ihrem Weg.

Eine von Tausenden

Ihre Geschichte ist eine von Tausenden in Frankreich. Und die Zahlen steigen immer weiter. Die Taufen und Firmungen von Erwachsenen und Jugendlichen, in den Pariser Vorstädten und im ganzen Land, sind seit geraumer Zeit unter Katholiken in aller Munde. Sogar die Deutsche Bischofskonferenz veranstaltete zuletzt eine Art Fact Finding Mission dorthin, um zu verstehen: warum gerade hier?

Sophie L. ist eine Frohnatur, Schulseelsorgerin an der katholischen Gesamtschule Sainte Marie in Créteil, in der südlichen Pariser Vorstadt. "Woher das kommt?" – Sie zuckt mit den Schultern: "Frag ihn da oben!" Sie könnte ja behaupten, dass sie hier in der Schule einfach einen Super-Job macht ... Aber: "Das ist es ganz bestimmt nicht." Es sind aber auch nicht – da ist sich Sophie sicher – die Sozialen Medien allein; auch wenn sie, gerade bei Jugendlichen, eine ganz wichtige Rolle spielen.

Denn die jungen Leute binden sich nicht gerne an Termine; sonntagvormittags um X Uhr oder dienstagabends im Gemeindesaal Y. Sie wollen Angebote da, wo sie gerade Zeit und Lust haben: per Handy-Abruf an der Bus- oder Métro-Haltestelle oder auf dem Pausenhof. Da können dann auch Videos wie das von dem YouTuber Constant aus Créteil – der inzwischen ins Priesterseminar eingetreten ist – über 100.000 Mal geklickt werden. Er bot zum Beispiel einfach einen Raum zum Stillwerden an, zum persönlichen Gebet. Auf diese oder andere Weisen erklärt er, wie Glauben so geht.

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Frankreich ist ein katholisch geprägtes Land.

Doch der erste Impuls, der kommt meist nicht von solchen digitalen Missionaren, wie die Gespräche mit Tauf- und Firmbegleitern ergeben. Die Infos und Inhalte aus dem Netz ziehen sich die Jugendlichen erst, nachdem etwas oder jemand anderes im Leben ihr Interesse geweckt hat. Das kann ein Freund sein oder eine Verwandte, die religiös lebt oder empfindet. Ein schicksalhafter Einschnitt, eine persönliche Bedrängnis; ein Moment, in dem man nicht mehr wusste, wo es weitergeht. Recht häufig fällt etwa das Wort Großmutter. Oft in Familien ist sie es, die als letzte oder einzige noch den katholischen Glauben lebt und praktiziert; und sie war oder ist es, die sich noch bemühte, das auch weiterzugeben.

Dem Firmbegleiter Thierry C. sind schon viele solcher Beispiele begegnet, mitten aus dem Leben. Thierry, ein Kerl wie ein Baum, Ende 40, hat erst vor zwei Jahren geheiratet – und er und seine Frau Cathérine wollen, als gemeinsames Eheprojekt, anderen auf ihrem Weg zum Glauben helfen. Diese ehrenamtlichen Begleiterinnen und Begleiter – 530 sind es allein in Créteil – sind rund zwei Jahre persönliche Lehrer, Gesprächspartner und Berater für die Tauf- oder Firm-Anwärter. Man trifft sich von Zeit zu Zeit, spricht über Themen, Fragen und Nöte.

Auf die Frage nach der Motivation zur Firmung hat Thierry schon zur Antwort bekommen, es müsse ja jemand "den religiösen Weg der verstorbenen Oma weitergehen". Ein anderer erzählte, mit der Taufe sei sein Glaubensweg damals abgebrochen. Nun wolle er "die Übertragung zu Ende bringen". Ein weiterer junger Mann, so berichtet Thierry, sei schon lange auf der Suche nach einer religiösen Lebensgestaltung gewesen – und fand dafür die Umschreibung: "Ich mag Fußball – aber ich hab' meine Mannschaft noch nicht gefunden ..."

