Israels Christen erwarten wenig von der Parlamentswahl
„Viele Christen denken daran, das Land zu verlassen. Unter jungen Erwachsenen ist es sogar die Mehrheit“, sagt Ralf Rothenbusch. Der Leiter des Paulus Hauses in Jerusalem repräsentiert den Deutschen Verein vom Heiligen Lande (DVHL). Am Vorabend der Parlamentswahl hat er ein Auge auf die Christen in Israel und Palästina. Seine Analyse ist schonungslos: Wer nicht schon durch Arbeit, Familie oder Alter an das Land gebunden sei, der denke immer häufiger ans Auswandern. „Wir sind hier nicht wirklich in einer Situation, die Anlass für große Hoffnungen bietet“. Für Christen erscheint die politischen Ausgangslage vor der Parlamentswahl an diesem Dienstag so hoffnungslos wie lange nicht mehr.
Seit 2022 regiert Benjamin Netanyahu vom rechtspopulistischen Likud in einer Koalition mit religiösen und nationalistischen Parteien – die teilweise noch rechts neben ihm stehen. Sein Herausforderer ist Ex-General Gadi Eizenkot von der Mitte-Partei Jaschar. Zentrale Wahlthemen sind die Aufarbeitung des Terrorangriffs vom 7. Oktober 2023 und die Wehrpflicht. Wie die Wahl ausgeht, ist laut Umfragen bis zuletzt unklar.
Seit dem 7. Oktober 2023 ist Israel in Schockstarre. Nachdem von der Hamas angeführte Terroristen rund 1.200 Menschen ermordeten und 251 verschleppten, begann die israelische Regierung den Gaza-Krieg mit mehr als 70.000 getöteten Palästinensern. Seit dem 10. Oktober 2025 gilt formell eine Waffenruhe.
Unterschiedlich betroffen
Von dieser angespannten Lage sind Christen unterschiedlich betroffen. Sie machen nur knapp zwei Prozent der israelischen Bevölkerung aus, sind also eine winzige Minderheit. Fast 80 Prozent von ihnen gehören zur arabischen Bevölkerung. Viele von ihnen verstehen sich als Palästinenser. Doch Christen finden sich auch in anderen Teilen der Gesellschaft. „Es gibt eine unglaubliche Diversität der Christen in Israel“, betont Jesuitenpater David Neuhaus, der zwischen 2009 und 2017 Patriarchalvikar für die hebräischsprachigen Katholiken im Lateinischen Patriarchat von Jerusalem war. Es sei unmöglich, von „den“ Christen in Israel zu sprechen. Auch das Verhältnis zum israelischen Staat und den palästinensischen Gebieten sei dementsprechend komplex. Manche christliche Bürger Israels fühlten sich stärker mit den Palästinensern in Gaza und dem Westjordanland verbunden – unabhängig von deren Religion. Andere betonten dagegen mehr ihre christlich-israelische Identität. Inmitten der zersplitterten Interessen im Land gehen die Belange der kleinen Minderheit – zu der auch aramäische, russischsprachige und asiatische Christen unterschiedlicher Konfessionen gehören – unter.
Angesichts dessen sind viele Christen in Israel desillusioniert. Die Palästinenser unter ihnen erleben mitunter gesellschaftliche Benachteiligung: Palästinensisch geprägte Gemeinden sind tendenziell schlechter mit Infrastruktur versorgt als jene mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit. Schulen sind häufiger unzureichend ausgestattet, die Bedrohung durch Armut ist überproportional. Dazu kommt die anhaltend hohe Gewalt in Nordisrael, wo blutige Konflikte zwischen kriminellen Organisationen und rivalisierenden Großfamilien den Alltag durchziehen. „Seitens der Polizei wird praktisch nichts dagegen unternommen“, beklagt Rothenbusch. Bei der letzten Parlamentswahl 2022 gab nur rund die Hälfte aller stimmberechtigten arabischen Israelis ihre Stimme ab.
Nach dem Massaker vom 7. Oktober hat sich die Lage weiter verschärft. Teile der israelischen Mehrheitsgesellschaft hegen Misstrauen gegen alles, was arabisch wirke, erzählt Sharbel Yaqub. Er leitet das Pilgerhaus Tabgha des DVHL am See Genezareth. „Da ist ein gewisses Vertrauen verloren gegangen.“ Doch das Problem ist nicht neu. Besondere Aufmerksamkeit erregte der Brandanschlag auf die Brotvermehrungskirche in Tabgha 2015. Mehrere Wochen habe der Staat nur zögerlich gehandelt. Erst durch kirchlichen und internationalen Druck hätten sich schließlich die Geheimdienste eingeschaltet und drei mutmaßliche Täter gefasst. Anwalt eines mittlerweile verurteilten extremistischen Siedlers war Itamar Ben-Gvir. Ben-Gvir ist amtierender Minister für nationale Sicherheit im Netanyahu-Kabinett, gilt als rechtsextrem und wurde 2007 wegen rassistischer Aufhetzung und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verurteilt.
