Historikerin: Kirche versagte massiv bei Abbé Pierre
Mit einer umfassenden Monografie hat die Historikerin Axelle Brodiez-Dolino das Ausmaß der sexuellen Verfehlungen um den früher als "Vater der Obdachlosen" verehrten Priester Abbé Pierre (1912–2007) untermauert. Der Kirchenleitung attestiert sie im Interview der Zeitung "La Croix" vom Wochenende anhaltendes Versagen in dem Wunsch, die Skandale unter den Teppich zu kehren und Schaden von der Kirche fernzuhalten.
Ihre Archivstudie "Ich muss Ihnen ein sehr großes Geheimnis anvertrauen" (J'ai un très grand secret à vous dire) beschäftigt sich auch mit Kindheitstraumata des Priesters, der mit dem bürgerlichen Namen Henri Grouès in einer streng katholischen Familie in Lyon aufwuchs und offenbar schon in der Schulzeit selbst unter sexuellen Übergriffen zu leiden hatte.
"Verhältnis zu Sexualität von Leid geprägt"
"Als Kind war sein Verhältnis zu Sexualität von Leid und Schuldgefühlen geprägt", sagt Brodiez-Dolino. Auch eine traumatisierende Verwicklung seiner Tante in einen Mordfall wird in dem Buch behandelt. Die Historikerin spricht für die Jahre nach seiner Adoleszenz von einer "fortschreitenden Zunahme von Perversionen".
Als Frankreich im Winter 1953/54 von einer Kältewelle heimgesucht wurde, löste Abbé Pierre mit Hilfsappellen für Obdachlose im Radio eine landesweite und auch internationale Hilfswelle aus. Laut Brodiez-Dolino wurde der Priester dann während einer erfolgreichen USA-Reise selbst mehrfach sexuell übergriffig. Sogar höchste kirchliche Stellen seien allerdings vor allem daran interessiert gewesen, die Sache nicht öffentlich werden zu lassen.
Die Historikerin wörtlich: "In seiner Akte im Vatikan tauchen drei Elemente auf, die in den Augen Roms gleichermaßen wichtig sind: seine finanzielle Leichtfertigkeit – er hatte das Geld von 1954 einem notorischen Betrüger anvertraut –, seine kommunistische Gesinnung und seine sexuellen Verirrungen. Grund genug, die Hierarchie stark zu beunruhigen."
Laut ihrer Darstellung war 1957 ein entscheidendes Jahr. Das Heilige Offizium, also die Vorgängerin der heutigen vatikanischen Glaubensbehörde, habe seine Akte im Frühjahr geschlossen. Doch ab Herbst sei Abbé Pierre dann auf Betreiben der Kirchenleitung und der von ihm gegründeten Gemeinschaft Emmaus für mehrere Monate in einer psychiatrischen Klinik in der Schweiz behandelt worden.
Aus Kirchenarchiven gehe hervor, dass es im Herbst irgendwo zu sexuellen Übergriffen oder sogar Vergewaltigungen an Minderjährigen gekommen sein müsse, so die Historikerin. Sie hält inzwischen auch eine damalige Verwicklung des Priesters in einen landesweiten Sexskandal für durchaus wahrscheinlich, der allerdings erst im Januar 1959 aufflog. Die "Affaire des Ballets roses", bei der minderjährige Mädchen mit Drogen gefügig und nach choreografierten Tänzen dann Herren der höheren Gesellschaft zugeführt werden, kostete unter anderen den damaligen Parlamentspräsidenten André Le Troquer das Amt.
In einem zusammenfassenden Dokument von 1964 schreibt demnach der Pariser Weihbischof und spätere Kardinal Pierre Veuillot über die Taten von Abbé Pierre: "Junge Mädchen sind dadurch für ihr ganzes Leben gezeichnet."
Strengen Kontrollen entzogen
Nach der Schweizer Therapie, so berichtet seine Biografin Brodiez-Dolino, habe Abbé Pierre gemerkt, "dass man ihn aus Emmaus entfernen wollte"; das habe ihn "wütend und wieder unglaublich energetisch gemacht". Doch allen diskreten Versuchen der französischen Bischöfe, ihn so gut es geht unter Kontrolle zu halten – medizinische Betreuung, Reisebeschränkungen, ständige Überwachung –, habe er sich jedes Mal entziehen können.
Bis 1964, so der Befund der Historikerin, habe sich Abbé Pierre zwar noch unter strenger Kontrolle befunden; danach hätten sich die Bedingungen mit dem Wechsel von Verantwortlichen allmählich gelockert – bis er 1972 regelrecht aus dem Blickfeld der Kirche verschwunden sei. Als er in den 80er Jahren wieder ins Rampenlicht zurückkehrte, habe die Kirche keinen Einfluss mehr auf ihn gehabt, berichtet Brodiez-Dolino: "Er ist zu bekannt und verkörpert nun ausschließlich 'Emmaus'."
Bis zum Bekanntwerden der Vorwürfe vor einigen Jahren zählte Abbé Pierre laut Umfragen regelmäßig zu den "beliebtesten Franzosen aller Zeiten". Eine unabhängige Untersuchungskommission zu seinen Gewalttaten (Cevap) will 2027 ihre Schlussfolgerungen vorlegen.