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Schönstatts Umgang mit dem Gründer

Kirchenhistorikerin: Fall Kentenich braucht eine breite Aufarbeitung

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Pater Josef Kentenich am Schreibtisch
Bonn - Das Seligsprechungsverfahren des Schönstatt-Gründers Josef Kentenich ruht. Die Kirchenhistorikerin Regina Heyder hält mehr Forschung für nötig: Der Umgang mit historischen Vorwürfen habe für die Kirche heute eine große Bedeutung.

Seit der Trierer Bischof Stephan Ackermann 2022 die Seligsprechung Pater Josef Kentenichs ausgesetzt hat, ist es still geworden um den Gründer der Schönstattbewegung. Ihm werden geistlicher Missbrauch und sexualisierte Gewalt vorgeworfen. Die Kirchenhistorikerin Regina Heyder hat sich die Quellen zum Fall Kentenich angeschaut und selbst in römischen Archiven nachgeforscht. In einem Beitrag für die Herder-Korrespondenz hat sie ihre Erkenntnisse vorgestellt. Im Interview mit katholisch.de erläutert sie, was das Besondere am Fall Kentenich ist, welche Forschung es noch braucht – und was die Kirche und ihre Gemeinschaften lernen müssen, damit Aufarbeitung gelingt.

Frage: Frau Dr. Heyder, die Seligsprechung von Pater Josef Kentenich ist seit 2022 ausgesetzt. Seither hört man wenig dazu. Warum bringen Sie den Fall nun wieder auf?

Heyder: Der konkrete Anlass für mich war, dass ich für eine Tagung zum Thema Liturgie und Missbrauch einen Brauch der Schönstätter Marienschwestern als Beispiel verwenden wollte. Die Auseinandersetzung damit hat mich nicht mehr losgelassen, weil ich so deutlich das missbräuchliche Verhalten Kentenichs gesehen habe. Wenn man als Wissenschaftlerin solche Dinge sieht und nicht benennt, ist das so etwas wie intellektuelles Bystandertum. Wie mit Anschuldigungen gegen eine historische, verehrte Figur umgegangen wird, entscheidet auch darüber, was heute ansprechbar ist und wem heute zugehört wird.

Porträtfoto der Kirchenhistorikerin Regina Heyder
Dr. Regina Heyder ist Kirchenhistorikerin und Dozentin des Theologisch-Pastoralen Instituts in Mainz. Sie publiziert zu Missbrauch an erwachsenen Frauen und zur Geschichte von Frauen im Christentum.

Frage: Die bekannte Quellenlage scheint sehr deutlich. Im Dekret zur Aussetzung der Seligsprechung heißt es, dass mit dieser Entscheidung "kein abschließendes Urteil über Leben und Wirken von P. Josef Kentenich gefällt" werde. Sie kennen die Quellen. Halten Sie es auf dieser Grundlage für verständlich, das Verfahren nur auszusetzen, statt es endgültig zu stoppen?

Heyder: Es gab bei der Aussetzung 2022 vor allem die Quellensammlung von Alexandra von Teuffenbach, der manche Einseitigkeit vorwerfen. Dabei handelt es sich um Dokumente, die teilweise ab 1975 verfasst und zusammengestellt wurden, um auf die Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens für Kentenich zu reagieren. Überliefert sind sie im Zentralen Provinzarchiv der Pallottiner. Natürlich gibt es damit ein konkretes Interesse hinter der Komposition dieses Quellenbestands. Wichtig ist, dass die ältesten Dokumente bei Teuffenbach in die 1940er-Jahre zurückreichen und auch spätere Aussagen das wiederholen, was die betroffenen Schwestern schon in der Apostolischen Visitation von 1951 bis 1953 mündlich vorgebracht hatten. Meine Forderung ist, die Quellenbasis durch Forschungen in verschiedenen Archiven noch weiter zu verbreitern und die seit 2021 publizierten "Dokumente zur Geschichte der Schönstattbewegung" auf das lautstark Beschwiegene hin zu lesen. Und auf dieser neuen Basis muss dann ein entsprechendes Urteil gefällt werden. Ich habe keine Zweifel, wie das ausgehen wird, doch ich stelle mich selbstverständlich dem wissenschaftlichen Diskurs. Bischof Ackermann hat selbst gesagt, dass das Verfahren beendet wird, wenn die Vorwürfe nicht ausgeräumt werden können. Schon 2020 hat der damalige Präfekt der Heiligsprechungskongregation, Kardinal Angelo Becciu, dasselbe betont.

