Leben mit Beben
Das letzte mittelitalienische Erdbeben ging ohne Tote ab. Aber die Seismographen warnen, es wird weitere Beben geben. Die Geologen bestätigen das: der Sporn der afrikanischen Platte, auf dem Italien sitzt, bohrt sich unablässig weiter in den Unterbauch Europas, und irgendwann, in ein paar Jahren oder Jahrzehnten, entlädt sich die tektonische Spannung wieder. Es wird in Italien immer wieder Beben geben, so wie auch anderswo. Und - das ist die Provokation für unser totalversichertes Geschlecht - man kann nicht sehr viel dagegen tun. Allenfalls Häuser etwas sicherer bauen, oder in Gegenden umziehen, wo normalerweise weniger Schaden entsteht.
Das darf jetzt aber keiner sagen. Gemäß der zeitgenössischen Betroffenheitskultur muss jetzt erstmal der absolute und erhörte Notstand ausgerufen werden. Als wäre etwas so Unerhörtes und Einzigartiges passiert, dass alles andere daneben unwichtig wird, zum Beispiel solide Haushalte, die das Staatswesen stabil halten. Dabei hat die latente Staatsmisere auch Folgen auf Naturkatastrophen. Die Italiener haben durchaus bemerkt, dass sich ähnlich starke Erdbebenstöße recht unterschiedlich auswirken, je nach dem, wie ernsthaft die Bauinspektoren einer Region Pfusch am Bau ahnden, oder auch nicht. Da wo der Staat sich durchsetzt, werden die Häuser beschädigt. Da, wo die Mafia herrscht, fallen die Häuser zusammen. Das ist schon ein Unterschied.
Weniger eindeutig ist das allerdings bei jahrhundertealten Bauten: am Sonntag ist in Nursia die Kirche über dem Geburtshaus des heiligen Benedikt eingestürzt. Zum Glück wurde niemand verletzt, auch nicht die Mönche, die dort seit einigen Jahren wieder leben. Montecassino, das Kloster, das dieser selbe Benedikt 529 gegründet hat, ist schon viermal zerstört worden. Man hat jedes Mal getrauert, und dann wieder aufgebaut. Zerstörung und Tod gehören zum Leben dazu. Aber auch Auferstehung.
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