Kann Gottes Liebe Europa retten?
Nun gibt es Befürchtungen, dass der Schmelztiegel selbst schmelzen könnte. Diese Ängste werden dadurch verschlimmert, dass die Neue Rechte, oder, wie viele sagen würden, die Rechtsextremen, Zulauf erhalten.
Zweimal zu Gefängnisstrafen verurteilt
Ich könnte gewissermaßen behaupten, ich hätte einen ausgeprägteren Sinn als die meisten, was die Vorgänge in Europa angeht: Als ein wütender und unzufriedener Jugendlicher in den 1970er und 1980er Jahren – lange vor meinem Gesinnungswandel und meiner Konvertierung zum katholischen Glauben – war ich ein führendes Mitglied der "National Front" [Eine britische rechtsextreme Partei, Anm. d. Red.]. Sie wurde später in die "British National Party" (BNP) umgewandelt. Ich war Mitglied im nationalen Vorstand und Vorsitzender der Jugendbewegung, der "Young National Front". Ich wurde zweimal zu Gefängnisstrafen verurteilt, einmal 1982 und dann 1985, für "die Veröffentlichung von wahrscheinlich zu Rassenhass anstiftendem Material", eine Straftat nach dem "Race Relations Act" [Gesetz gegen Rassendiskriminierung, Anm. d. Red.]. Einer meiner engsten Freunde war Nick Griffin, der später als Anführer der BNP berüchtigt wurde. Ich war Trauzeuge bei seiner Hochzeit und gab ein Magazin mit ihm heraus. Deswegen könnte man vermuten, dass ich eine Art Déjà-vu habe, wenn ich die turbulenten Zeiten, in denen wir leben, beobachte. In einigen Fällen stimmt das auch, die Ähnlichkeiten sind bemerkenswert. Und doch unterscheidet sich die Lage in vieler Hinsicht und vielleicht auch auf bedeutende Weise von damals.
Rassismus ist immer schlimm, genauso wie jede andere Form von Hass gegen unsere Nachbarn oder Feinde. Christen dürfen Rassismus niemals befürworten oder mit einem reinen Gewissen Parteien unterstützen, die für Rassismus eintreten. Es ist dennoch unfair, zu behaupten, jemand sei ein Rassist oder fremdenfeindlich, wenn er besorgt ist über die Islamisierung Europas oder über die vorherrschende Korruption und den übergreifenden Imperialismus der Europäischen Union. Solche Urteile sind die Sorte von gedankenloser, reflexartiger Reaktion, die den Tod eines rationalen Diskurses bedeutet.
Außerdem ist es diese Art der Dämonisierung und Stereotypisierung von Gegnern, die die Rassisten selbst benutzen. Gegen diese starke Vereinfachung der wirklichen Natur des Problems argumentiere ich mit Benedikt XVI. und anderen, dass da drei miteinander unvereinbare und schädliche Kräfte in der internationalen Arena zu Gange sind: Säkularer Globalismus, radikaler Islam und christliche Orthodoxie. Wie Papst Benedikt in seiner prophetischen Regensburger Ansprache heraushob, prallen diese Kräfte im aufgewühlten Mittelpunkt unserer sich verdunkelnden Welt zusammen.
Wenn die Angst in Hass umschlägt
Diesen Kampf um das Herz Europas fasste ein junger Priester, Jacek Międlar, auf einer Kundgebung zum Unabhängigkeitstag in Warschau im November folgendermaßen zusammen: Die Bemühungen der Europäischen Union, Polen dazu zu zwingen, islamische Immigration in großem Stil zu akzeptieren, verglich er mit der Unterdrückung der Sowjetbesatzung. "Meine Lieben", sagte er, "wir haben keine Angst vor friedlichen Muslimen, aber sie sind eine Minderheit. Wir haben Angst vor Fundamentalismus. Wir wollen keine Gewalt, keine Aggression im Namen von Allah … dem müssen wir entgegentreten. Wir wollen nicht den Hass [gegen Juden und Christen, Anm. d. A.], der in Sure 5 im Koran steht, sondern die Liebe und Wahrheit des Evangeliums. Wir wollen mit dem Schwert der Liebe und der Wahrheit kämpfen, wozu uns auch Apostel Paulus im sechsten Kapitel seines Briefs an die Epheser aufruft [6, 14-17]. Das Evangelium, und nicht der Koran!" Die Menschenmenge grölte: "Das Evangelium und nicht der Koran." Wieder und wieder.