Frage: Eine Seligsprechung scheint also ausgeschlossen?

Heyder: Mich würde eine Seligsprechung aus einem weiteren Grund sehr wundern. Kentenich sollte laut den Dekreten des Heiligen Offiziums in Milwaukee weder schriftlich noch mündlich, weder direkt noch indirekt Kontakt zu den Marienschwestern und zu Schönstatt haben. Das hat er gründlich missachtet, wie der renommierte amerikanische Historiker Steven Avella schon vor rund 30 Jahren in seiner Geschichte der Pallottinerprovinz "Mother of God" detailliert beschrieben hat. Marienschwestern trafen sich mit Kentenich auf dem nahegelegenen Friedhof, besuchten ihn in der Pallottinerniederlassung, wo sie alle Eingänge außer dem Haupteingang benutzten, wie ein frustrierter Provinzial, Harold Liebl, beobachtete. Kentenich nutzte Deckadressen, um Post zu empfangen, und er sandte seine Studien an sein Archiv in Schönstatt, damit die Schwestern sie in Händen haben. Nochmals genauer wird das aus den Akten ersichtlich sein, wenn im Archiv des Dikasteriums für die Glaubenslehre auch die Visitationsakten von 1964 zugänglich sein werden. Wer Avella liest, hat jedenfalls nicht den Eindruck, dass von einem künftigen Seligen die Rede ist.

Frage: Mit Ihrem Plädoyer für eine breitere Quellenbasis sprechen Sie als wissenschaftlich arbeitende Kirchenhistorikerin. Als Laie schaut man auf die Dokumente, die Alexandra von Teuffenbach veröffentlicht hat, und findet dort eidesstattliche Aussagen von betroffenen Marienschwestern aus den Befragungen zum Seligsprechungsverfahren. Sollten solche Quellen nicht genügen, um eine Seligsprechung zu stoppen?

Heyder: Ich persönlich sehe das tatsächlich so. Aber es ist nicht an mir, ein Ende des Verfahrens zu fordern. Diejenigen, die dafür zuständig sind, sollen die Verantwortung übernehmen. Mir scheint es, dass viele Beteiligte sich seit Jahrzehnten die Verantwortung dafür zuschieben, und niemand klar sagen will, dass das Verfahren nicht fortgeführt werden kann.

Frage: Vor Kurzem erschien in der Römischen Quartalschrift eine Kritik an der Archivdokumentation Teuffenbachs. Der an der Gregoriana lehrende Kirchenhistoriker Paul Oberholzer hat nicht nur eine selektive Auswahl der Quellen bemängelt, sondern auch handwerkliche Fehler benannt. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Heyder: In Teilen. Die Qualität der Publikation Teuffenbachs hat kleine Schwächen, wie übrigens auch die von Schönstatt herausgegebenen Dokumente zur Geschichte der Schönstattbewegung. Dennoch gibt es keine Gründe, an der Glaubwürdigkeit der Schwestern zu zweifeln. Keine von ihnen hat leichtfertig oder gern über das missbräuchliche Verhalten Kentenichs gesprochen. Die wichtigste Quelle Teuffenbachs, ein Brief von Schwester Georgia Wagner an ihre Generaloberin, ist zudem mittlerweile auch in der erwähnten Dokumentensammlung enthalten, so dass es keinerlei Zweifel an dieser Quelle gibt. Sr. Georgia berichtet, dass sie und andere Schwestern allein mit Kentenich nur kniend sprechen dürfen. Dann nimmt Kentenich beide Hände der Schwester und zieht sie so an sich, dass sie ihn berühren muss. Wenn das ein Vater, ein Therapeut oder ein Priester mit einem Kind oder einer erwachsenen Person machen würde, dann wäre es völlig undenkbar, das nicht als das zu erkennen, was es ist. Der Visitator Sebastian Tromp hat sich dazu hinreißen lassen, die Situation nachzustellen, indem er sich bei einer Besprechung vor eine der Schwestern kniete. Alle anwesenden Schwestern fanden das intuitiv peinlich, was Tromp auch erreichen wollte.

