Noch weit entfernt vom Paradies
Gewalttätige Ausschreitungen in Frankreich. Das russische Außenministerium bestellt den französischen Botschafter ein. Hooligans russischer und englischer Provenienz gehen mit unglaublicher Gewalt gegeneinander los. Das Leben des anderen hat keinen Wert. Das Fernsehen zeigt Bilder, wie ein Gewalttäter absichtlich einem am Boden Liegenden brutal auf den Kopf tritt.
Die Französische Polizei ist alarmiert und setzt im Zuge ihrer Fahndungen einen Bus mit 43 russischen Fußballfans fest. Moskau mutmaßt antirussische Stimmungsmache. Die Nerven liegen seit dem Konflikt in und um die Ukraine und den Wirtschaftssanktionen der EU blank.
Mit Fußball hat das alles nichts zu tun: weder das menschenverachtende Gebaren der Pseudofans noch die politische Reaktion Moskaus auf die Maßnahmen der französischen Polizei. Ein Millionenpublikum ist bei einer Fußball-EM gewiss. Der Fußball wird verzweckt.
Dabei ist Fußball ein Spiel und gerade das Spielerische bringt durch die Zweckfreiheit die Würde des Menschen in eigener Weise zum Vorschein. Gewiss, Fußball ist auch ein Milliardengeschäft und dient vielfachen Zwecken. Aber ohne das Moment des Spielerischen würde bei allem Wettbewerb auch der Fußball-EM ihr innerster Kern fehlen.
Nach dem Phänomen Fußball gefragt, hat Papst emeritus Benedikt XVI. in seiner Zeit als Erzbischof von München das Spiel als "das Heraustreten aus dem versklavenden Ernst des Alltags und seiner Lebensbesorgung in den freien Ernst dessen, was nicht sein muss und gerade darum schön ist" bezeichnet, "als ein Tun, das ganz frei ist, ohne Zweck und ohne Nötigung, und das dabei doch alle Kräfte des Menschen anspannt und ausfüllt". Es sei "eine Art versuchte Heimkehr ins Paradies". Wir sind weit vom Paradies entfernt. Versuchen wir es gleichwohl immer wieder mit der Sehnsucht nach dem Paradies, nach dem Spielerischen, als Akteure auf dem Rasen, als Zuschauer in den Stadien und vor den Bildschirmen, aber auch außerhalb der Welt des Fußballs. Nehmen wir uns die Kinder zum Vorbild.
Auch wenn der Kontext ein anderer war und es um die spontane natürliche Hilfsbereitschaft ging, so bleibt mir unvergessen, wie der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels Navid Kermani beim Requiem für Rupert Neudeck, dem Mitgründer der Organisation Cap Anamur, dessen Lieblingsvers aus dem Matthäusevangelium zitierte: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen."
Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.