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Hans-Joachim Höhn über postfaktische Politik

Ich fühle, also weiß ich

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Schachfigur
Bonn - Hans-Joachim Höhn über postfaktische Politik

"Fakten, Fakten, Fakten!“ – Mit diesen Worten hämmert der Chefredakteur seinen am Konferenztisch versammelten Mitarbeitern die Leitlinie des neuen Nachrichtenmagazins ein: Nicht Mutmaßungen und Meinungen, sondern Tatsachen sollen sie recherchieren. Es ist die Schlüsselszene jenes Werbespots, mit dem im Jahr 1993 der "Focus" dem "Spiegel" Konkurrenz macht. Für geraume Zeit bestimmt er Profil und Programm der Redaktion. Erst im Jahre 2010 wird eine neue Devise ausgegeben: "Relevanz, Relevanz, Relevanz!"

Gibt es für ein politisches Nachrichtenmagazin etwas Wichtigeres als Fakten? Gewiss nicht! Aber zunehmend werden politische Auseinandersetzungen nicht mehr als Wettbewerb um die Deutung relevanter Tatsachen und Ereignisse geführt. Das Menetekel "post truth politics" ist in den letzten Monaten vielfach Realität geworden: Nicht mehr auf überprüfbare Fakten und gute Argumente kommt es an, sondern auf Stimmungen und Gefühle. Mehr noch: Es gilt, eine Stimmung zu erzeugen, die sich für die Zustimmung zu politischen Vorhaben ausnutzen lässt.

Bei der Brexit-Kampagne hat sich diese Strategie bereits bewährt. In den USA hat Donald Trump als Präsidentschaftskandidat keine Möglichkeit ausgelassen, mit Unterstellungen und Halbwahrheiten für sich Stimmung zu machen. Dass er dabei der Lüge und Manipulation überführt wurde, hat weder ihn noch seine Sympathisanten gestört. Das kritische Echo ist getrost zu überhören. Wer macht sich schon die Mühe, einen aufwendigen Faktencheck durchzuführen?

Sind wir bereits in einem "postfaktischen" Zeitalter angekommen, in dem sich Menschen nicht von Tatsachen und Argumenten, sondern lieber von Ressentiments und Gefühlen leiten lassen? Liegt es daran, dass die Faktenlage in vielen politischen Themenbereichen – wie etwa bei CETA und TTIP – längst zu komplex und unübersichtlich geworden ist? Ist es dann jemandem zu verdenken, der sich in einer solchen Situation lieber auf sein Gefühl verlässt?

In der Tat gehören Gefühle zur Wirklichkeit – auch in der Politik. Aber eine kritische Marke ist dort überschritten, wo Wirklichkeit mit Wahrheit gleichgesetzt wird. Die Frage, ob das Wirkliche auch das Wahre ist und was wirklich wahr ist, ist keine bloße Gefühlssache. Es mag sein, dass die Frage, was wirklich wahr ist, heute als zweitrangig erscheint. Mögliche Antworten werden zudem als Ansichtssache deklariert. Konsensfähig ist offenkundig nur die Formel "Das kommt auf den Standpunkt an!" Auch das mag sein. Aber es gibt wohl keinen Menschen, der belogen werden möchte. Was jedoch die Lüge entlarvt, sind noch immer: Fakten, Fakten, Fakten!

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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