Sterbebild von Sr. Georgina Wagner
Nachdem Sr. Georgia die Schönstattschwestern verlassen hatte, gründete sie in Bolivien eine neue Gemeinschaft, die später in die Pallottinische Gemeinschaft aufgenommen wurde. Im Provinzarchiv der Pallottiner findet sich ihr Sterbebild (mit ihrem Namen in der spanischen Form Georgina).

Die Generaloberin sandte 1948 den Brief Sr. Georgias an niemanden anderen als Kentenich, der den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs erkennt, aber weginterpretiert, indem er die Schwester als krank und vom Teufel besessen charakterisiert. Was den Vorwurf angeht, dass die Auswahl Teuffenbachs selektiv sei: Sie publiziert einen Quellenbestand, der vorher nur wenigen Insidern bekannt war und bringt eine bislang unbekannte Facette im Leben Kentenichs ans Licht, ohne andere Facetten oder Dokumente zu leugnen. Jene, die diese Quellen für nicht relevant halten, gehen in meinen Augen selektiv vor.

Ich selbst war im Archiv des Dikasteriums für die Glaubenslehre und habe dort einige Akten konsultiert. Alexandra von Teuffenbach kennt diese Akten, hat jedoch den Bestand aus dem Archiv der Pallottiner publiziert. Im Archiv des Dikasteriums für die Glaubenslehre sind weitere Fälle von betroffenen Schwestern dokumentiert. Es gibt also eine noch breitere Quellenbasis, in römischen Dikasterien, in Diözesanarchiven, in weiteren Archiven. Selbstverständlich sollten sich auch in den Archiven der Marienschwestern entsprechende Aussagen finden.

Frage: Beim Postulator des Seligsprechungsverfahrens, Eduardo Aguirre, scheint es ein gewisses Umdenken zu geben: Sie loben die Quellenarbeit, die er mittlerweile macht.

Heyder: Eduardo Aguirre ist der Herausgeber der Dokumente zur Geschichte der Schönstattbewegung. Inzwischen ist diese Studienausgabe, an der mehrere Personen arbeiten, auf über 4.000 Seiten angewachsen und bietet spannende Einblicke auch in die Arbeit des Heiligen Offiziums. Ein Motiv für meinen Archivbesuch in Rom war tatsächlich die skeptische Frage, ob die lateinischen und italienischen Dokumente zuverlässig übersetzt und ausgewählt sind. Die Übersetzungen sind ausgezeichnet. Dass für mich als Forscherin, die sich mit Missbrauch an erwachsenen Frauen beschäftigt, andere Dokumente relevant sind, ist evident. Ein allmähliches Umdenken erkenne ich in den Einführungen zu den Dokumenten. Anfangs wurden Vorwürfe gegen Kentenich nicht eingeordnet, sondern wegerklärt. Inzwischen hat man sich zu mehr Vorsicht durchgerungen und sogar einen Band mit den Zeugnissen der betroffenen Schwestern angekündigt.

Frage: In der Breite der Schönstattbewegung scheint es keine allzu kritische Befassung mit ihrem Gründer zu geben. Täuscht der Eindruck?

Heyder: Mein Eindruck ist, dass viele in der Schönstattbewegung überhaupt nichts von den Vorwürfen wissen. Leitungspersonen haben das lange konsequent von den Mitgliedern ferngehalten. Das finde ich sehr irritierend. Es gibt auch Aussagen von mehreren Leitungspersonen, die 2020 ausdrücklich zugaben, dass sie bestimmte Dinge wussten, mit Rücksicht auf bestimmte Personengruppen aber nicht gesagt haben. Worum es sich dabei handelt, weiß ich nicht.

