Kirche kritisiert Polizei
Zugleich versichern die Bischöfe den Demonstranten ihre Unterstützung; diese bezeugten die "Würde" der ganzen Nation. Die Ukrainische Katholische Universität in Lviv (Lemberg) forderte wegen des Polizeieinsatzes den Rücktritt der Regierung. Die Generalversammlung der Hochschule rief zugleich zu "zivilem Ungehorsam gegen den Staatspräsidenten und seine Regierung" auf.
Sicherheitskräfte hatten in der Nacht zum Mittwoch versucht, die gegen die Regierung protestierenden Menschen vom Unabhängigkeitsplatz zu verdrängen. Sie rissen von Demonstranten errichtete Barrikaden nieder. Tausende Regierungsgegner verharrten jedoch am Mittwochvormittag weiter auf dem Platz. Das Innenministerium begründete das Vorgehen der Polizei mit Beschwerden von Anwohnern wegen nächtlicher Ruhestörung.
Caritas-Chef dementiert Berichte über Räumung
Das bestätigte der Chef der Caritas in der Ukraine, Andrij Waskowycz, am Mittwochmorgen. Er widersprach damit Berichten, wonach der Maidan-Platz in Kiew von der Polizei geräumt worden sei. Dem Sender "hr-info" sagte Waskowycz, der zur Opposition zählt: "Die Polizei hat um ein Uhr begonnen, die Zufahrtsstraßen und die Barrikaden auf den Zufahrtsstraßen zum Maidan zu räumen. Das ist der Polizei nicht gelungen."
Weiter sagte der Chef des katholischen Hilfswerks, die Fernsehbilder von der versuchten Räumung hätten sogar dazu geführt, dass sich die Zahl der Demonstranten auf dem Platz vervielfacht habe: "Auf dem Unabhängigkeitsplatz waren um ein Uhr nachts etwa 3.000 bis 5.000 Leute. Jetzt, als ich den Platz verließ, waren ungefähr 30.000 Menschen auf dem Platz, und sie halten die Position gegen die vorgerückten Sonderkommandos der Polizei."
Keine Erklärung hatte Waskowycz in "hr-info" für den Zeitpunkt der versuchten Räumung: "Kein Mensch versteht, was der Sinn dieser ganzen Aktion ist" Man wundere sich, denn "zum einen sind die Demonstranten fest entschlossen weiter zu machen, zum anderen hat der Präsident beim gestrigen runden Tisch durchblicken lassen, dass möglicherweise auf Bedingungen der Demonstranten eingegangen wird."
Glaubensgemeinschaften rufen zu Gewaltlosigkeit auf
Unterstützung bekamen die Demonstranten unter anderen von der Siegerin des Eurovision Song Contest 2004, Ruslana Lyzhychko; sie sang in der Nacht auf einer auf dem Platz errichteten Bühne. Auch Priester traten auf. Sie verlasen einen gemeinsamen Aufruf der Glaubensgemeinschaften für eine friedliche Lösung der politischen Krise.
In einem am Dienstag vom "All-Ukrainischen Rat der Kirchen und religiösen Organisationen" veröffentlichten Appell heißt es: "Wir rufen das ganze Volk der Ukraine auf, unabhängig von politischen Überzeugungen weise und verantwortungsvoll zu sein, sich gewalttätiger und rechtswidriger Handlungen zu enthalten und sich nicht provozieren zu lassen." Die Glaubensgemeinschaften werben zudem für einen Dialog zwischen Regierung und Opposition. Alle Beteiligten werden ermahnt, sich gegenseitig zu respektieren und keine Gewalt anzuwenden.
Der orthodoxe Kiewer Patriarch Filaret erklärte überdies am Mittwoch, die Anwendung von Gewalt gegen die Kundgebungsteilnehmer sei "inakzeptabel" und verstärke nur den Konflikt zwischen Regierung und Opposition. Zur Überwindung der Krise forderte er beide Seiten zu einem Dialog auf höchster Ebene auf. Bis zum Ende des Dialogs solle es ein Moratorium für Polizeieinsätze geben, so der Patriarch. Ein Ausweg aus der Krise könne die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU sein.
Die überraschende Weigerung der Regierung, das Abkommen zu unterzeichnen, hatte vor knapp drei Wochen die Straßenproteste ausgelöst. (cbe/KNA)