Lange Schatten
Begegnungen zwischen deutschen und polnischen Bischöfen sind inzwischen Routine: Seit 1995 haben die beiden Bischofskonferenzen eine Kontaktgruppe eingerichtet, die sich regelmäßig über kirchliche und gesellschaftliche Fragen austauscht. Das 1993 gegründete Osteuropa-Hilfswerk der deutschen Katholiken "Renovabis" unterstützt soziale und Bildungsprojekte im Nachbarland.
Dass die Schatten des Weltkriegs dennoch weit reichen, zeigte sich 2009, als eine gemeinsame Erklärung beider Bischofskonferenzen zum Jahrestag des Zweiten Weltkriegs nur nach langem Ringen zustande kam. Wichtigster Konflikt damals: die Bewertung der Vertreibungen der Deutschen.
Vor allem Laien brachten die Versöhnung voran
Ängste und Vorbehalte gab es über Jahrzehnte. Erste Kontakte zwischen deutschen und polnischen Katholiken fanden erst Mitte der 50er Jahre statt. Es waren vor allem Laien, die die Versöhnung in kleinen Schritten voranbrachten: etwa durch Sühnewallfahrten der deutschen Pax-Christi-Sektion nach Auschwitz oder durch Mitglieder des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, die Kontakte mit Intellektuellen in Polen pflegten. 1973 gründeten deutsche Katholiken das Maximilian-Kolbe-Werk, das überlebenden NS-Opfern in Polen half.
Vor diesem Hintergrund war die Versöhnungsgeste von 1965 ein wichtiger Schritt nach vorn: Während des Zweiten Vatikanischen Konzils luden die polnischen Bischöfe ihre deutschen Amtsbrüder zur 1966 anstehenden 1.000-Jahr-Feier der Christianisierung Polens ein.
Das Schreiben endete mit den Worten: "In diesem allerchristlichsten und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung." Zwei Wochen später antworteten die deutschen Bischöfe: "Furchtbares ist von Deutschen und im Namen des deutschen Volkes dem polnischen Volk angetan worden. So bitten auch wir zu vergessen, ja wir bitten zu verzeihen."
Dennoch zeigte sich auch hier, wie begrenzt die Spielräume noch waren: Die polnischen Bischöfe waren enttäuscht, dass ihre deutschen Amtsbrüder die Frage einer Anerkennung der polnischen Westgrenze ausklammerten – anders als die Evangelische Kirche in ihrer ebenfalls im Herbst 1965 erschienenen Ost-Denkschrift, die einen klaren Verzicht auf die früheren deutschen Ostgebiete nahe legte.
Rückenwind für die Politik
Für die seit 1969 regierende sozial-liberale Koalition unter Kanzler Willy Brandt (SPD) bedeutete das Engagement der Kirchen dennoch Rückenwind. Brandt selber formulierte es so: "Das Gespräch der Kirchen... war dem Dialog der Politiker voraus." Die Zugeständnisse der Bundesregierung gegenüber Polen führten dann umgekehrt auch zu einer Bereinigung auf kirchlichem Gebiet. Im Juni 1972 ordnete der Vatikan die Kirchenstrukturen in den früheren deutschen Ostgebieten neu und gründete polnische Diözesen. Das löste unter deutschen Katholiken heftige Proteste aus.
Trotz solcher Irritationen ließen die Katholiken beider Länder den Faden nicht mehr abreißen, etwa durch gegenseitige Besuche der Konferenz-Vorsitzenden und durch polnische Gäste auf Katholikentagen. Als Polens Regierung im Dezember 1981 das Kriegsrecht ausrief und eine katastrophale Versorgungskrise auslöste, riefen die deutschen Bischöfe zu Kollekten und Paketspenden auf. Zehntausende persönlicher Kontakte entstanden.
Der Zusammenbruch des Ostblocks stellte das deutsch-polnische Verhältnis auch im Bereich der Kirchen auf eine neue Grundlage: Deutsche und Polen konnten und mussten eine normale Nachbarschaft erlernen. Ein Dauerthema ist die weite Teile Europas erfassende Krise des Glaubens: Auch in Polen bröckeln traditionelle Formen des Katholizismus. Und bei der Frage, welche Rolle christliche Werte in der EU spielen, sehen sich deutsche und polnische Katholiken als Bündnispartner.
