Priester zeigte Mittelfinger: Brauche Geste nicht zu bereuen
Nicht Auge um Auge, aber Mittelfinger für Mittelfinger: Der Mailänder Priester Giannicola Maria Simone sieht keinen Grund, seine viral gegangene Geste am Rande der jüngsten Ausschreitungen in der norditalienischen Metropole zu bereuen. "Ich glaube nicht, dass man hier von Reue sprechen sollte", sagte der Geistliche dem italienischen "Corriere della Sera" am Donnerstag. "Hätte ich einen Schlag ausgeteilt, dann ja, aber ich habe noch nie die Hand gegen jemanden erhoben, nicht einmal in den schwierigsten Momenten."
Wie in mehreren französischen Städten war es auch in Mailand am vergangenen Wochenende zu schweren Krawallen vor allem Jugendlicher gekommen. In den Sozialen Medien sorgte ein Video für besonderes Aufsehen: Darin ist Simone zu sehen, wie er einem Jugendlichen, der in einer großen Gruppe an seiner Kirche vorbeiläuft, den Mittelfinger zeigt – als Reaktion auf dieselbe Geste des jungen Mannes unmittelbar davor.
"Überrascht mich nicht"
Der Pfarrer von Sant’Alessandro in Zebedia, einer barocken Kirche im historischen Zentrum von Mailand, betonte in dem Interview, dass er keine gewalttätigen Absichten gehabt und auch nicht weitere Wut habe schüren wollen. "Ich bin 65 Jahre alt und arbeite schon mein ganzes Leben lang mit Jugendlichen, und ab und zu muss man ihnen auch sagen: 'Pass auf, was du tust.'" In einer anderen Situation hätte er jedoch nicht so gehandelt.
Simone erklärte der Zeitung, wie es zu der Szene kam: Als die Menschenmassen in Richtung der Kirche drängten, sei er losgelaufen, um die Kirche zu schließen. "Es waren viele Menschen da, die vor den Randalierern flohen, und ich ließ sie alle herein. Es waren keine Gläubigen, sondern Touristen und andere Passanten. Sie blieben hier, bis sich der Tumult gelegt hatte." Er selbst habe vor der Kirche beobachtet, was vor sich ging. "Als diese Jugendlichen vorbeikamen, zeigte mir jemand den Mittelfinger." Sein Urteil: "Es sind Jugendliche, daher überrascht mich das nicht."
Symptom für Unbehagen
Gefahr für seine Kirche habe keine bestanden, so der Priester. Niemand von den Jugendlichen habe versucht, in das Gotteshaus zu gelangen. Mit einigen von ihnen, die sich auf die Stufen vor der Kirche gesetzt hatten, habe er zu sprechen versucht. "Ich wollte verstehen, was in ihnen vorgeht, aber die Antworten waren sehr vage. Sie sagten: 'Wir wissen nicht, warum wir hier sind, alle sind gekommen, also bin ich auch gekommen.'" Die Randalierer seinen zwar eine Minderheit unter den Jugendlichen, aber ein Symptom "für ein viel weiter verbreitetes Unbehagen", sagte Simone.
Der Pfarrer, der auch als Lehrer unterrichtet, habe von seinen Schülern gemischte Reaktionen erhalten. Es gebe Anhänger beider Lager: "Einige meiner jüngeren Mitarbeiter haben alle Online-Kommentare gelesen, weil sie sich Sorgen um mich machten." Manche Reaktionen seien sehr ideologisch und politisch motiviert. "Aber letztendlich gewinnt immer der Dialog." Sollte es am kommenden Wochenende erneut Randale geben, werde er seine Kirche wieder zusperren.