In Sicherheit
Eine mehrmonatige Odyssee durch den Nahen Osten lag hinter Julya und ihrer Familie. Die junge chaldäische Christin aus Syrien und ihre Familie haben inzwischen ein vorübergehendes Bleiberecht erhalten.
Entstanden im Zweiten Weltkrieg
Vorsichtig nippt Julya an einer Tasse Kaffee. Die zierliche Frau fröstelt. Trotz Frühlings sind das Temperaturen, die sie aus Jordanien nicht kannte. Das Lager Friedland ist ein "Kind" des Zweiten Weltkriegs und verdankt seine Entstehung den britischen Besatzungsbehörden.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit war es erste Anlaufstation für Vertriebene und Soldaten, die Jahre in sowjetischer Gefangenschaft verbracht hatten. Noch heute erinnert eine Glocke im Kirchturm von Sankt Norbert an die Anfänge des Lagers.
Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs kommen fast wöchentlich christliche Flüchtlinge nach Friedland, das nur zwei Kilometer von der einstigen innerdeutschen Grenze zu Thüringen entfernt liegt. Unter ihnen sind Verheiratete und Alleinstehende, und auch solche, die mit ihren Verwandten ausreisen konnten. Zu viert oder sechst leben die Flüchtlinge in knapp 14 Quadratmeter großen Zimmern, wie in einer Kaserne.
Julya will Floristin werden
Friedland ist auch eine sogenannte Inlandsresidentur des Bundesnachrichtendienstes (BND). Zur Aufnahmeprozedur gehört immer auch eine Vernehmung durch den deutschen Auslandsnachrichtendienst.
Unterstützung bei ihren ersten Schritten in der Fremde bekommen die Neuankömmlinge von kirchlichen Hilfsorganisationen wie der katholischen Caritas oder der Diakonie. "Als erstes muss ich Deutsch lernen", sagt Julya in recht fließendem Englisch. Das sei im Moment das Wichtigste. Danach würde sie gern Floristin werden.
Wären wir nur einen Monat länger geblieben, hätten wir betteln gehen müssen."
Julya Nasrallah
In Damaskus hat Julya zeitweilig in einem Hotel gearbeitet. Nach dem Aufstand gegen das Assad-Regime wurde die Situation für Christen unerträglich. Die Rebellion gegen den Diktator mündete nicht in mehr Freiheit. "Das Gegenteil war der Fall", sagt Julya. Mit dem Verfall der staatlichen Ordnung traten selbsternannte Gotteskrieger auf den Plan, die die Christen der Kollaboration mit dem Westen bezichtigten und wahllos gegen sie losschlugen. Fast täglich gibt es in Syrien Anschläge auf christliche Einrichtungen und Geschäfte. Nachdem eine Freundin der Familie auf offener Straße erschossen wurde, stand für Julya und ihre Eltern fest: Wir müssen das Land verlassen.
In Windeseile verkauften sie die kleine Wohnung, die Möbel, den Fernseher, das alte Moped ihres Bruders und die kleine Werkstatt für Haushaltsgeräte, mit der der Vater die Familie ernährt hatte. Mit knapp 3.000 US-Dollar (Tageskurs 2.300 Euro) machten sie sich auf den Weg nach Jordanien, wo sie am Stadtrand der Hauptstadt Amman Unterschlupf in einem heruntergekommenen Wohnblock fanden. "In Jordanien lebten wir mehrere Monate von unseren Ersparnissen", sagt Julya. Arbeit gab es fast keine. Die Geschwister konnten nicht zur Schule gehen. "Wären wir nur einen Monat länger geblieben, hätten wir betteln gehen müssen."
Gepflegte Innenstadt, reiches Warenangebot
Die ersten Schritte in Deutschland sind getan. "Wir haben schon einen Ausflug nach Göttingen gemacht", berichtet sie. Die gepflegte Innenstadt und das reiche Warenangebot hätten ihr gut gefallen.
Ebenso die grüne, bergige Landschaft im Eichsfeld, wo es so "viele schöne Kapellen und Marienstatuen" gibt. Im Nahen Osten sei alles braun und staubig, und in den großen Städten litten viele Menschen an Asthma. Bei einem Bauern konnten Julya und ihre Geschwister für kleines Geld einen Laib Brot, Salami und eingelegte Gurken kaufen. "Deutschland ist ein gutes Land", meint sie, mit guten Menschen und gutem Essen.
Von Benedikt Vallendar (KNA)
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