"Mein härtester Fall": Ordensfrau betet täglich für Trump
"Lieber @POTUS, nach 668 Tagen bete ich weiterhin, dass Sie eine tiefe Erfahrung mit der Liebe, dem Frieden, der Freude & Hoffnung dieser Jahreszeit machen und dass dies Ihren Führungsstil umwandelt zum Allgemeinwohl – in allen Jahreszeiten." Seit bald 700 Tagen betet Schwester Susan Rose Francois täglich für US-Präsident Donald Trump. Sie tut dies öffentlich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter und ohne ein Fan seiner Politik zu sein – ganz im Gegenteil.
Die 46 Jahre alte Ordensfrau der Gemeinschaft "Sisters of St. Joseph of Peace" schrieb kurz nach Trumps Amtseinführung im Januar 2017 den ersten Tweet. Dazu veranlasst haben sie die massenhaften Diskussionen rund um die Formulierung "alternative Fakten", die Falschaussagen des damaligen Pressesprechers des Präsidenten zur Teilnehmerzahl an Trumps Amtseinführung rechtfertigen sollte. "Ich dachte: Ich werde noch verrückt, wenn ich nicht mit einer geistlichen Übung beginne, die mich zwar beschäftigt, aber nicht zu der Negativität beiträgt", sagte Sister Susan vor einigen Tagen der "New York Times".
Mit der Amtseinführung habe sie erkannt, dass sie nun "in einer neuen Beziehung" sei – wie auch "die gesamte menschliche Gemeinschaft", schrieb sie bereits im Frühjahr 2017 für die Internetseite "Global Sisters Report". Egal was man gewählt habe und ob man überhaupt US-Bürger sei: Wegen der Bedeutung der Militär- und Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten betreffe Trump als US-Präsident die ganze Welt. Sister Susan bekennt, bereits gegen einzelne politische Maßnahmen seiner Vorgänger Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama Unterschriften gesammelt und demonstriert zu haben.
Gegenwärtig ist es der raue Ton in gesellschaftlichen Debatten, der die 46-Jährige dazu bringt, dem Ganzen das Gebet entgegenzusetzen: Das anhaltende Maß an Zwietracht und die Entmenschlichung der Personen, mit denen man nicht einer Meinung sei, entmutige sie. Deshalb sieht sie Trump als ihr Projekt – nicht nur als Präsident, sondern als Mensch. Sie beschloss, täglich für ihn zu beten und – "weil Twitter seine Hauptkommunikationsplattform ist" – ihm täglich einen Tweet zu senden.
In ihrem – noch gar nicht so langen – Ordensleben gebe es zwei Formen des Gebets, berichtete sie der "New York Times": Zum einen bete sie mit ihren Mitschwestern und zum anderen gebe es dann noch das Gebet "mit den Nachrichten". Die Geschichten daraus bildeten seit 15 Jahren die Grundlage für ihr Morgengebet, sagt die Ordensfrau, die den "Sisters of St. Joseph of Peace" erst nach ihrem 30. Lebensjahr beigetreten war.
Das Gebet für Trump sehe so aus: Sie setze sich hin und schaue, was komme. Wenn sie merke, dass eine bestimmte Sache sie beschäftige, "dann nehme ich das so lange ins Gebet, bis ich es zu einer Formulierung bringen kann, die nicht toxisch ist". Den fertig formulierten Tweet adressiert Sister Susan allerdings bewusst nicht an @realDonaldTrump, den Trump für seine berühmt-berüchtigten Tweets nutzt, sondern an den offiziellen Account des jeweiligen US-Präsidenten, @POTUS. Diese Kurznachrichten würden archiviert, sagt sie als Begründung. "Ich wollte, dass es ein Nachweisdokument in der Geschichte gibt, dass eine katholische Ordensfrau ein gewaltfreies Gebet an den Präsidenten twitterte", so Sister Susan.
Sie gebe sich nicht der Illusion hin, dass Trump höchstpersönlich ihre Tweets lese und sich davon ändern lasse. Aber an die Kraft des Gebets glaubt die Schwester. Die tägliche Gebetspraxis habe sie bereits nach wenigen Monaten verändert. Es sei eine Art Beziehung gewachsen, wenn auch nur einseitig. Durch ihre Selbstverpflichtung müsse sie auch an den Tagen für Trump beten, an denen ihr nicht danach sei: "Es ist die härteste spirituelle Übung, zu der ich mich jemals verpflichtet habe", bekennt die Ordensfrau.