Leben vom Müll
Am Nachmittag wird dann aussortiert und an einen Händler verkauft. "So habe ich etwa 10 Reais am Tag", erzählt sie stolz - 4,30 Euro. Am Ende des Monats kommt sie auf einen Lohn von ungerechnet knapp 90 Euro. Nur wenige Meter vom Haus der Müllsammlerin entfernt schieben sich die Wellen des Atlantiks auf den fast weißen Sandstrand. Eine paar Palmen stehen am Rand. Das Rauschen der Brandung vermischt sich mit Bellen der Straßenhunde. Ein fast idyllischer Ort, wie für Touristen gemacht.
Schutz durch die Polizei
Doch Urlauber sind weit und breit nicht zu sehen - und werden auch den Weg nicht hierhin finden. Der Strand grenzt unmittelbar an die Favela "Serviluz". Hierhin sollte man sich besser nicht verlaufen.
Rund 2,5 Millionen Menschen leben in Fortaleza, etwa ein Drittel von ihnen in den sogenannten Favelas, den Armenvierteln. Die Hafenstadt im Nordosten Brasiliens liegt direkt am Atlantik und ist einer der zwölf Austragungsorte der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Doch von dem erwarteten Aufschwung rund um das Großereignis werden nur die wenigsten profitieren, vermutet Ana Maria de Freitas.
Seit zwei Jahren gibt sie den Menschen aus den Armenvierteln ihre Würde zurück – mit Müll sammeln. "Die Menschen haben erkannt, dass auch sie wertvoll sind", erklärt die Theologin und Sozialarbeiterin. Sie arbeitet für das Projekt "Cataforte" der brasilianischen Caritas. Eine nationale Initiative, die die Catadores – die Müllsammler – vereint und unterstützt.
Unterstützung durch die Kirche
In Ausbildungskursen lernen die Menschen zunächst, wie sie mit Müll Geld verdienen können. Besondere Unterstützung gibt es dabei von den Kirchengemeinden vor Ort. In den Pfarrsälen erhalten die zukünftigen Müllsammler Kurse in Hygiene. "Sich vor dem Dreck und den Bakterien, aber auch vor möglichen Übergriffen zu schützen steht an oberster Stelle", berichtet Ana Maria de Freitas. So konnte in den vergangenen Jahren die Ausbreitung von Krankheiten erfolgreich eingedämmt werden. Bei Hausbesuchen verschaffen sich die Gemeindemitarbeiter außerdem einen Überblick über die Lebensverhältnisse der Müllsammler, beraten sie und machen ihnen Mut, ihr Leben noch weiter zu verbessern. Auch gegenüber Behörden und Verwaltungen werden die Menschen aus den Armenvierteln von der katholischen Kirche unterstützt. "Die Kirche hat Gewicht und kann helfen, damit die Menschen zu ihren Rechten kommen", erklärt die Sozialarbeiterin.
Zusammen mit Eleni steht Ana Maria de Freitas im eingezäunten Hof der Müllsammlerin. Es ist ein einfacher Bau, nur wenige Quadratmeter groß. Die Müllsäcke stapeln sich an den Wänden, davor liegen Wasserflaschen, Cola-Dosen und Plastik-Müll. Er riecht nach Urin. Die gewaschene Wäsche hängt über dem Müll zum Trocknen. "Die Arbeit gibt ihnen ihre Würde zurück", erzählt die Sozialarbeiterin. Auch wenn es nur kleine Schritte sind, die Menschen sind zuversichtlich.
Bei vielen haben sich die Lebensverhältnisse in geringem Maße verbessert. Trotzdem bleibt es ein ständiger Überlebenskampf am Rande der brasilianischen Gesellschaft. Als nächstes soll mit Unterstützung der Caritas ein eigener Verein gegründet werden, damit in Zukunft der Müll nicht nur gesammelt wird, sondern auch selbst weiterverkauft werden kann. "Der bisherige Zwischenhändler zieht die Menschen über Tisch", berichtet die Sozialarbeitern. Doch bis dahin ist für die 38 Familien, die sich bislang an dem Projekt beteiligen, noch ein langer Weg.
Von Stefan Klinkhammer