Übergriffe gegen Christen sind keine Seltenheit. Das Religious Freedom Data Center (RFDC) etwa zählt zwischen Juli und September dieses Jahres 96 Vorfälle in Israel – die meisten davon in Jerusalem: Spuckattacken, körperliche Angriffe und das Werfen mit Gegenständen sind darunter. Deshalb geben sich christliche Geistliche, aber auch einfache Gläubige, auf der Straße immer seltener als Christen zu erkennen.
Vielen Christen fehlt Existenzgrundlage
Das ist aber noch kein Vergleich zur Gewalt im Westjordanland, betont Neuhaus. In den Monaten vor der Wahl haben extremistische Siedler den kleinen christlich-palästinensischen Ort Taibeh immer wieder attackiert und die Olivenernte behindert. Auch Diplomaten und Kirchenvertreter wurden angegriffen. In der medialen Berichterstattung kommt das kaum vor, beklagt Rothenbusch: „Ich glaube, dass das weder in Israel noch sonst im Westen mit der ausreichenden Deutlichkeit wahrgenommen wird. Die Westbank ist praktisch ein rechtloser Raum der Gewaltanwendung.“ Dazu kommen die militärischen Hürden im Alltag vieler Palästinenser – wie zahlreiche Checkpoints, Straßensperren und Genehmigungspflichten. Auch die gestiegenen Lebenshaltungskosten lassen viele Christen ans Auswandern denken. Nachdem seit dem 7. Oktober deutlich weniger Pilger in die Region kommen, fehlt vielen Christen vor Ort auch die wirtschaftliche Existenzgrundlage.
Für die palästinensischen Christen in Ostjerusalem und der Westbank hält Rothenbusch fest: „Die Verbesserung der Situation der Palästinenser – und damit auch der einheimischen Christen – steht und fällt mit dem Ende der ungerechten Besatzung und ihrer Gewalt. Alle anderen Erleichterungen wie die weniger restriktive Erteilung von Permits oder der freiere Zugang zu den Heiligen Stätten, so wichtig sie auch sind, bleiben demgegenüber kosmetisch.“
Dabei hat es in der Vergangenheit auch schon politische Fortschritte für christliche Gemeinden gegeben. Die aramäischen Christen haben lange für die staatliche Anerkennung ihrer Identität gekämpft, sagt Yaqub. Mit Erfolg: "Seit 2014 kann die Volkszugehörigkeit in Israel offiziell von Arabisch auf Aramäisch geändert werden." Er vertritt eine Gleichheit von Rechten und Pflichten: „Wenn ich etwas von der Regierung verlange, muss ich auch meine Pflicht tun. Wir haben beispielsweise eine Vorbereitungsschule für das Militär, weil wir die Christen motivieren wollen, den Wehrdienst zu machen.“ Für arabische und aramäische Christen ist der Militärdienst freiwillig. Die meisten jüdischen Israelis sowie drusische und tscherkessische Männer unterliegen dagegen der Wehrpflicht. Durch die Zeit in der Armee entstehen mitunter wichtige Netzwerke, die anschließend auch im beruflichen Leben helfen.
Yaqub betont die Freiheit und Sicherheit, die ihm seine israelische Staatsbürgerschaft im Vergleich zu den umliegenden arabischen Ländern bietet: „Als Christen sehen wir uns von der Regierung auf jeden Fall besser geschützt als in anderen Ländern.“
Trotz Diskriminierung und wachsender politischer Polarisierung im Land geben sich nicht alle Christen der Resignation hin, betont Neuhaus. Viele engagierten sich etwa gegen Nationalismus und Ausgrenzung. „Bildung, Dialog, der Kampf für Menschenrechte: das ist der Bereich, in dem sich die Christen hier einsetzen. Und das sind viele.“ Der konkrete Wahlausgang sei dafür nicht kampfentscheidend. „Ich denke die meisten Christen in Israel interessieren sich sehr dafür, wer die Wahl am Ende gewinnt. Aber viele christliche und muslimische Palästinenser erkennen, dass das Ergebnis wahrscheinlich keinen großen Unterschied machen wird. Seine größten Herausforderer unterscheiden sich nicht von Netanyahu.“