Frage: Kentenich hat bereits jetzt einen Status in der Schönstattbewegung, in der er stark überhöht wird. Kann eine Bewegung sich überhaupt von ihrem charismatischen Gründer lösen, der sich als moralisch nicht tragbar erweist?

Heyder: Sie muss sich ganz klar zu Kentenich und seinen Taten positionieren. Heute Missbrauchsvorwürfe nicht aufzuklären und aufzuarbeiten, kann zum Ende einer Gemeinschaft oder Organisation führen. Das ist mittlerweile auch in Rom klar, wo ganz aktuell der Gründer des "Instituts des inkarnierten Worts" postum schuldig gesprochen wurde. Die von ihm gegründeten Gemeinschaften wurden nachdrücklich aufgefordert, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Zum Glück gibt es da mittlerweile eine sehr klare Einstellung. Schönstatt muss heute das Unrecht anerkennen, das Kentenich verschiedenen Marienschwestern angetan hat. Das ist ein unglaublich schmerzhafter Prozess, weil Kentenich so stark mit der Identität der Schönstattbewegung verwoben ist. Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild spricht hier von der Tiefengeschichte eines Menschen, die bestimmt, was Menschen hören, wahrnehmen, was sie überhaupt für real halten können. Die Vorwürfe gegen Kentenich rühren sicher an die Tiefengeschichte vieler Menschen. Ich selbst kenne gleichzeitig einige Personen, die in der Schönstattbewegung eine lebensdienliche Spiritualität entdecken. Vielleicht ist genau dies die Lernerfahrung aus dieser und vielen weiteren Gemeinschaften und Bewegungen: Der Hype um eine charismatische Person ist immer gefährlich – zumal sich christliche Spiritualität auf Gott und nicht auf eine historische Figur ausrichten sollte.

Frage: Neben dem von Ihnen angesprochenen Fall des Instituts des inkarnierten Worts gibt es noch weitere Fälle, in denen Gemeinschaften das Verhältnis zu ihrem Gründer aufarbeiten mussten. Die Legionäre Christi mit Marcial Maciel und die Diener Jesu und Mariens mit Andreas Hönisch. Was könnte Schönstatt von solchen Parallelen lernen?

Heyder: Ich habe mich vor allem mit den Vorwürfen gegen Jean Vanier, dem Gründer der "Arche", befasst. Da ist für viele, die in dieser Organisation eine unendlich gute Arbeit geleistet haben und leisten, eine Welt zusammengebrochen. Sie fühlten sich betrogen, als bekannt wurde, dass ihr Gründer ein Missbrauchstäter ist. Man kann davon lernen, dass es ohne schmerzliche Auseinandersetzung nicht geht. Missbrauch produziert als Tat immer Spaltung in Gemeinden und Gemeinschaften: Die einen sind die Opfer von Tätern oder Täterinnen, die anderen sollen davon niemals etwas erfahren. Wird der Missbrauch aufgedeckt, dann entstehen konkurrierende Erinnerungsgemeinschaften: In den diversen diözesanen Studien stößt man auf charismatische Täter, die zum Beispiel eine wunderbare Jugendarbeit durchgeführt haben. Für die Nichtbetroffenen sind mit dem Täter nur die besten Erinnerungen verknüpft, während die Opfer mit demselben Menschen traumatische Erfahrungen verbinden. Diese beiden Perspektiven in einer Gemeinschaft auszuhalten, ist anspruchsvoll und anstrengend. Es ist herausfordernd, mit diesen Ambivalenzen umzugehen. Deswegen braucht es den mühsamen Prozess der Aufarbeitung und am Ende Gemeinschaften, die die Wahrheit der je anderen Erfahrung und vor allem das Unrecht anerkennen.

Frage: Sie befassen sich intensiv mit geistlichem Missbrauch und sexualisierter Gewalt. Was macht den Fall Kentenich über den einzelnen Gründer, die einzelne geistliche Bewegung hinaus relevant?