Pfarrer Międlar fuhr fort: "Linksgerichtete und islamistische Aggression, die auf alles Christliche und Nationale abzielt, macht uns große Angst. Aber wir fürchten auch, dass unsere Angst in Hass umschlägt. Das können wir als Christen nicht geschehen lassen. Darum wollen wir, die Christen, den Dialog. Aber keiner will mit uns reden. Sie nennen uns stattdessen Faschisten, Rassisten, Fremdenhasser und ungläubige Hunde. Wir können das [dem Hass zu erliegen, Anm. d. A.] niemals zulassen. Wir wollen nicht mit dem Hammer kämpfen, den sie versuchen, uns in die Hände zu drücken. Wir wollen mit dem Schwert der Wahrheit kämpfen. Mit dem Schwert der Liebe! Mit dem Schwert des Evangeliums! Mit dem Schwert, das Jesus Christus ist, unser lebendiger Herr und Retter!"
Das ist die wirkliche Herausforderung: Das Böse bekämpfen ohne dabei dem Bösen zu erliegen.
Joseph Pearce
Pfarrer Międlar ist eine umstrittene Person in Polen. Seine Kongregation, die Vinzentiner, verbot ihm, öffentlich Reden zu halten, weil er Verbindungen zu extremistischen Nationalistengruppen hat. Und obwohl viele von uns an eine solche Schärfe nicht gewöhnt sein dürften – besonders vonseiten des Klerus – und vor dieser kämpferischen Sprache zurückscheuen, sind die Worte dieses Priesters eine Herausforderung für uns alle. Wie sollen wir Christen in einer Welt des wachsenden säkularen Fundamentalismus und blindwütigem islamistischen Fundamentalismus handeln? Sollen wir nichts sagen und nichts tun? Würde diese Trägheit und Untätigkeit nicht zur Todsünde des Unterlassens werden angesichts der Kräfte des Bösen und seiner destruktiven Konsequenzen? Wäre das nicht tödlich für die einzelne Seele, die sich weigert, dem Bösen zu widerstehen, wie auch tödlich für die Kultur, die sie eigentlich verteidigen soll? Ist die Weigerung, der Kultur des Todes zu widerstehen, nicht selbst schon tödlich? Haben wir das Recht, nichts zu tun?
Das erinnert an den berühmten Ausspruch (wer der Urheber ist, ist unbekannt), dass das Böse allein dadurch triumphiert, dass gute Menschen nichts unternehmen. Rassismus ist ein Übel, dass bekämpft werden muss, und genauso der säkulare Imperialismus der Europäischen Union sowie die Zunahme der islamistischen Gewalt in Europa. Dieses Böse muss bekämpft werden mit Gottes Liebe und der Güte seines Evangeliums und nicht mit den Werkzeugen des Hasses, die der Teufel an die liefert, die er sein Eigen nennt. Das ist die wirkliche Herausforderung: Das Böse bekämpfen ohne dabei dem Bösen zu erliegen.
Ist es ein unmöglicher Traum?
Wenn wir dieses noble Ziel mit dieser noblen Haltung verfolgen, wagen wir es dann, zu hoffen, dass ein "Europa der Nationen" wieder hergestellt wird? Und vielleicht auch, dass durch Gottes Gnaden das Europa des Glaubens wiederaufersteht? Vielleicht nähre ich nur eine wilde und schwärmerische Spinnerei, einen unmöglichen Traum. Vielleicht ist es so. Und dennoch ist selbst ein unmöglicher Traum dem allzu realistischen Albtraum vorzuziehen, mit dem wir zurzeit konfrontiert sind. Und was das Unmögliche angeht: Lassen wir uns daran erinnern, dass mit Gott alles möglich ist.
Von Joseph Pearce
Übersetzt von Johanna Heckeley
Dieser Text in der englischen Originalfassung erschien zuerst in der Ausgabe von "Catholic Herald" vom 20.05.2016. Die deutsche Übersetzung ist gekürzt.
Joseph Pearce ist der Direktor des Zentrums für Glaube und Kultur am Aquinas College in Nashville, Tennessee (USA). Seine Autobiografie "Race with the Devil: My Journey from Racial Hatred to Rational Love" erschien auf Englisch im Verlag Saint Benedict Press.