Von Christoph Arens (KNA)
Die katholischen Bischofskonferenzen von Deutschland und Polen wollen am Wochenende gemeinsam des Beginns des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren gedenken. Eine Chronologie der wichtigen Stationen der Versöhnung zwischen deutschen und polnischen Katholiken. Mai 1964: Mit einer Bußwallfahrt der Pax-Christi-Bewegung nach Auschwitz werden die wenigen Kontakte auf persönlicher Ebene zwischen den Kirchen verstärkt. Oktober 1965: Die Evangelische Kirche in Deutschland veröffentlicht ihre "Ostdenkschrift". Darin werden die Versöhnung mit Polen und die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie gefordert. November 1965: Während des Zweiten Vatikanischen Konzils laden die polnischen Bischöfe ihre deutschen Amtsbrüder zur 1966 anstehenden 1.000-Jahr-Feier der Christianisierung Polens ein. Das Schreiben endet mit den Worten: "In diesem allerchristlichsten und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung." Zwei Wochen später antworteten die deutschen Bischöfe: "Furchtbares ist von Deutschen und im Namen des deutschen Volkes dem polnischen Volk angetan worden. So bitten auch wir zu vergessen, ja wir bitten zu verzeihen." März 1968: Der Bensberger Kreis veröffentlicht das "Memorandum deutscher Katholiken zu den polnisch-deutschen Fragen". Darin wird deutlich ein Verzicht auf die früheren deutschen Ostgebiete angeregt. Juni 1972: Als Folge des Warschauer Vertrags zwischen Deutschland und Polen errichtet der Vatikan in den ehemals deutschen Ostgebieten neue polnische Diözesen. Oktober 1973: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und 13 katholische Verbände gründen das Maximilian-Kolbe-Werk, das Überlebende der NS-Konzentrationslager und Ghettos in Polen und Osteuropa unterstützt. 1973 bis 1978: 1973 reist erstmals der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Julius Döpfner, nach Polen. 1977 folgte ihm der neue Konferenzvorsitzende, Kardinal Josef Höffner. Im September 1978 stattet erstmals eine polnische Bischofsdelegation unter dem Vorsitz von Kardinal Stefan Wyszynski der deutschen Kirche einen Gegenbesuch ab. Im Oktober wird der Krakauer Kardinal Karol Wojtyla, der am Deutschlandbesuch teilgenommen hatte, zum Papst gewählt. Er gibt wichtige Impulse für eine weitere Annäherung. Dezember 1981: Nach der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen rufen die deutschen Bischöfe zu einer Sonderkollekte und Paketlieferungen für Polen auf. Oktober 1982: Die Heiligsprechung des im KZ verhungerten Franziskanerpaters Maximilian Kolbe feiern deutsche und polnische Katholiken gemeinsam mit einem Dankgottesdienst im Petersdom. 1993: Auf Anregung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) gründen die deutschen Bischöfe das Osteuropa-Hilfswerk Renovabis. Dezember 1995: Am 30. Jahrestag des Austausches der Versöhnungsbotschaft von 1965 veröffentlichen deutsche und polnische Bischöfe eine Gemeinsame Erklärung, in der erstmals auch von dem Unrecht gesprochen wird, das vielen Deutschen durch Vertreibung angetan worden sei. September 2005: Die Bischofskonferenzen Deutschlands und Polens bekräftigen erneut ihren Willen zur Versöhnung und Freundschaft zwischen beiden Ländern. In einer Gemeinsamen Erklärung zum 40. Jahrestag der Versöhnungsbotschaften fordern sie Deutsche und Polen dazu auf, ihre geistigen und materiellen Kräfte niemals wieder gegeneinander zu richten. Mai 2006: Benedikt XVI., der Papst aus Deutschland, besucht Polen und Auschwitz. August 2009: Die katholischen Bischöfe Deutschlands und Polens rufen in einer gemeinsamen Erklärung zum 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auf. (KNA)