Heyder: Hier sieht man sehr deutlich, wie wirkmächtig Tabuisierung ist. Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre war es für alle Beteiligten unendlich schwer, sexuellen Missbrauch als solchen zu bezeichnen. Die Marienschwestern und auch die Visitatoren verwendeten Worte, die ihn sehr vorsichtig umschreiben. Die durch den Visitator Sebastian Tromp befragten Ordensfrauen hatten noch kein Vokabular für die Taten. Wenn Tromp sie fragte, ob Kentenich moralisch integer sei, dann bejahten das alle, weil sie gar nichts anderes denken und aussprechen konnten. Gleichzeitig gaben sie an, sich durch Kentenich in ihrer körperlichen Integrität verletzt zu fühlen, und schilderten konkrete Übergriffe. Die Tabuisierung von damals wirkt bis heute nach. Und sie schadet ja auch den Gemeinschaften selbst, die die Maßnahmen gegen Kentenich nie verstehen konnten, weil das Eigentliche nicht ausgesprochen wurde. Für die heutige Schönstattbewegung wäre es wesentlich besser gewesen, wenn die Vorwürfe damals schon klar benannt worden wären. Dann wäre von vornherein kein Seligsprechungsverfahren angestrebt worden.

Frage: In Deutschland haben wir durch die vielen Aufarbeitungsstudien mittlerweile einen Problemhorizont und ein Vokabular. Bei Schönstatt haben wir es mit einer weltweiten Bewegung zu tun. Wie nehmen Sie die Sensibilität weltweit wahr?

Heyder: Es gibt tatsächlich gewisse Ungleichzeitigkeiten, weil Missbrauchsmuster in der Kirche immer kulturellen Mustern folgen. Mit Blick auf meine eigene Forschung muss ich sagen: Ich hätte den Artikel vor vier Jahren anders und vor acht Jahren gar nicht geschrieben. Inzwischen wird Missbrauch in der Kirche weltweit bearbeitet. Jeder neue Bischof muss sich am römischen Institut für Anthropologie IADC mit Safeguarding befassen. In afrikanischen Ländern setzen Ordensfrauen das Thema deutlich auf die Agenda – denken Sie an Schwester Mary Lembo aus Togo, die zum Missbrauch an Ordensfrauen forscht. Es gibt Forschungen in Lateinamerika und Asien und sehr viele Safeguarding-Initiativen, die auch kirchlichen Hilfswerke einfordern. In einer historischen Perspektive werden zunehmend die interkontinentalen Verflechtungen benannt. Leider fungierte auch das Zweite Vatikanische Konzil als Kommunikationsort, um Täter zu verschieben. Wir wissen inzwischen, dass Missbrauchstäter ins Ausland gegangen sind, teilweise als Fidei-Donum-Priester von ihren Bischöfen geschickt. So wie es bei uns Tabuisierungen gibt, so gibt es auch in anderen Kulturen spezifische blinde Flecken, die bedingen, wie und wann Betroffenen zugehört wird, oder ob es denkbar ist, dass die Schuld bei einem Priester liegt und nicht bei der betroffenen Frau. Das sind Muster, die es weltweit gibt, die sich langsam verändern, die aber immer noch wirksam sind.

Frage: Was können alle Beteiligten in der Kirche aus dem Fall Kentenich lernen?

Heyder: Wir können lernen, wie wichtig das von der Weltsynode so betonte Zuhören ist, und dass Transparenz und Rechenschaftspflicht auch bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen unabdingbar sind. Ich denke, es wäre zudem sinnvoll, die Verfahren zu Seligsprechungen mit internationaler Reichweite zu überprüfen. Schon vor Jahren hieß es aus der Kongregation für die Heiligsprechungen, dass mehrere negative Zeugnisse zu Kentenich vorliegen. Ob sie alle in das diözesane Verfahren Eingang fanden, weiß ich letzten Endes nicht. Was wir alle daraus lernen können: Wir müssen Missbrauchsvorwürfe ernst nehmen und intensiv bearbeiten, weil wir sonst unserem Auftrag als Christinnen und Christen nicht gerecht werden.

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