Gewagtes Experiment
Der Fremdschäm-Faktor bei "Auf der Flucht" war gleichwohl hoch. Der Sender begleitete sechs mehr oder weniger prominente Protagonisten, die das Elend von Flüchtlingen "am eigenen Leib" erleben sollten - unter anderem bei einer Reise nach Eritrea. Die letzte Folge lief am Donnerstagabend.
Exakt dem gleichen Thema - Flüchtlingen aus Afrika - widmet sich nun am Dienstag um 20.15 Uhr auch Sat1. "Willkommen im Club" heißt das "Familien-Abenteuer". Ein Spielfilm zur sogenannten Prime Time, der deutsche Touristen auf den Kanaren mit dem Schicksal afrikanischer Bootsflüchtlinge konfrontiert? Das lässt nach den jüngsten Erfahrungen Allerschlimmstes befürchten.
Stark trotz Schmalz
Um es vorwegzunehmen: Die Produktion hat einige wirklich starke Momente - trotz allerlei Klischees und einer gehörigen Portion Schmalz.
Die Handlung ist rasch erzählt: Die Ehe von Monica und Thilo Wagner (Lisa Martinek und Richy Müller) steckt nach 15 Jahren in einer Krise. Ein Club-Aufenthalt soll's richten, da wo alles begann: im spanischen Urlaubsparadies Teneriffa vor der Küste Afrikas.
Mit dabei ist Tochter Sophie (Joanna Ferkic). Der Teenager wäre eigentlich lieber ins französische Ausland gefahren, "weil sie uns da", wie der Vater lästert, "mit ihrem Einser-Französisch aussehen lässt wie Deppen". Stattdessen steckt die aufgeweckte 15-Jährige mit zwei beziehungsmüden Erwachsenen an der kanarischen Küste fest.
Polizeichef im Zwiespalt
Keine zehn Minuten dauert es im Film, bis sich die Lage grundlegend ändert. Am Horizont taucht ein Boot auf, das direkt auf die Küste zusteuert. Fischer sind nicht an Bord. Dafür schleppt sich wenig später eine Gruppe entkräfteter Afrikaner an Land - während sich aus der Ferne ein Polizeikommando aufmacht, um die ungebetenen Gäste noch an Ort und Stelle einzusammeln. Einzig ein kleiner Senegalese, Jamaal (Sylvain Mabe), kann sich dem Zugriff entziehen. Und versteckt sich ausgerechnet in der Ferienwohnung der Wagners, die nun entscheiden müssen, ob und wenn ja wie sie dem Jungen helfen wollen, der zu seinem Vater nach Deutschland will.
Das Szenario ist keineswegs konstruiert. Hunderte Menschen versuchen derzeit Tag für Tag unter größten Gefahren nach Europa zu gelangen. Viele Afrikaner nehmen den Seeweg und landen beispielsweise auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa - oder eben auf den Kanaren. Realistisch muten auch viele kleine Details und manche Dialoge an. Zum Beispiel, wenn ein Tourist ohne erkennbare Gefühlsregung die Ankunft der Flüchtlinge für sein Urlaubsvideo filmt. Oder Sophie ihr angebissenes Sandwich achtlos wegwirft und der hungrige Jamaal es aus dem Mülleimer fischt.
Stimmig erscheint auch, wenn etwa der spanische Polizeichef Sanchez (Joel Joan) seine Gefühle offenbart, die ihn bei der Jagd auf die illegalen Einwanderer beschleichen. Viele von ihnen küssten den Boden, wenn sie nach Europa kämen. Aber Europa wolle diese Menschen nicht haben. "Und die Gesetze, die ich vertreten muss, werden immer härter und härter."
Harte Politik und seichte Unterhaltung
Manchmal allerdings überspannen die Drehbuchautoren Kristin Derfler und Christoph Darnstädt den Bogen. Eine Debatte zwischen Sanchez und den Wagners über die UN-Kinderrechtskonvention wirkt arg aufgesetzt. Und dass Sophie "natürlich" zwischen ihren Eltern und Jamaal als Französisch-Dolmetscherin fungiert, kommt schon etwas plump daher - genauso wie ihr "Dirty Dancing"-verdächtiger Flirt mit dem Clubanimateur.
Da pendelt der Film zu sehr zwischen harter Politik und seichter Unterhaltung. Vielleicht spiegelt sich darin aber auch die unentschlossene Haltung vieler Europäer. Das Schicksal der Flüchtlinge wird oft und wortreich bedauert - aber "Willkommen im Club" sind diese Menschen nicht.
Von Joachim Heinz (KNA)
"Willkommen im Club", Sat1, 3.9., 20.15 - 22.20 Uhr; im Anschluss greifen Ulrich Meyer in "akte20.13" und Claus Strunz in seinem Polit-Talk "Eins gegen Eins" das Thema Flüchtlinge auf.