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Arte zeigt neue Formen der Religiosität in Großstädten

Lifestyle und Sinnsuche

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Eine Großstadt aus der Vogelperspektive.
Baden-Baden - Glauben und Religiosität, sind sie in modernen Städten überflüssig geworden? Oder gehört die Religion in Zukunft zum Lifestyle für Besserverdienende? Die Filmemacherin Sabrina Dittus fragte in Berlin, Lagos und Istanbul nach. Sie stellte mit Staunen fest, dass weltweit neue Formen der Religiosität entstehen. Gläubig sein gelte heute nicht mehr als altmodisch, hinterwäldlerisch und konservativ.

In der Dokumentation "StadtGebete - Die Neuerfindung der Religion in der Stadt" zeigt sie, was gläubige Menschen von heute bewegt und welche Motivationen sie haben. Arte strahlt den spannenden Streifzug durch drei Großstädte in Europa und Afrika am heutigen Dienstag ab 23.35 Uhr aus.

"Ist der Himmel ausgestorben und entvölkert, die Natur entgöttert, die Welt entzaubert?" So poetisch beginnt Sabrina Dittus ihre Dokumentation über die urbanen Formen von Religiosität. Im Berliner Programmkino "Babylon" erkundet sie anschließend die Aktivitäten des "Berlin-Projekts". Der Pastor und Mitbegründer der Bewegung, Christian Nowatzy, nutzt die Vormittage des viel besuchten Szenekinos für Gottesdienste. Er baut gerade einen Altar vor dem Vorhang auf und erzählt, dass er sich nach dem Theologiestudium 2005 nicht in die vorgegebenen Strukturen einpassen, sondern lieber etwas Neues schaffen wollte. Das "Berlin-Projekt" sei eine moderne "Kirche für die Stadt" und solle "eine Gelegenheit bieten, den christlichen Glauben neu zu entdecken - auf relevante und zeitgemäße Art und Weise".

250 Religionsgemeinschaften in Berlin

300 bis 400 Besucher werden an diesem Tag erwartet, überwiegend Akademiker, junge Kreative und Menschen aus der Nachbarschaft, informiert die Autorin weiter. Die Nachfrage sei so groß, dass auch im Stadtteil Kreuzberg Räume für Gottesdienste eingerichtet wurden. Das Projekt lebe von Spenden: Etwa 20.000 Euro monatlich sei den Gläubigen ihre Kirche wert. In Berlin gäbe es derzeit etwa 250 Religionsgemeinschaften, ergänzt der Kultursoziologe Werner Schiffauer. Die Religion sei heute nicht mehr anti-urban oder traditionalistisch, sondern mobil; sie erprobe neue Kombinationen. Diese neue Form verändere beides, die Stadt und die Religion.

Lagos, bis 1991 die Hauptstadt von Nigeria, besucht Dittus als nächstes. Dort entstand an der Peripherie das "Redemption Camp", das "Camp der Erlösung", als eine Stadt Gottes mit heute 25.000 festen Bewohnern. Nigerias größte Pfingstkirche der Wiedergeborenen Christen bietet in ihrem zentralen Auditorium Platz für eine Million Menschen. Die Gemeinde verstehe sich als Gegenentwurf zu Lagos, erzählt Pastor Charles Adegoke. In den Gottesdiensten könnten die Gläubigen Mut schöpfen. Das Camp sei ein sicherer Ort ohne Kriminalität, mit Strom, Wasser, Supermärkten und einem College. Alkohol und Tabak sind verboten, zeigt die Autorin. Auffallend sei allerdings auch, dass sich das Zentrum immer mehr zu einem Spiegelbild der Stadt entwickle, mit getrennten Bereichen für reiche Sponsoren und die Ärmsten der Armen, die im hinteren Teil des Auditoriums oft tagelang campierten.

Das dritte Beispiel zeigt Basaksehir, eine moderne Wohnsiedlung am Rande Istanbuls mit 55.000 Einwohnern. Sie wären nach Basaksehir gezogen, um unter sich zu sein, sagen die Bewohner, in ein Umfeld, in dem die Gebote des Korans befolgt würden, aber gleichzeitig ein moderner Lebensstil möglich wäre. Sie hätten ihre alten Viertel verlassen, weil sie ihnen zu eng und zu ärmlich geworden waren. Für viele sei dieses Modell die Zukunft des Islam in der Türkei.

Unterschiedliche Motivationen

Die Motivationen sind weltweit unterschiedlich, fasst die Autorin ihre vielschichtige Dokumentation zusammen. Berlin jedenfalls sei keineswegs die "Hauptstadt der Atheisten". Eine junge Unternehmerin, die Räume für das "Berlin Projekt" zur Verfügung stellt, meint zum Beispiel, dass sie sich bewusst mit Gott auseinandersetze. Sie sei davon überzeugt, dass sie aus eigener Kraft nie und nimmer alles richtig machen könne.

Das letzte Wort hat der Kultursoziologe: Er warnt am Schluss der eindrucksvollen Dokumentation vor der Gefahr eines neuen Fundamentalismus, diesmal von der Seite der Säkularisten. Die neuen Bewegungen zeigten eine gewisse Tendenz zur Abschottung und Versteinerung. Einen Ausweg sieht er darin, offen zu bleiben und die neuen Formen der Religiosität in die Kultur aufzunehmen. Insgesamt eine bunte und anregende Dokumentation mit vielen bedenkenswerten Aspekten.

Von Heide-Marie Göbbel (KNA)

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