Der Durst nach "etwas anderem"

Als ein wichtiges Motiv der Hinwendung zur Religion nennt Thierry ein Phänomen der Großstadt, namentlich von Paris: den Dreiklang von "métro – boulot – dodo". Der ewige tägliche Trott aus Arbeitsweg, Job und Schlafen – "er reicht vielen irgendwann nicht mehr". Doch es kann Jahre dauern, bis sich das Bedürfnis nach "etwas anderem" endlich Bahn bricht. Beobachter sehen auch die Corona-Zeit als einen wichtigen Faktor dafür: eine Zeit, in der Trott und äußere Zwänge für viele ganz plötzlich wegfielen – und sich die Frage nach dem Sinn stellte.

Die Firm- und Taufbegleiter lernen auch viel über sich und ihren Glauben; das berichten eigentlich alle. Ein ganz wichtiges Prinzip: Freiwilligkeit, auf beiden Seiten. "Wir sind nicht ihre Mutter!", betont Béatrice M. aus Vincennes, einer Pfarrei mit derzeit 60 Firmbewerbern. "Wir sind nur Begleiter auf einem Stück Wegs – und wenn jemand nicht mehr kommen mag oder kann, dann können wir das nicht verordnen."

Die gemeinsame Zeit bringt auch unter den Firmlingen viele neue Freundschaften hervor, auch kuriose: so etwa zwischen einer altgedienten pensionierten Polizeikommissarin und einer sehr jungen Mutter, die zusammen kichern wie Schulmädchen. Begleiterin Danièle S. arbeitet tagsüber im Rathaus, ist dort befasst mit den förmlichen Kirchenaustritten von Bürgern. Privat dagegen begleitet sie Firmanwärter und freut sich darüber, sagen zu können: "Unsere Zahl ist größer als die andere!"

Wir sind nur Begleiter auf einem Stück Wegs – und wenn jemand nicht mehr kommen mag oder kann, dann können wir das nicht verordnen.

Béatrice M.

Frankreichs Kirchenverantwortliche und Bischöfe stehen selbst immer noch staunend vor dem Phänomen. Doch mehr und mehr werden Weichen so gestellt, dass "die Neuen" gut ankommen – und auch bleiben können. Im Juni fand eine landesweite Kirchenversammlung mit mehr als 300 Teilnehmern statt, um über die geistliche Begleitung von Anwärtern und Neugetauften nachzudenken. Im Oktober soll der Prozess fortgesetzt werden – und in konkrete Vorschläge zur Umsetzung in den Bistümern münden.

Nach Angaben der Begleiterinnen Béatrice und Danièle bleibt etwa die Hälfte der Neugetauften ("Neophyten") auch nach der Taufe weiter in den Gemeinden sichtbar. Allerdings ist die Mobilität in den Vorstädten sehr groß, zumal in der Universitätsstadt Créteil: Menschen ziehen um, wechseln den Job, ziehen weiter, kehren in ihre Heimatländer zurück. Und noch etwas kommt dazu, wie Danièle berichtet: Für viele der "Neuen" seien Taufe und Glaube etwas Persönliches und nicht etwas, das man unbedingt in Gemeinschaft leben müsse. "Für die meisten von uns ist die Taufe ein Beginn – für andere aber auch der Abschluss von etwas."

Nicht so für die Kindergärtnerin Nathalie B. Sie konnte ihre Taufe in der Osternacht kaum erwarten – "an jenem Tag, an dem Jesus neues Leben bekam". Seither genießt sie das Gemeindeleben noch mehr. Schon bald will sie mitmachen bei der Gestaltung der Kindergottesdienste; und irgendwann selbst andere Menschen zur Taufe begleiten. Nathalie leuchtet jetzt – und sie will auch anderen beim Leuchten helfen.

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