Hotel der Lebenschancen
Gäbe es aber mehr Platz zum Erzählen, dann würde sehr schnell deutlich, dass das "magdas" eigentlich in eine selbstgeschaffene, einzigartige Kategorie gehört: Es versteht sich als ein Hotel der Lebenschancen.
Keine Hotelkette und keine alteingesessene Hoteliers-Familie betreibt das vierstöckige Haus, sondern die Wiener Caritas. Innerhalb von neun Monaten wurde aus einem ausgedienten, baulich nicht mehr seniorengeeigneten Pflegeheim ein Großstadthotel mit 78 Doppel-Zimmern und kleinen Suiten für Cliquen oder Familien. Das geschah mit Hilfe eines 1,5 Millionen Euro-Kredits für die Renovierung, 57.000 durch Crowdfunding beigesteuerter Euros, zupackender freiwilliger Mitarbeiter und aus ganz Österreich gespendeter Möbel, Bücher und Pflanzen.
Wie bei allen Hotels sollen auch hier die Gäste im Vordergrund stehen, doch der Entschluss, überhaupt ein solches Haus zu eröffnen, fiel allein der Angestellten wegen: Zwanzig Männer und Frauen aus dem Iran und Irak, aus Afghanistan, Tschetschenien und dem Kongo, allesamt Flüchtlinge, können im "magdas" ihre langgehegten Hoffnungen auf ganz normale Berufstätigkeit verwirklichen. Die meisten von ihnen leben schon viele Jahre in Österreich. Doch erst seitdem ihre Asylanträge positiv beschieden wurden, dürfen sie auch arbeiten. "Wenn man sehr lange zum Nichtstun verdammt war, ist es sehr schwierig, eine Arbeit zu finden", sagt Martin Gantner, Caritas-Pressesprecher der Erzdiözese Wien. Man wolle die Flüchtlinge bei ihrem Wiedereinstieg unterstützen, erklärt er. "Und das machen wir nicht nur mit Hilfe der geschaffenen Arbeitsplätze sondern auch, indem ein Jobcoach die Arbeitsprozesse begleitet."
Endlich angekommen
Gantner erzählt von Hotelmitarbeiter Dinis aus Guinea-Bissau, der über eine Dekade hinweg nur Sprachschulen besucht und ehrenamtliche Jobs übernommen hat: "Er ist seit zehn Jahren im Land, aber erst seit kurzem hat er die Gewissheit, dass er bleiben kann. So dass er gefühlt eigentlich erst jetzt hier ankommt." Das sehe man leider immer wieder, sagt der Caritas-Sprecher. "Wie viel Talente und Perspektiven in dieser Zeit des Leerlaufs verloren gehen und wie die Hoffnung auf Integration schwindet."
Hotelmanager Sebastiaan de Vos, im Alter von Zehn aus den Niederlanden nach Österreich verpflanzt, hat nun die wohl motivierteste Mitarbeitertruppe, die sich denken lässt. Das wird ihm auch durch das Gästefeedback gespiegelt. "Längst nicht alle, die einchecken, wissen ja, um was für ein Projekt es sich handelt und erfahren das dann erst im Laufe ihres Aufenthalts", sagt er. Doch höre er manchmal, dass die Freundlichkeit der Servicekräfte wahrhaftig herzlich wirke. "Dass sie nicht diese einstudierte Gastgewerbe-Freundlichkeit haben wie viele Profis."
Tatsächlich erwerben die meisten der Flüchtlinge ihre Service-Kenntnisse im laufenden Geschäft – immer unterstützt von fünf gleichfalls neu eingestellten Profis. Die 24-jährige Sarah, vor drei Jahren aus Guinea-Buissau nach Österreich geflüchtet, bekam im Vorfeld der Eröffnung die Chance zu einem Volontariat. Im eleganten Fünf-Sterne-Hotel "Imperial" durfte sie sich einige Wochen an der Rezeption erproben. "Die ganze Welt kommt da zu einem hin", erzählte sie ihren Mitstreitern später begeistert. "Das ist ein bisschen so, als würde man selber reisen."
Ausnahmen beim strengen Arbeitsverbot
In naher Zukunft bildet auch das "magdas" aus. Sechs der 25 minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlinge, die in einem separaten Teil des Hotelgebäudes mit professionellen Betreuern in einer Wohngemeinschaft zusammenleben, werden dann zu Lehrlingen direkt vor der eigenen WG-Tür. "Das ist eine der Ausnahmen beim strengen Arbeitsverbot", erklärt de Vos. Asylbewerber unter 25 Jahre dürfen nach aktueller Gesetzeslage zwar eine Lehre machen, danach aber den erlernten Beruf nicht ausüben. "Aber falls während der Lehre oder kurz danach eine Anerkennung erfolgt, hätten die Flüchtlinge schon einen Abschluss und könnten gleich loslegen."
Einen Monat nach der Eröffnung zieht der Hotelmanager eine positive Bilanz. Es habe schon einige "Vollbelegungstage" und Buchungen der Veranstaltungs-Räume gegeben. Und die Nachbarn aus den umliegenden Wohnhäusern, die das Werden des Hotels neugierig, mitunter auch skeptisch verfolgt hätten, fänden sich wie erhofft nach und nach als Kaffeegäste im großen Gemeinschaftsraum ein. "Nur bei der Zeit, die wir für Absprachen brauchen, haben wir uns ein bisschen verschätzt", stellt de Vos fest. Dass die Mitarbeiter 24 Sprachen mitbrächten, sei für die Gäste natürlich toll, mache die Arbeitsprozesse aber nicht einfacher. "Da bin ich froh, dass unser Coach die Kommunikation begleitet."
Der 17-jährige Daniel, der vor fünf Jahren seiner Mutter aus dem Kongo nach Wien gefolgt ist, braucht kommunikationstechnisch keine Unterstützung. Er hatte das Glück, von Tag eins an als Flüchtling anerkannt zu werden und hat auf der Mittelschule ein hervorragendes Deutsch gelernt. Im September beginnt er im "magdas" eine vierjährige Lehre zum Hotel- und Gastgewerbeassistenten, bis dahin arbeitet er schon einmal als Servicekraft. "Meine Schule war auf technische Berufswege ausgerichtet. Aber eigentlich liegt mir die Tourismusbranche viel näher." Daniel freut sich, dass er schon bald eine solide Ausbildung in einem großen Haus beginnen kann. Die Internationalität der Truppe ist ihm weniger wichtig. "Woher andere Leute kommen ist mir eigentlich Wurst", sagt er in einem ganz leichten, Wien-typischen Singsang, "Hauptsache wir behandeln uns alle gegenseitig mit Respekt."
Von Gerlind Schabert
Das "magdas" Hotel ist nur eines der Social Business-Projekte der Caritas der Erzdiözese Wien. Unter dem Dachnamen "magdas" finden sich auch noch andere Projekte wie ein Spar-Supermarkt, eine Kantine, zwei Großküchen und eine Recyclingwerkstatt. Sie alle haben zum Ziel, soziale Probleme mit Hilfe von Unternehmen zu lösen, die sich wirtschaftlich selber tragen. Der Name "magdas" ist eine spielerische Abwandlung der internettypischen "I like"-Bewertung.