Katholische Taktlosigkeiten
Die britische Energie-Staatssekretärin Leadsom versuchte Innenministerin May die Nachfolge David Camerons auch mit dem Hinweis auf deren Kinderlosigkeit streitig zu machen. "Ich bin sicher, sie ist sehr traurig, dass sie keine Kinder hat", wurde sie von der "Times" zitiert. Es wäre zwar "schrecklich", wenn dieser Unterschied zwischen ihr und May entscheidend sei. "Aber ich fühle wirklich, dass ich als Mutter einen sehr wahren Anteil an der Zukunft dieses Landes habe". May habe "möglicherweise Nichten, Neffen, viele Menschen. Aber ich habe Kinder, die Kinder haben werden, die unmittelbar an den kommenden Ereignissen beteiligt sind."
Ein Déjà-vu für Insider des konservativen Milieukatholizismus! Nur dass man sich dort mit solcher Taktlosigkeit nicht disqualifiziert wie bei den Tories, sondern qualifiziert als "Familienschützer". In der katholischen "Tagespost" war zu lesen, Kinderlose hätten ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als Eltern, "ohne wie diese etwas für die Zukunft der Gesellschaft getan zu haben". Der Kinderlose als Nichtsnutz? Als die Spionage im päpstlichen Haushalt ruchbar wurde, wunderte man sich, dass "ein ehrbarer Familienvater mit drei Kindern in geregelten Verhältnissen zu einem solchen Verrat fähig sein" könne (kath.net). Der Familienstand als Indiz, es mit einem moralischen Gesamtkunstwerk zu tun zu haben.
In manchen Vorstellungsrunden kirchlicher Gremien erfährt man mehr von der biologischen Fruchtbarkeit der Teilnehmer(innen) als von ihrer Sachkompetenz und den Motiven ihrer Mitarbeit. Atmosphärischer Sieger ist, wer von der höchsten Kinder- und Enkelkinderzahl zu berichten weiß. Selbst im Autorenverzeichnis von Sachbüchern drängt einem mancher seine privaten Lebensverhältnisse auf. Wortführer der Familienlobby reduzieren Kinder zum Sozialkapital, zur Last, die eine höhere Kompensation verlange, oder führen ihre Elternleistung gegen Demographiedienstverweigerer ins Feld, die Familien "ausbeuteten". Die Vermächtnisse von Kinderlosen an Familien und Stiftungen gehen in ihre Rechnungen nie ein.
Kinderreichtum und Familiensinn gelten zu Recht als Freude und Segen. Das Christentum ist aber weder eine Familienreligion noch ein Fruchtbarkeitskult. Es wurde gestiftet von einem kinderlosen Single und wird in der katholischen Kirche geleitet von kinderlosen Singles. Trifft das mal nicht zu, ist es meistens ein Skandal.
"Man sieht Freunde, die erwachsene Kinder haben, aber man akzeptiert das Schicksal, das einem das Leben zuteilt", sagte Theresa May. Dass ihre Konkurrentin für den Brexit trommelte, ist übrigens kein Zufall. Nationalismus und ideologischen Familismus kann man als Kulte um "das Eigene" verstehen - ein Schlüsselbegriff der Neuen Rechten. Das Christentum balanciert die natürliche Egozentrik aus durch Anleitung zur Empathie mit Anderen. Ein weiterer Rechtsruck in Europa würde die soziale Temperatur tief stürzen lassen. Stemmen wir uns dagegen!
Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.